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Mehr Angebote statt Strafen
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Drogenbedingte Todesfälle mit fünf Maßnahmen reduzieren

Angesichts von mehr als 2000 Drogentoten im Jahr fordern Suchthilfe und Fachverbände Maßnahmen wie mehr Drugchecking, Substitutionsprogramme und eine flächendeckende Verfügbarkeit von Naloxon.
AutorKontaktPZ
Datum 08.07.2025  17:00 Uhr

Am Montag hat der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Professor Dr. Hendrik Streeck (CDU) den neuen Drogenbericht vorgestellt. »Die hohe Zahl drogenbedingter Todesfälle in Deutschland im Jahr 2024 ist ein alarmierendes Signal, das dringendes Handeln erfordert«, reagierten darauf fünf Fachverbände darunter die Deutsche Aidshilfe, Gesellschaft für Suchtmedizin und der Fachverband Drogen- & Suchthilfe in einer gemeinsamen Stellungnahme.

2137 Menschen starben im vergangenen Jahr an Überdosierungen und anderen Folgen des Konsums illegaler Substanzen, vor allem durch Kokain und Opioide; im Vorjahr waren es 2227. Die Fachverbände fürchten eine weitere Verschlimmerung und fordern fünf Maßnahmen. Diese sind im Wortlaut:

  1. Kommunale Frühwarnsysteme, um Trends und Veränderungen im Markt frühzeitig zu erkennen und gezielt zu reagieren. Durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsämtern, Polizei und sozialen Einrichtungen können wir schneller auf Veränderungen im Drogenkonsumverhalten reagieren und präventiv tätig werden.
  2. Drugchecking erlaubt es Konsument*innen, die Substanzen, die sie verwenden möchten, auf Reinheit und mögliche gefährliche Inhaltsstoffe zu überprüfen. So können Überdosierungen, Todesfälle und schwere gesundheitliche Schäden vermieden werden.
  3. Drogenkonsumräume bieten eine sichere Umgebung, in der Menschen unter medizinischer Aufsicht und mit sterilen Utensilien konsumieren können. So kann frühzeitig Kontakt zu Hilfsangeboten hergestellt, und Überdosierungen sofort behandelt werden.
  4. Naloxon flächendeckend verfügbar machen und Schulungen zum Umgang mit dem Notfallmedikament ausbauen . So können wir die Überlebenschancen bei Opioid-Überdosierungen und Mischintoxikationen deutlich erhöhen.
  5. Opioidsubstitutionstherapie (OST) reduziert die Mortalität und ermöglicht Drogenkonsument*innen einen Ausstieg aus Kriminalität und Konsum. Sie ist die Basis für die Wiedererlangung gesellschaftlicher Teilhabe.

Drogenpolitik sollte schützen statt strafen

Für mehr Drogenkonsumräume und ein besseres Monitoring hatte sich auch der Drogenbeauftragte ausgesprochen. Naloxon soll nach Empfehlung des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht demnächst rezeptfrei verfügbar sein. Dafür hatten sich Suchthilfeeinrichtungen stark gemacht.  Einen entsprechenden Referentenentwurf zur Änderung der Arzneimittelverschreibungsordnung legte das BMG am 17. Juni vor.

Drugchecking wird bislang nur vereinzelt angeboten und die Zahl der Arztpraxen, die substituieren, nahm demografiebedingt zuletzt ab statt zu. »Substitution mit psychosozialer Begleitung schafft echte Perspektiven und Entlastung des Gesundheitssystems«, betont Dr. Maurice Cabanis, Vorstand Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin. »Der größte Mehrwert liegt im Zugewinn an Stabilität, sozialer Teilhabe und Lebensqualität – für Betroffene und deren Angehörige.«

»Die oben genannten fünf Maßnahmen bilden bei konsequenter Umsetzung einen wirksamen Schutz vor drogenbedingten Todesfällen«, ist Dirk Schaeffer, Referent Drogen und Strafvollzug Deutsche Aidshilfe, überzeugt. Professor Dr. Heino Stöver, Vorstand akzept Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit, kritisiert: »Die aktuelle Drogenpolitik steht im falschen Fokus: Es geht nicht um Verbote, sondern um Leben retten – durch fünf effektive Maßnahmen, die gut in unserem Gesundheitssystem implementierbar sind. Schützen statt strafen lautet das Motto; ein Paradigmenwechsel, der längst überfällig ist.«

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