| Lukas Brockfeld |
| 27.01.2026 18:00 Uhr |
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) stellte am Dienstag erste Ideen für ein Primärversorgungssystem vor. / © Imago/Bernd Elmenthaler
Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag die Einrichtung eines Primärarztsystems versprochen. Mit einigen Ausnahmen sollen Patientinnen und Patienten künftig zuerst ihren Hausarzt aufsuchen, der sie dann, falls ein entsprechender Bedarf besteht, an einen Facharzt weiterleitet. So soll die Patientensteuerung verbessert und unnötige Facharzttermine vermieden werden. Mit einem Auftaktgespräch hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am heutigen Dienstag den Fachdialog zum Primärversorgungssystem gestartet.
»Das ist kein triviales Vorhaben und in seiner Komplexität nicht zu unterschätzen«, sagte die Ministerin auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz. »Wir können das Primärversorgungssystem nicht von heute auf morgen einführen. Und ganz bestimmt können wir das nicht tun, ohne die frühzeitige Einbindung aller Beteiligten.« Für den Dialogprozess wurden Verteterinnen und Vertreter der Ärzteschaft, der Krankenkassen, der Patienten und der Digitalwirtschaft eingeladen. Die Apothekerschaft wurde nicht von der Ministerin erwähnt.
Angesichts des demografischen Wandels, der knappen Ressourcen und der wachsenden Unzufriedenheit der Patienten, verspricht sich die Bundesregierung viel von dem Konzept. »Vom geplanten Primärversorgungssystem werden alle Seiten profitieren: mehr Navigation durch den ambulanten Bereich, eine schnellere Versorgung entsprechend der medizinischen Notwendigkeit sowie ein zielgerichteter und effizienter Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen«, erklärte Nina Warken.
Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Systems soll ein verlässliches digitales beziehungsweise telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sowie die Weiterentwicklung der Terminvermittlung sein. »Wir stehen am Beginn einer der zentralen Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem in diesen Jahren, die ich gemeinsam mit den beteiligten Akteuren erarbeiten und einführen möchte. Der heutige Tag war dafür ein sehr guter Start«, sagte die Ministerin.
Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung, erklärte ihre Vorstellung eines digitalen Primärversorgungssystems. »Die elektronische Patientenakte wird die zentrale Plattform sein. Versicherte geben ihre Symptome zum Beispiel in ihre Krankenkassen-App ein. Oder sie nutzen das Telefon und wählen die 116117. Dann erhalten sie eine verlässliche Einschätzung ihres medizinischen Behandlungsbedarfs«, erläuterte Stoff-Ahnis.
Ein Navigationstool soll die Patienten dann zum richtigen Ansprechpartner, also zum Beispiel zu einem Facharzt oder zur Notfallversorgung, lotsen. Unter Umständen komme auch die Selbstbehandlung infrage. Die Krankenkassen-App soll mit einer bundesweit einheitlichen elektronischen Terminbörse verknüpft werden. Ein Klick soll ausreichen, um einen Termin zu vereinbaren.
»Der eigentliche Durchbruch entsteht durch die Kopplung der drei digitalen Bausteine elektronische Ersteinschätzung, elektronische Überweisung und elektronische Terminvermittlung zu einem digitalen Versorgungspfad. Es ist höchste Zeit, das Gesundheitssystem in die digitale Gegenwart zu bringen«. so Stefanie Stoff-Ahnis. Das beschriebene elektronische Verfahren sei keine Science Fiction. »Alles was wir dafür brauchen, liegt schon bereit.«
Auch Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hält eine bessere Patientensteuerung durch ein Primärversorgungssystem für notwendig. Dem KBV-Chef war dabei die zentrale Rolle der Ärzteschaft wichtig. »Sie brauchen eine ärztliche Kompetenz, um eine Diagnose zu stellen, das kann sonst niemand. Deswegen kann das System nicht an den Ärzten vorbei gehen, und ich habe auch nicht den Eindruck, dass das geplant ist.«
Viele Praxen und Notaufnahmen seien laut Gassen regelmäßig mit kleinen medizinischen Problemen konfrontiert, die sich mit gesundem Menschenverstand selbst lösen ließen. Daher sei nicht in jedem Fall ein Arztbesuch notwendig. »Ich verstehe das Primärversorgungsystem als primär ärztliches System. Doch dass man mit zusätzlichen Komponenten wie die digitale Ersteinschätzung eine niedrigere Einstiegsschwelle generiert, halte ich nicht für einen Widerspruch«, so der KBV-Chef.
Warken erklärte, dass ihr Ministerium den Fachdialog fortführen und bis zum Sommer einen Referentenentwurf erarbeiten wolle. Die Ministerin hofft, dass es noch in diesem Jahr einen Kabinettsbeschluss geben wird. »Wenn das Gesetz verabschiedet ist, braucht es sicherlich einige Zeit, bis es implementiert ist. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wir gehen davon aus, dass wir 2028 die ersten Wirkungen haben werden«, so Warken.
Die genauen Kosten des Vorhabens und die möglichen Auswirkungen auf die prekären GKV-Finanzen lassen sich laut der Ministerin noch nicht genau einschätzen. »Es wird kein Spargesetz, und es wäre schwierig, genau zusagen, was an Sparpotenzial zu heben ist. Wir haben aktuell oft Doppelbehandlungen und ungesteuerte Arztbesuche. Da ist viel Potenzial vorhanden, wenn wir die Menschen gezielter durch das System lotsen«, sagte Nina Warken.