| Alexandra Amanatidou |
| 03.02.2026 18:00 Uhr |
Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration gegen das iranische Regime in Berlin. / © Imago/Mehrdad Samak-Abedi
Internationale Organisationen wie Amnesty International berichten von Festnahmen und Einschränkungen des medizinischen Personals im Iran im Rahmen der Massenproteste. Diese brachen Ende Dezember auch aufgrund der wirtschaftlichen Situation im Land aus und wurden am 8. und 9. Januar vom Sicherheitsapparat brutal niedergeschlagen. Das in den USA ansässige Menschenrechtsnetzwerk HRANA hat bislang den Tod von mehr als 6400 Demonstranten verifiziert. Mehr als 50.000 Menschen seien demnach festgenommen worden.
Ärztinnen, Ärzte und medizinisches Personal sollen verhaftet worden sein, weil sie Protestierenden geholfen haben. Dies wurde vom Medizinischen Rat der Islamischen Republik Iran bestätigt. Die iranische Zeitung »Shargh« veröffentlichte zudem die Namen von 25 Ärztinnen, Ärzten und Beschäftigten des Gesundheitswesens, die Anfang Januar festgenommen worden sein sollen. Laut einem Schreiben des Weltärztebundes (WMA) wurden einige der verhafteten Ärztinnen und Ärzte in den Provinzen Isfahan und Bakhtiari, südlich von Teheran, sogar mit der Todesstrafe bedroht.
Laut der britischen BBC wurden Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern festgenommen, weshalb viele während der Proteste die Kliniken mieden. Auch die PZ hat bereits von solchen Fällen berichtet.
Das Regime macht offenbar auch vor Apotheken nicht halt. Die PZ hat mit iranisch-deutschen Apothekerinnen und Apothekern hierzulande gesprochen und Informationen über die Situation vor Ort gesammelt. Diese Informationen lassen sich nicht unabhängig verifizieren und basieren auf Erzählungen ihrer Netzwerke im Iran.
Von »engmaschigen Kontrollen im Gesundheitswesen« berichtet eine iranisch-deutsche Apothekerin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte. Auch Apothekerin Shahin Arzani, mit der die PZ bereits gesprochen hat, bestätigt, dass Bestellungen und Abgaben von Medikamenten stark vom Staat reguliert und verfolgt werden. Die Abgabe von Medikamenten könnte jene Protestierenden enttarnen, die vom iranischen Regime als »Terroristen« und »Feinde« bezeichnet werden und von Sicherheitskräften verletzt wurden.
Um die Protestierenden nicht in Gefahr zu bringen, sollen die Medikamente unter falschem Namen erworben worden sein. Apothekerinnen und Apotheker sollen zudem heimlich die Wohnungen von Protestierenden besucht haben, um ihnen die Medikamente zu liefern. Vieles läuft offenbar auch über den Schwarzmarkt und ohne Rezept. Dies teilte der Apotheker Nojan Nejatian der PZ am Telefon mit. Seine Quellen stammen aus der iranischen Stadt Qazvin, die zwei Stunden nordwestlich der iranischen Hauptstadt Teheran liegt. Von ähnlichen Fällen haben auch die beiden anderen Apothekerinnen berichtet.
»Wir dürfen leider keine Namen von Menschen im Iran nennen«, sagt er und weist auf Sicherheitsgründe hin. Die Sicherheit der Menschen vor Ort und die Angst, dass ihnen durch die Berichterstattung in Deutschland etwas passieren könnte, teilen alle drei. Aus Angst vor Abhörung werden mit Freunden und Familie keine ausführlichen schriftlichen Nachrichten ausgetauscht, sondern nur kurz telefoniert. Nejatian will jedoch nicht anonym bleiben. »Für mich ist es wichtig, dass diese Gräueltaten ans Tageslicht kommen.«
Die Apothekerin, die anonym bleiben möchte, soll jeden Tag »schreckliche Bilder« und »schreckliche Nachrichten« aus dem Iran erhalten. Die Fotos, die sie der PZ vorgelegt hat, zeigen Verletzungen an den Beinen und am Kopf. Auf einigen Bildern sind auch Tote zu sehen. »Ich möchte nicht traurig sein, ich möchte kämpfen«, sagt sie. Die Apothekerin ist politisch aktiv und gehört dem Netzwerk »Patriotic Doctors of Iran« an, das auf Social Media stark mit dem Kronprinzen Reza Pahlavi sympathisiert. Dieser lebt im Exil in den USA und ist eine umstrittene Figur. Während seine Anhänger ihn als Hoffnungsträger sehen, halten ihn andere für politisch irrelevant. Dem Netzwerk gehören eigenen Angaben zufolge medizinisches Personal in Europa und den USA an.
»Viele deutsche Apotheker können nicht wissen, mit welchen Problemen ihre Kollegen im Iran jetzt zu tun haben«, sagt sie. Durch ihr Netzwerk im Inland hat sie von zwei Verhaftungen von Apothekern in Teheran und der südwestlichen Stadt Ilam erfahren. Diese sollen wieder freigelassen worden sein, nachdem sie eine Bestätigung unterschrieben hatten, dass sie den »Kriminellen«, also den Protestierenden, nicht weiterhelfen würden. Diese Informationen lassen sich nicht unabhängig verifizieren und wurden bislang nicht von einer zweiten Quelle bestätigt. Dennoch soll das Khomeini-Krankenhaus in Ilam Anfang Januar laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angegriffen worden sein. Nach der Einlieferung von Verletzten in das Krankenhaus kam es demnach innerhalb und außerhalb der Einrichtung zu Gewalttätigkeiten. Die medizinische Versorgung sei unterbrochen worden.
Auch Nejatian bestätigt, dass die Apothekerinnen und Apotheker es sehr schwer haben. »Sie spielen mit ihrer Freiheit. Sie könnten auch verhaftet werden, wie viele Ärztinnen und Ärzte«, sagt der Apotheker, der im Vorstand des Deutsch-Iranischen Vereins für medizinische Wissenschaften ist. Das Netzwerk besteht aus persischsprachigen Wissenschaftlern und Ärzten.
Die Gewalt im iranischen Gesundheitswesen wurde hierzulande von vielen scharf verurteilt. Der CDU-Abgeordnete Sascha van Beek bezeichnete die Situation gegenüber der PZ als »absolutes No-Go« – sowohl aus humanitärer als auch aus völkerrechtlicher Sicht. Er forderte »jegliche Art von Sanktionen«. Mit der Einstufung der iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation durch die Europäische Union sei ein wichtiger Durchbruch erzielt worden. »Jetzt muss jegliche andere Art von politischer und wirtschaftlicher Isolation weiter stattfinden«, sagte van Beek, der im Gesundheits- und Menschenrechtsausschuss der Bundesregierung sitzt.
»Wer Ärztinnen, Pfleger und Rettungskräfte verfolgt, weil sie Verletzte behandeln, erklärt Menschlichkeit zum Verbrechen. Die Bundesregierung muss die Unantastbarkeit der Gesundheitsarbeit fordern«, sagte die Linke-Abgeordnete Stella Merendino, die ebenfalls Mitglied des Gesundheitsausschusses ist, gegenüber der PZ. »Die Verantwortlichen für diese Repression gehören international zur Rechenschaft gezogen«, so Merendino.
»Gesundheitseinrichtungen, medizinisches Personal sowie Patientinnen und Patienten dürfen weder angegriffen noch für politische Zwecke instrumentalisiert werden«, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, laut einer Pressemitteilung. Auch der Weltärztebund und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben in den vergangenen Tagen das Vorgehen der iranischen Behörden gegen Gesundheitspersonal sowie gegen Patientinnen und Patienten scharf kritisiert.