| Laura Rudolph |
| 07.07.2025 18:00 Uhr |
Rund 50 Studierende nahmen am Medikationsanalyse-Seminar in Jena teil. Das Betreuerteam bestand aus Stefan Göbel, Ulrike Eimer, Eva-Maria Grohs und Dr. Annegret Fröbel (vorne, von links). / © PZ/Laura Rudolph
Das Projekt an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) in Jena ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit: Im Seminar »Einführung in die Medikationsanalyse« bearbeiten Pharmaziestudierende des achten Semesters echte Patientenfälle. Betreut werden sie dabei von einem Team um Stefan Göbel von der Brücken-Apotheke im hessischen Heringen. Bei der Ergebnispräsentation ist die behandelnde Hausärztin der Patienten mit dabei, die den Studierenden direktes Feedback gibt und die Verbesserungsvorschläge anschließend umsetzen kann.
Das Seminar gibt es mittlerweile seit sieben Jahren. Initiiert hat es Göbel, der vor rund 20 Jahren selbst in Jena studiert und den Praxisbezug sehr vermisst hat. Ins Leben gerufen wurde es schließlich mit Unterstützung von Privatdozent Dr. Andreas Seeling, der Lehrveranstaltungen an der FSU im Bereich Klinische Pharmazie koordiniert.
»Ich finde es immer wieder schön, bei den Studierenden zu sein und ich mag das Gefühl, wenn man ihnen etwas vermitteln kann«, sagt Apotheker Göbel. Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) sei genau das Kerngebiet, für das Apotheker prädestiniert seien – das aber in der Ausbildung oft zu kurz komme und das darüber hinaus auch von der Öffentlichkeit häufig zu wenig wahrgenommen werde.
»Da habe ich mir überlegt, dass man doch wunderbar den zukünftigen Generationen beibringen kann, wie man pharmazeutisch besser und fundierter arbeitet und wie man Patienten interdisziplinär zusammen mit den Ärzten betreut – um langfristig die Versorgung zu verbessern, aber natürlich auch, um unser Berufsbild zu verändern«, erklärt der Apotheker. Beim Seminar unterstützen ihn seine Kolleginnen Eva-Maria Grohs und Ulrike Eimer – »und natürlich das ganze Apothekenteam, das uns in Heringen den Rücken freihält«.
In einer Online-Auftaktveranstaltung am 30. Juni lernten die Studierenden zunächst die Grundlagen und Werkzeuge kennen, die sie für eine Medikationsanalyse benötigen. Am 2. Juli ging es dann im Hörsaal praktisch los: Sieben Gruppen zu je sieben Studierenden erhielten jeweils einen anonymisierten Patientenfall samt Medikationsplan, aktuellen Diagnosen und Laborwerten.
Gruppenweise bearbeiteten die Studierenden Patientenfälle. / © PZ/Laura Rudolph
Zunächst recherchierten die Gruppen rund drei Stunden in Fach- und Wechselwirkungsdatenbanken und schauten in aktuelle Leitlinien, um sich mit dem Krankheitsbild des Patienten auseinandersetzen. Erst in der zweiten Hälfte des Seminartags durften sie eine AMTS-Software nutzen. Eine Zusatzaufgabe bestand in diesem Jahr erstmals darin, die eigenen Ergebnisse mit denen von ChatGPT zu vergleichen.
Susanne G., die zum Semestersprecher-Duo gehört, freute sich darüber, dass das Seminar so anwendungsorientiert ist: »Es hat wirklich Spaß gemacht, sich mal hinzusetzen und einen Fall in der Praxis durchzugehen – und auch alle erforderlichen Informationen dazu zu bekommen. Manchmal bekommen wir in den Vorlesungen grobe Beispiele gezeigt, aber nie anhand einer vollständigen (Hyper-)Polymedikation, wie es hier der Fall war.«
Die Studentin kritisierte überdies veraltete Strukturen im Pharmaziestudium. »Ich persönlich finde, es gehört deutlich reformiert. Wir haben – neben vielen guten – auch viele Veranstaltungen, die uns nicht wirklich etwas bringen. Natürlich vermitteln Chemie- und Physikveranstaltungen Grundkenntnisse, aber die Frage ist, ob wir diese so intensiv brauchen.« Dagegen vermisse sie mehr praxisbezogene Inhalte.
Neben Praktika, Vorlesungen, Seminaren und Prüfungen bleibe nur noch wenig Platz für »die wirklich interessanten Sachen«, sagte die Studentin. »Teilweise fanden Veranstaltungen samstags statt, weil sie nicht mehr in den Lehrplan gepasst haben.«
Am zweiten Seminartag präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse. Im Auditorium saß auch Dr. Annegret Fröbel, Fachärztin für Allgemeinmedizin am Hausarztzentrum Heringen, die die Patienten aus den Fallbeispielen betreut. In diesem Jahr war sie bereits zum dritten Mal dabei.
»Die Patienten sind meistens richtig stolz und freuen sich, wenn ihr Fall im Seminar drankommt«, verriet die Ärztin. Die Ergebnisse der Studierenden fand sie »richtig gut«. Die Fälle seien besonders komplex gewesen. »Die Studierenden haben das wirklich gut gemacht.« Interessanterweise waren sowohl die Studierenden als auch das Betreuerteam positiv von den Antworten von ChatGPT überrascht, wobei diese nicht die Qualität von AMTS-Software erreichen.
Die Hausärztin bewertete die Vorschläge, die Apotheker im Rahmen einer Medikationsanalyse machen, als Zugewinn – was aber nicht für alle Kollegen gelte. »Es gibt natürlich auch Ärzte, die es kritisch sehen mit der Medikamentenanalyse – und die sehr strikt der Meinung sind, dass es eine ärztliche Aufgabe ist, und die sich nicht so gerne Vorschriften machen lassen.« Für sie selbst seien die Anregungen jedoch sehr positiv – zumal die Entscheidung über die Therapie letztlich Arztsache bleibe. »Außerdem äußern Patienten in der Apotheke manchmal auch Beschwerden oder Probleme, von der die Hausarztpraxis gar nichts wusste.«
Das Seminar hält Fröbel für sehr wichtig, um Studierenden die Angst vor Medikationsanalysen, aber auch vor der Kommunikation mit Ärzten zu nehmen. »Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen: der Arzt, der Apotheker und der Patient. Es geht darum, die Therapie für den Patienten sicher zu machen und ihm Lebensqualität zu schenken. Der Patient sollte für uns alle im Zentrum des Ganzen stehen. Und wie immer im Leben gilt: Wenn wir miteinander reden, können wir es nur besser machen.«
Das Seminar will das Team aus Heringen in den kommenden Jahren wieder anbieten. »Es ist einfach ganz viel Herzensangelegenheit, ganz viel Motivation. Und es ist die einmalige Chance, Menschen so kurz vor dem Berufseinstieg etwas mitzugeben, das sie in der Praxis anwenden können, um langfristig die Versorgung von Menschen zu verbessern«, sagte Göbel abschließend.