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Sarah Lucas
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Die Frau mit den Eiern

Welches Bild wir vom Menschen haben, wie wir einander sehen und auf welche Stereotype vor allem weibliche Körper reduziert werden, damit setzt sich die britische Künstlerin Sarah Lucas auseinander. Die Kunsthalle Mannheim zeigt mit der Ausstellung »Sense of Human« aktuell einen Querschnitt aus fast vier Jahrzehnten ihrer Werke.
AutorKontaktAngela Kalisch
Datum 02.07.2024  07:00 Uhr

Das Selbstporträt von Sarah Lucas aus dem Jahr 1996 gehört längst zu den ikonischen Fotografien unserer Zeit. Lässig gekleidet, mit ausdruckslosem Blick und betont breitbeinig sitzt die Künstlerin in einem Sessel, auf der Höhe der Brust zwei Spiegeleier. »Fried Eggs« bezeichnet im englischen Slang die flachen Brüste einer Frau und genau darauf fällt unweigerlich der erste Blick. Bei näherer Betrachtung ist es vor allem die Pose, die irritiert: raumgreifend, wie es gelegentlich bei Männern im öffentlichen Raum beobachtet werden kann, »Manspreading« nennt sich das Phänomen.

Frech und provokant rüttelt die Künstlerin in diesem Bild an den sozialen Zuschreibungen, die auf Frauen und Männer angewendet werden und wirft die Frage auf, warum ein Verhalten oder ein Accessoire eigentlich als typisch männlich oder weiblich wahrgenommen wird.

Bereits seit Ende der 1980er-Jahre ist Sarah Lucas in der Kunstwelt bekannt, zunächst als Teil der retrospektiv als »Young British Artists« bezeichneten Gruppe, zu der als einer der bekanntesten Vertreter unter anderem Damien Hirst gehörte. Von Anfang an sah sich Lucas vor die Herausforderung gestellt, sich auch im Kulturbereich gegen die männliche Dominanz in der Szene behaupten zu müssen.

Aufgewachsen in den 1960er-Jahren in einer Arbeiterfamilie war der Zugang zur Kunst für sie nicht selbstverständlich. Entsprechend rebellisch setzte sie sich in ihren Werken mit der Geschlechter(un)gerechtigkeit auseinander, fand einen produktiven Weg, Normen zu hinterfragen, gewohnte Strukturen aufzubrechen und Sexismus öffentlich zur Schau zu stellen.

Brüste auf High Heels

In ihren Skulpturen, Installationen und Fotografien verbindet Sarah Lucas Körperliches und Gegenständliches auf surreale Weise und lotet oftmals auch die Grenzen des Geschmacks aus. Sehgewohnheiten und Erwartungen an Körperideale werden in den Kunstwerken spielerisch infrage gestellt, ohne moralisch erhobenen Zeigefinger, dafür mit Sinn für Humor. Das zeigt sich beispielsweise in den »Bunnys«, gesichtslosen Figuren, die aus ausgestopften Damenstrumpfhosen geformt wurden. Sie bestehen größtenteils aus weiblichen Brüsten, Wülsten und Beinen in hochhackigen Schuhen. Derart auf ihre weiblichen Merkmale reduziert, räkeln sie sich auf Motorhauben oder hängen auf Möbeln, gehen in diese über, verschmelzen mit Gegenständen. Obwohl die Bunnys keine vollständigen menschlichen Körper darstellen, nehmen sie eine Stellvertreterrolle ein, weisen weit über sich hinaus und sagen viel über uns selbst aus. Die neueste Generation der Bunnys ist aus Bronze gefertigt, sie stehen vor Zerrspiegeln und lassen so die Betrachtenden Teil des Kunstwerks werden.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim zeigt Werke aus fast vier Jahrzehnten. Seit Sarah Lucas als Angry Young Artist zu Beginn ihres Schaffens ihrer Wut gegen patriarchale Strukturen Ausdruck verleihen musste, hat sich viel geändert. Und doch haben ihre Arbeiten nichts an Aktualität verloren.

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Männer

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