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Handelsblatt-Tagung 
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Die deutsche Pharmabranche in einer chaotischen Welt 

Die deutsche Pharmaindustrie ist kein gewöhnlicher Wirtschaftszweig, sondern könnte in den kommenden Jahren von entscheidender wirtschaftlicher und politischer Bedeutung sein. Das war eine der Erkenntnisse der Handelsblatt-Jahrestagung »Pharma 2026« in Berlin. 
AutorKontaktLukas Brockfeld
Datum 10.02.2026  18:15 Uhr

Die wirtschaftliche und politische Weltlage ist aktuell so unsicher wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch wie steht es in all dem Chaos um den Pharmastandort Deutschland? Und was muss getan werden, um die heimische Industrie zu unterstützen? Das waren zwei der am Diestag bei der Handelsblatt-Jahrestagung »Pharma 2026« in Berlin diskutierten Themen. 

Der Veranstaltungstag begann mit einem eröffnenden Kommentar von Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Steutel erklärte, dass die Pharmaindustrie von allen großen deutschen Wirtschaftszweigen die besten Zukunftschancen habe. Doch angesichts der klammen Gesetzlichen Krankenversicherung fand der vfa-Präsident auch mahnende Worte: »Es ist einfach zu denken, dass ein System mit Sparmaßnahmen gerettet werden kann. Ich sage Ihnen, das wird uns nicht helfen, sondern uns in Wissenschaft und Innovation zurückwerfen.« 

Pharma als Faustpfand 

Anschließend wurden die Probleme und Chancen des deutschen und europäischen Pharmastandorts ausführlich bei einer Podiumsdiskussion besprochen. Dazu waren Dorothee Brakmann (Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland), Christiane Bardroff (COO von Rentschler Biopharma), Marc P. Philipp (Partner und Managing Director von Kearney) und Jens Südekum (Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf) eingeladen. Die Moderation übernahm der Wissenschaftsjournalist Gerd Wirtz.

Jens Südekum bezeichnete die verbreitete Annahme, dass die Attraktivität des deutschen Wirtschaftsstandorts vor allem von den Faktoren Bürokratie, Steuern und Energiepreisen abhänge, als »unterkomplex«. »Wir haben völlig veränderte Rahmenbedingungen und leben in einer Welt, die wir nicht kennen und die es so vor 36 Monaten noch nicht gab. Darauf müssen wir uns einstellen. Die Pharmaindustrie spielt dabei eine absolut entscheidende Rolle«, so der Ökonom. 

Europa sei in vielen Bereichen von den USA und China abhängig, doch die Pharmabranche gehöre zu den Wirtschaftszweigen, in denen der Rest der Welt auf Europa angewiesen sei. »Wir brauchen eine starke Pharmaindustrie als Faustphand. Wenn Trump als nächstes auch noch Helgoland haben will, dann müssen wir dem etwas entgegensetzen. Dafür brauchen wir eine starke Pharmaindustrie und eine Politik, die die Pharmaindustrie fördert«, erklärte Südekum. 

Ängstliches Deutschland im globalen Wettbewerb

Auch Dorothee Brakmann sieht die Bundesrepublik in einer neuen globalen Gesamtlage. Sie äußerte allerdings Zweifel, dass das allen Akteuren in Politik und Wirtschaft bewusst sei: »Wir waren mal die Apotheke der Welt. Hat Deutschland wirklich verstanden, dass man sich im Wettbewerb extrem anstrengen muss? Dass man Industrie halten und zurückgewinnen muss? Wir tun immer so, als sei jetzt ein guter Zeitpunkt zum Sparen. Wir haben jetzt die einmalige Chance, die Welt neu zu sortieren.« Deutschland müsse jetzt handeln, um das »window of opportunity« nicht zu verpassen. 

Für Christiane Bardroff ist die hohe Qualität der deutschen Pharmaprodukte ein großer Standortvorteil. Doch die Bundesrepublik sei oft zu ängstlich, es falle schwer attraktiv für Fachkräfte zu sein und Innovationen umzusetzen. »Auch der Energiepreis ist relevant. Die Pharmabranche ist energieintensiv und wir müssen kompetitiv bleiben«, so Bardroff. 

Marc P. Philipp berichtete, dass insbesondere die USA, Großbritannien und die Schweiz aggressiv Fachkräfte abwerben würden. »Ich kenne viele Pharmavorstände, die gerne mehr für  Deutschland tun wollen. Aber die können nichts in Deutschland aufbauen, wenn es in England oder der Schweiz besser ist«, sagte Philipp. Gerade die Bereiche Innovation und Forschung müssten in Deutschland angesiedelt sein. Doch auch hier sei die Bundesrepublik abgehängt. Maßnahmen wie das Medizinforschungsgesetz könnten die Situation zwar verbessern, aber seien nicht ausreichend, um den Standort an die Weltspitze zu führen. 

Auch China und die USA haben Probleme 

Nach der Podiumsdiskussion berichteten die Handelsblatt-Korrespondenten Martin Benninghof und Laurin Meyer von der Situation der Pharmaindustrie in den USA und China. Laut Benninghof hat die Volksrepublik einen Vorsprung bei der Infrastruktur, Geschwindigkeit und der Datennutzung. »Doch die Chinesen haben große Schwierigkeiten, ausländische Fachkräfte in ihr Land zu holen. Bei der Regulatorik und dem Datentransfer gibt es aufgrund der Sicherheitsgesetze Probleme. Auch in der Forschung sind Europa und Deutschland mit all ihrer Erfahrung weiter«, so der China-Korrespondent. 

Laurin Meyer erklärte, dass die USA bei der Finanzwirtschaft und den Investitionen einen großen Vorsprung zu Europa haben. Außerdem sähen die amerikanischen Bundesstaaten die Biotechbranche als strategische Schlüsselbranche für ihren Standort und unterstützten sie daher  großzügig. »Regulierung, Marktzugang, Patentschutz, in all diesen Bereichen locken die USA mit besseren Bedingungen«, erklärte Meyer. Trotz der Trump-Regierung seien die Vereinigten Staaten noch immer ein herrausragender Forschungsstandort, »und daran wird sich grundsätzlich so schnell nichts ändern«, so Meyer. 

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