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Özdemir im Interview 
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»Der Rückgang der Apothekenzahl alarmiert mich«

»Wir brauchen eine Apothekenreform, die ihrem Namen gerecht wird und Apotheken strukturell absichert«, sagt Cem Özdemir, Spitzenkandidat von Bündnis 90/ Die Grünen für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, gegenüber der PZ. Er verrät auch, wie Baden-Württemberg in Zukunft inhabergeführte Vor-Ort-Apotheken erhalten könnte.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 29.01.2026  07:00 Uhr

PZ: Wie wollen Sie sicherstellen, dass insbesondere in ländlichen Regionen Baden-Württembergs die wohnortnahe medizinische Versorgung – einschließlich der Apothekenversorgung – langfristig gesichert wird?

Cem Özdemir: Mein Angebot für eine gute medizinische Versorgung sind gezielte Investitionen in eine moderne Krankenhausinfrastruktur, in mehr Medizinstudienplätze und in die verlässliche Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020. Mit der gezielten Förderung der Landarztquote und der Einführung einer Kinderlandarztquote möchte ich zudem dafür sorgen, dass Arztpraxen in unterversorgten Regionen schneller nachbesetzt werden und medizinische Hilfe dort ankommt, wo sie dringend gebraucht wird. Die Stärkung der Pflege ist ein weiterer wichtiger Punkt. Pflegefachkräfte verfügen über großes Fachwissen und sie können die Gesundheitsversorgung in Kommunen und Gemeinden deutlich stärken. Damit neue Berufsbilder wie die Community Health Nurse flächendeckend wirken können, sind jedoch Anpassungen der bundesrechtlichen Rahmenbedingungen erforderlich.

Auch Apotheken sind ein fester Bestandteil der Daseinsvorsorge – oft die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Fragen und ein verlässlicher Ort, an dem medizinische Hilfe unmittelbar greifbar wird. Gerade bei Prävention, Impfungen oder Früherkennungstests können und sollten Apotheken eine noch größere Rolle spielen. Alle Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, brauchen einen einfachen Zugang zu einer Präsenzapotheke mit approbierten Apothekerinnen und Apothekern. Der Trend geht jedoch in die falsche Richtung: Der Rückgang der Apothekenzahl alarmiert mich. Wir brauchen daher eine Apothekenreform, die ihrem Namen gerecht wird und Apotheken strukturell absichert.

Wenn wir auch in Zukunft inhabergeführte Vor-Ort-Apotheken in Baden-Württemberg erhalten wollen, brauchen wir eine existenzsichernde Basisvergütung.
Cem Özdemir, Spitzenkandidat von Bündnis 90/ Die Grünen für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg 

PZ: In Ihrem Wahlprogramm schreiben Sie, dass Sie die Apotheke vor Ort stärken wollen, um eine wohnortnahe Versorgung zu sichern. Die Apotheken beschweren sich jedoch über steigende Kosten und die ausbleibende Fixumserhöhung. Wie wollen Sie Apotheken konkret stärken?

Cem Özdemir: Ich sehe das Problem. Wenn wir auch in Zukunft inhabergeführte Vor-Ort-Apotheken in Baden-Württemberg erhalten wollen, brauchen wir eine existenzsichernde Basisvergütung. Hier müssen wir aus Baden-Württemberg heraus weiterhin Druck auf die Bundesregierung ausüben. Die grüngeführte Landesregierung hat hier bereits einiges unternommen. Baden-Württemberg hat als Vorsitzland der Gesundheitsministerkonferenz einen Beschluss verfasst, der den Bund auffordert, gemeinsam mit den Ländern neue Finanzierungskonzepte für Apotheken zu erarbeiten, die insbesondere die flächendeckende Arzneimittelversorgung in den Fokus stellen. Diesen Druck müssen wir weiter aufrechterhalten. 

PZ: In Ihrem Wahlprogramm fordern Sie die regionale und nachhaltige Produktion von Arzneimitteln und Medizinprodukten. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Cem Özdemir: Als es im Winter 2023 zu Engpässen bei wichtigen Medikamenten kam, waren wir froh, dass Apotheken beispielsweise Fiebersäfte für Kinder selbst hergestellt haben. Das verdeutlicht, wie wichtig Apotheken für die Versorgungssicherheit sind. Für mich ist klar: Eine Stärkung der Apotheken bedeutet immer auch die Förderung einer resilienten regionalen Arzneimittelproduktion.

Zudem verfügt Baden-Württemberg über eine hervorragend aufgestellte Pharma- und Gesundheitswirtschaft. Hier können wir auf wichtige Initiativen zurückgreifen. So hat Winfried Kretschmann das Forum Gesundheitsstandort BW ins Leben gerufen. Dieses setzt sich unter anderem dafür ein, die regulatorischen Rahmenbedingungen für die regionale Arzneimittelentwicklung zu verbessern, bürokratische Hürden abzubauen und den Pharmastandort zu stärken. Ziel ist es, Forschung und Entwicklung innovativer und nachhaltiger Arzneimittel, etwa für seltene Erkrankungen, gezielt voranzubringen. Die Förderung und Stärkung dieser Branche hat für mich eine hohe Priorität.

PZ: Die Pharmaindustrie beschwert sich über die Kosten, die durch die Umsetzung der Kommunalabwasserrichtlinie der Europäischen Union entstehen könnten. Mit welcher Unterstützung kann die Branche rechnen?

Cem Özdemir: Zuallererst begrüße ich die Kommunalabwasserrichtlinie der Europäischen Kommission. Die flächendeckende Etablierung der sogenannten vierten Reinigungsstufe bei Kläranlagen ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Wasserqualität und sauberes Trinkwasser. Nun liegt es am Bundesumweltministerium, diese Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Für mich ist dabei klar, dass dies bürokratiearm und praxistauglich für die betroffenen Unternehmen erfolgen muss. Was die konkrete Unterstützung der Branche betrifft, ist die Ausgangslage in Baden-Württemberg eindeutig: Das Land nimmt bundesweit bereits eine Vorreiterrolle ein und setzt zentrale Anforderungen der Kommunalabwasserrichtlinie schon frühzeitig um, noch bevor die europaweit verpflichtende Nachrüstung größerer Anlagen greift. Baden-Württemberg fördert den Ausbau der vierten Reinigungsstufe seit Jahren mit erheblichen Landesmitteln. Mit Stand Dezember 2025 sind 34 Kläranlagen entsprechend ausgestattet, 31 weitere Anlagen befinden sich in Planung oder im Bau. Das ist bundesweit einmalig. Baden-Württemberg muss sich hier wahrlich nicht verstecken.

Für mich ist klar: Eine Stärkung der Apotheken bedeutet immer auch die Förderung einer resilienten regionalen Arzneimittelproduktion.
Cem Özdemir, Spitzenkandidat von Bündnis 90/ Die Grünen für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg 

PZ: Prävention gilt als Schlüssel zur Kostenstabilität. Wie wollen Sie Präventionsmaßnahmen stärken und wie wollen Sie Menschen erreichen, die nicht so häufig zum Arzt gehen oder die Sprache nicht so gut beherrschen? Welche Rolle könnten Apotheken dabei spielen?

Cem Özdemir: In Deutschland steckt der Präventionsgedanke im Gesundheitswesen noch in einer kleinteiligen Projektitis. Dabei sollte Prävention in der Gesundheitspolitik dem kurativen Ansatz gleichwertig gegenüberstehen. Wir brauchen einen umfassenden Ansatz, der gesunde Lebenswelten und -realitäten für die Bürgerinnen und Bürger fördert. Ausgangspunkt muss die Frage sein, wie wir Krankheit und Pflegebedürftigkeit verzögern und im besten Fall ganz verhindern können. Baden-Württemberg erarbeitet derzeit als erstes Bundesland einen sogenannten Health-in-All-Policies-Ansatz, bei dem Gesundheit in allen Politikfeldern mitgedacht wird. Diese Erkenntnisse müssen in die Politik der kommenden Legislaturperiode einfließen.

Prävention muss früh ansetzen: beispielsweise durch die Stärkung der Schulsozialarbeit sowie durch gesunde und kostenlose Mittagsangebote an Startchancen-Schulen. Zudem müssen Präventionsangebote in den Kommunen ausgebaut werden. Der Öffentliche Gesundheitsdienst, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Pflege- und Gesundheitsfachkräfte, Sportvereine und insbesondere auch Apothekerinnen und Apotheker sollten fest in kommunale Präventionsstrukturen eingebunden werden. Ich sehe hier großes Potenzial. Die kommunalen Gesundheitskonferenzen auf Landkreisebene können gemeinsam mit den Krankenkassen eine koordinierende Rolle übernehmen und passgenaue Angebote schaffen. Mit einem solchen Ansatz steigern wir nicht nur die Lebensqualität und Teilhabe, sondern entlasten nachhaltig die Versorgungsstrukturen.

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