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Heidi Reichinnek im PZ-Interview
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»Da steht der Vorwurf im Raum, dass sich Frauen nur eine Fettabsaugung bezahlen lassen wollen«

Die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek sieht eine strukturelle Benachteiligung von Frauen im Gesundheitssystem, etwa durch zu wenig Aufklärung über frauenspezifische Erkrankungen. Im PZ-Interview betont Reichinnek die zentrale Rolle von Apotheken, die Bedeutung früher Therapien etwa bei Lipödemen – und berichtet offen von ihren eigenen Erfahrungen mit schwerer Migräne.
AutorAlexander Müller
Datum 02.01.2026  09:30 Uhr

PZ: Warum ist Frauengesundheit für Sie ein so wichtiges Thema?

Reichinnek: In der vergangenen Wahlperiode war ich für Frauenpolitik in der Fraktion beziehungsweise in der Gruppe verantwortlich. Für uns war Frauengesundheit eines der drei zentralen Themen. Neben der ökonomischen Ungleichheit und dem Thema Gewalt gegen Frauen gibt es eben auch eine massive Benachteiligung von Frauen im Gesundheitssystem. Da geht es um die Frage der Verhütung, um Selbstbestimmung und Schwangerschaftsabbrüche bis hin zu Endometriose und Lipödem und dem Gender Health Gap. Wir wollen diese Themen endlich in den Fokus rücken, weil so viele Frauen betroffen sind. Sie haben schon so viel gekämpft und es ist längst überfällig, dass ihnen auch im Parlament jemand eine Stimme gibt. Und ich finde, das hat schon ganz gut geklappt. Das Thema Endometriose wurde jetzt von der neuen Bundesregierung immerhin aufgegriffen.

PZ: Nervt es Sie, dass die Erkrankung häufig als »Regelschmerzen« abgetan wird und Frauen eigentlich zu wenig aufgeklärt sind?

Reichinnek: Wenn man selbst nicht betroffen ist, hat man gar kein Verständnis davon, wie unfassbar schmerzhaft das ist, dazu können unter anderem auch Übelkeit und Schwindel kommen. Ich muss auch sagen, mir war diese Krankheit lange nicht bekannt. Ich habe diese Information nirgends bekommen, bis ich Menschen getroffen habe, die betroffen sind. Und das finde ich schon irritierend, immerhin ist jede zehnte Frau betroffen. Es fehlt immer noch viel Aufklärung und das Bewusstsein für diese Krankheit, leider auch bei Ärzt:innen. Dann kommen wir natürlich wieder zu der politischen Frage: Welche Mittel werden für Forschung zur Verfügung gestellt – zum Beispiel für Medikation und andere Therapien?

PZ: Könnten Sie sich vorstellen, dass Apotheken als Anlaufstelle für das Thema Frauengesundheit eine größere Rolle spielen?

Reichinnek: Wir brauchen grundsätzlich eine Informationskampagne, in den Praxen, an Schulen, aber auch in Apotheken, wo es gerade im ländlichen Raum eine sehr enge Bindung zwischen den Apotheker:innen und den Kund:innen gibt und es einfach auffällt, wenn sich eine Frau regelmäßig Schmerztabletten holt. Ich glaube, da ist großes Potenzial für Beratung und das zeigt, wie wichtig Apotheken sind. In meinen Augen sind Apotheken eine zentrale Säule für die Versorgung und auch die Prävention. Deswegen ist es so bedenklich, dass immer mehr schließen müssen.

PZ: Was halten Sie von der Idee einer »Frauensprechstunde« in Apotheken, die als pharmazeutische Dienstleistung dann auch vergütet würde?

Reichinnek: Als Element einer Gesamtstrategie kann ich mir das vorstellen. Aber wir kommen gleich wieder auf den Knackpunkt: Wer finanziert das? Vieles in unserem System wird so knapp vergütet, dass eine vernünftige Beratung in angemessener Zeit gar nicht mehr möglich ist.

PZ: Sie haben sich sehr für die Lipödem-Therapie eingesetzt, ab 2026 wird die Erstattung vereinfacht. Hat es Sie überrascht, wie lange es dauert, im Gesundheitsbereich Veränderungen zu erreichen?

Reichinnek: Die Mühlen mahlen natürlich langsam und wenn es darum geht, dass Sachen wirklich getestet und geprüft werden müssen, verstehe ich das auch. Es geht ja um die Gesundheit. Wofür ich kein Verständnis habe und was mich extrem frustriert: dass es sich so lange zieht, weil die Finanzierungsfrage noch ungeklärt ist. Eine Liposuktion ist für viele Frauen aktuell die einzige Therapiemöglichkeit, die bedarfsgerecht ist. Deswegen wird das im Stadium 3 auch schon von den Kassen übernommen. Da verstehe ich nicht, warum man bei Stadium 2 und 1 noch so lange diskutieren muss. Schließlich hängen die Schmerzen nicht immer mit dem Schweregrad zusammen. Beim Lipödem kommt eben noch dazu, dass es eine »Frauenkrankheit« ist und viele denken: »Das ist ja nur Faulheit. Die ist dick und müsste einfach mehr Sport machen oder weniger essen.« Da steht der Vorwurf im Raum, dass sich Frauen nur eine Fettabsaugung bezahlen lassen wollen. Das macht mich richtig wütend.

PZ: Sie haben öffentlich über Ihre Migräne-Erkrankung gesprochen. Auch eine Krankheit, von der Frauen häufiger betroffen sind als Männer – und die vielleicht auch deswegen etwas weniger wahrgenommen wird?

Reichinnek: Ja, davon bin ich überzeugt. Mir ging es am Anfang ähnlich: Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Meine Kopfschmerzen waren so stark, dass ich schreiend im Bett lag, dabei musste ich mich immer wieder übergeben, schon vorher hatte ich starke Einschränkungen meiner Sehfähigkeit – ich fühlte mich komplett hilflos und wenn ich nicht zu Hause war auch panisch. Erst als ich eine Diagnose und ein Medikament hatte, konnte ich damit besser umgehen.

PZ: Sie haben von Nebenwirkungen berichtet, die zum Teil die Konzentrationsfähigkeiten schwächen. Wie gehen Sie damit um? Der Politikbetrieb ist ja nicht dafür bekannt, Rücksicht auf Schwächen zu nehmen.

Reichinnek: Also zunächst bin ich total dankbar, dass ich diese Medikamente überhaupt habe, nur dadurch kann ich überhaupt funktionieren. Es ist trotzdem so, als hätte man Watte im Kopf. Das ist natürlich gerade in der Politik schwierig, wenn man das Gefühl hat, man kann nicht mehr so schnell Sachen verknüpfen, sich nicht so ausdrücken, wie man möchte – Sprache ist ja eigentlich mein zentrales Instrument. Aber jetzt kann ich, wenn ich die ersten Symptome merke, rechtzeitig eine Tablette nehmen und weiter funktionieren. Das geht trotzdem nur bis zu einem gewissen Punkt. Und den überschreite ich leider zu oft.

PZ: Sie haben vorhin ein flammendes Plädoyer für die Apotheke vor Ort gehalten, hätten Sie als Linke die Apotheken lieber komplett in öffentlicher Hand?

Reichinnek: Ich möchte, dass sie so ausfinanziert sind, dass sie ihrem heilberuflichen Anspruch gerecht werden können und mehr in die Prävention eingebunden werden. Aber dafür muss es die Apotheke vor Ort überhaupt noch geben. Das ist so viel niedrigschwelliger, als jedes Mal zur Ärzt:in zu laufen, die ja leider auch nicht mehr in jedem Dorf vorhanden ist.

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