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Correctiv-Recherche
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Chemiecocktails im Rhein: Warnung vor »gravierender Gefahr«

Aktuelle Messdaten zeigen: Im Rhein schwimmen eine Vielzahl nicht identifizierter Chemikalien, deren Gefahrenpotenzial wissenschaftlich kaum erfasst ist. Experten warnen vor möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 19.02.2026  15:18 Uhr

Laut einer Recherche des Correctiv-Redaktionsteams schwimmen im Rhein Tausende unbekannte Chemikalien aus Haushalts- und Industrieabwässern. Bei den meisten Stoffen sei unklar, wie gefährlich sie für Mensch und Umwelt sind. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne dieser Stoffe ins Trinkwasser gelangen und gesundheitliche Risiken bergen. 

Grenzwerte gelten laut Nachforschungen von Correctiv nur für bekannte Stoffe, EU-weit sind dies derzeit 74. Für unbekannte Substanzen gebe es keine gesetzlichen Vorgaben. »Viele der heute unbekannten Stoffe könnten sich bald als toxikologisch bedenklich erweisen«, warnt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), gegenüber dem Rechercheteam. Er glaubt, dass der Chemiecocktail im Flusswasser die Gesundheit massiv beeinflussen kann und weist auf Gefahren wie Allergien, Adipositas, Diabetes sowie Änderungen im Lernverhalten von Kindern hin.

Laut Brack sind die unbekannten Stoffe eine »unsichtbare«, aber »gravierende Gefahr«. Einige langlebige Stoffe wie PFAS seien besonders problematisch, da sie kaum aus dem Wasserkreislauf entfernt werden können. Chemikalien wurden bereits in menschlichen Körpern, sogar in der Plazenta, nachgewiesen. 

Industrie muss Stoffe nicht offenlegen

Hunderte Fabriken am Rhein, die Chemikalien, Medikamente, Pestizide, Lacke und Plastik produzieren, leiten laut der Correctiv-Journalisten täglich Abwasser in den Fluss. Das Correctiv-Team bekam nach eigener Aussage keine Antworten von den größten Verursachern, welche unerforschten Mikroschadstoffe sie genau einleiten. 

Die Industrie ist der Recherche zufolge nicht dazu verpflichtet, alle verwendeten Stoffe offenzulegen. Eine Registrierungspflicht gebe es erst ab einer Jahresmenge von einer Tonne. Fachleute fordern strengere Grenzwerte, mehr Kontrollen und eine stärkere finanzielle Beteiligung der Industrie an der Abwasserreinigung.

Millionen Menschen in Deutschland und den Niederlanden beziehen Trinkwasser direkt oder indirekt aus dem Rhein. In den Niederlanden mussten Trinkwasserpumpen 13 Mal im Jahr 2024 wegen Verunreinigungen abgeschaltet werden. Wasserversorger betonen zwar, dass akute Gefahren unwahrscheinlich seien, schließen Risiken aber nicht vollständig aus. Die Aufbereitung werde immer aufwendiger und teurer.

Zwar werde deutsches Trinkwasser so gründlich geprüft und überwacht wie kaum ein anderes Gut, dennoch gelten laut der Recherche die Grenzwerte nur für bekannte Stoffe. Der aktuelle Vorschlag der EU-Kommission zur Wasserrahmenrichtlinie umfasse nur 74 Stoffe und beschränke sich damit auf einen winzigen Abschnitt. Dies verstoße gegen geltendes Recht: Ein Mitarbeiter eines süddeutschen Wasserwerks warnte davor, dass das Vorsorgeprinzip laut nationalem und EU-Recht täglich missachtet werde und die chemische Verschmutzung außer Kontrolle sei.

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