| Johanna Hauser |
| 20.02.2026 13:30 Uhr |
Die deutschen Stillempfehlungen sind jetzt an die der WHO angeglichen. / © Adobe Stock/Анастасія Стягайло
Die bisherige Stillempfehlung der Nationalen Stillkommission sieht eine Einführung von Beikost ab dem vollendeten vierten Lebensmonat vor, während die WHO ein sechsmonatiges ausschließliches Stillen präferiert. Damit behebt die neue S3-Leitlinie die Diskrepanz zwischen den bisherigen deutschen Stillempfehlungen und der seit 2023 gültigen WHO-Empfehlung.
Die allgemeine Empfehlung lautet nun, für sechs Monate ausschließlich zu stillen und das Stillen während der Beikosteinführung auch bis zum ersten Geburtstag beizubehalten. Auch wenn die WHO eine Stilldauer von 24 Monaten empfehle, entsprächen zwölf Monate eher der Lebensrealität in Deutschland. Zudem sei die Datenlage für die kürzere Gesamtstilldauer besser, sodass diese Empfehlung in die Leitlinie eingeflossen sei, erklärten die Leitlinienautorinnen und -autoren bei einer Pressekonferenz des Science Media Center.
Die Autoren betonen, dass die neue Empfehlung einen Leitfaden darstellt und allen Beteiligten rund um Geburt, Wochenbett und Stillzeit eine Orientierung bieten soll. Sie nähme den Frauen weder die Möglichkeit, länger zu stillen, wenn dies gewollt sei, noch bedeute sie einen Zwang zum Stillen, wenn dies aus verschiedenen Gründen nicht in Frage komme.
Die bisherigen Empfehlungen fußten auf fachlichen Einschätzungen, während die jetzige Leitlinie auf einer strukturierten Bewertung von Literatur basiert, die ein definiertes Konsensverfahren durchlaufen hat. Nach Meinung der Autoren verleihe die breite Anzahl beteiligter Fachgesellschaften und Organisationen dem Werk zusätzlich Gewicht.
Die Auswertung der Studien erfolgte auf Basis eines systematischen Review of Reviews, das heißt, es wurden nur Studien eingeschlossen, die bereits zusammenfassende Bewertungen kleinerer Studien erhielten. Dies ist eine gängige Methode der Literaturrecherche.
Beachtet werden muss, dass es sich bei den Studien um Beobachtungsstudien handelt und somit der Evidenzgrad niedriger ist als bei randomisierten, kontrollierten klinischen Studien. Analysiert wurden die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Gesundheitsoutcomes bei längerer oder kürzerer Stilldauer.
Die Ergebnisse wurden nach einzelnen Beschwerdebildern sortiert und die Einschätzung der Evidenz ausführlich und für jede Studie dargestellt. Die nun erarbeiteten Empfehlungen beruhen auf 30 recherchierten Outcomes, die sowohl die kindliche (21) als auch die mütterliche (9) Gesundheit berücksichtigen.
Die Analyse zeigt, dass Kinder, die nicht gestillt werden, ein höheres Risiko für das Auftreten von Infektionskrankheiten, Mittelohrentzündungen (Otitis media), Asthma und teilweise auch Allergien haben. Ein ausschließliches Stillen über sechs Monate senke diese Risiken. Grundsätzlich biete Stillen kaum Nachteile, so die Autoren.
Eine mindestens zweijähriges Gesamtstilldauer senkt bei Frauen das Risiko für Mamma- und Ovarialkarzinome. Beispielsweise habe eine im Fachjournal »The Lancet« publizierte Studie eine relative Risikoreduktion von fast 25 Prozent für das Auftreten von Brustkrebs gezeigt. Für Deutschland gepoolte Daten hätten sogar eine Risikoreduktion von 40 Prozent gezeigt. Auch wirke sich eine Gesamtstilldauer von zwei Jahren positiv auf Knochendichte im Alter aus.
Der zweiten Teil der Leitlinie wird das Thema Stillinitiierung sowie Betreuung und Unterstützung für Frauen, die mit dem Stillen Mühe haben, behandeln. Ein Veröffentlichungsdatum für Teil zwei der Leitlinie steht allerdings noch nicht fest.