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AOK
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Baden-Württemberg als Vorbild für die Primärversorgung

Wenn es nach der AOK geht, könnte das derzeit umfassend diskutierte Primärversorgungsmodell auf Erfahrungen in Baden-Württemberg aufbauen. Dort gebe es das »bundesweit fortschrittlichste Versorgungssystem hausärztlicher Steuerung«.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 29.01.2026  17:00 Uhr

Die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) in Baden-Württemberg ist ein bereits seit 17 Jahren etabliertes Primärarztsystem und basiert auf einem einheitlichen pauschalen Vergütungssystem. Die Vertragspartner AOK, Hausärztinnen- und Hausärzteverband und der ärztliche Berufsverband MEDI Baden-Württemberg sehen darin das »bundesweit fortschrittlichste Versorgungssystem hausärztlicher Steuerung«.

Mit diesem Modell sei die »Hausarztbindung als Strukturprinzip« und der »Aufbau multiprofessioneller Versorgungsteams« als organisatorischer Kern in dem Bundesland bereits angegangen, erklärte die AOK Baden-Württemberg in einer Pressemeldung. »In anderen Bundesländern gibt es noch keine Facharztverträge auf Vollversorgungsbasis, was dringend nötig ist«, kommentierte Norbert Smetak, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg und MEDI GENO Deutschland. »Unser System ist eine echte Blaupause für die ambulante Versorgung in ganz Deutschland.«

Rund 5900 HZV-Ärztinnen und -Ärzte betreuen in dem Modell mehr als zwei Millionen freiwillig eingeschriebene AOK-Versicherte. Besonders ältere und chronisch kranke Menschen, die über 60 Prozent der HZV-Teilnehmenden ausmachen, würden von der besser koordinierten und intensiveren Versorgung profitieren, so die AOK. »Diesen nachweislichen Qualitätsvorsprung in der Versorgung halten wir seit 17 Jahren, und wir werden diesen Weg weiter fortsetzen«, sagte Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. »Gleichzeitig bleiben aber viele Herausforderungen bestehen, wie zu viele, oft unnötige Patientenkontakte und fehlende Anreize für eine koordinierte Versorgung. Unser Gesundheitssystem ist darüber hinaus das teuerste in Europa – trotzdem fehlt es an echter Versorgungsqualität.«

»Echte Strukturreform des Kollektivsystems«

Laut Bauerfeind braucht es eine »koordinierte, sektorenunabhängige Versorgung und eine echte Strukturreform des Kollektivsystems für eine zukunftsfähige und gelingende Primärversorgung«. Dabei müssten vor allem Selektivverträge weiterhin eine Alternative in der regionalen Versorgungsgestaltung sein. Zahlreiche kleine »Reformen« würden nur die Ausgaben erhöhen, ohne spürbare Verbesserungen für Patientinnen und Patienten und Hausärztinnen und -ärzte.

Eine aktuelle Evaluation der Goethe-Universität Frankfurt und des Universitätsklinikums Heidelberg habe die HZV untersucht und »eindeutige Vorteile« gegenüber der Regelversorgung festgestellt. Alle zwei Jahre werde die HZV in dem Bundesland geprüft. Im Jahr 2022 habe die HZV-Gruppe 3,1 Millionen Hausarztkontakte mehr und 1,36 Millionen weniger unkoordinierte Facharztbesuche ohne Überweisung verzeichnet. »Dieses konstant hohe Niveau zeigt sich schon seit Jahren«, hieß es seitens der Kasse.

Laut Berechnungen von 2011 bis 2022 seien bei 119.000 Diabetikerinnen und Diabetikern mehr als 9200 schwerwiegende Komplikationen vermieden worden, darunter rund 700 Amputationen sowie zirka 4800 Herzinfarkte und Schlaganfälle. 2022 habe es unter anderem 24.000 mehr Influenzaimpfungen und rund 7500 weniger Verordnungen potenziell ungeeigneter Medikamente für ältere Menschen ab 65 Jahren gegeben. »Diese bessere Versorgungsqualität wird seit Jahren bei geringeren Kosten erreicht«, so die AOK.

Weniger Inanspruchnahme der Bereitschafts- und Notdienste

Für diese Art von »unbürokratischer und effizienter« Versorgung müssten in Zukunft weiterhin regionale Gestaltungsräume erhalten bleiben, sind sich die Vertragspartner einig. Die neuen Evaluationsergebnisse seien von hoher Bedeutung, da sie die gesundheitspolitischen und strategischen Entscheidungen vor Ort stützen würden. Susanne Bublitz und Professor Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg, betonten: »Die Evaluationsdaten zeigen einmal mehr, dass die HZV sowohl qualitativ hochwertiger als auch wirtschaftlicher ist und zugleich die zentrale Rolle der Hausarztpraxis nachhaltig stärkt.«

Zudem mache die HZV mit dem Hausärztlichen Primärversorgungszentrum (HÄPPI) die Hausarztpraxen leistungsfähiger. HÄPPI setze auf Digitalisierung und auf die Versorgung im Team, in dem Hausärztinnen und Hausärzte neben Medizinischen Fachangestellten (MFA) und Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis (VERAH) auch von akademisierten nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen wie Primary Care Manager (PCM) oder Physician Assistants (PA) unterstützt würden. Damit böte das HZV »praktische Antworten und Lösungen für eine zukunftsfähige leistungsstarke Primärarztversorgung«.

Die Steuerung der HZV wirke sich auch positiv auf die Inanspruchnahme der Bereitschafts- und Notdienste aus, die bei HZV-Patientinnen und -Patienten signifikant geringer sei, so die AOK weiter. »Für die äußerst vulnerable Gruppe der Herzinsuffizienzpatientinnen und -patienten ist eine strukturierte Versorgung besonders entscheidend. Im Jahr 2022 konnten in dieser HZV-Gruppe mit 110.200 Patientinnen und Patienten im Vergleich zur Regelversorgung gut 3500 stationäre Notaufnahmen, rund 16.900 Rettungsdiensteinsätze und 3200 Behandlungen im ambulanten Bereitschaftsdienst (organisierter Notfalldienst) vermieden werden.«

Die Professoren Attila Altiner aus Heidelberg und Ferdinand Gerlach aus Frankfurt/Main führten diese Effekte auf die intensivere hausärztliche Betreuung im Rahmen der HZV zurück. Potenziell schwerwiegende Verläufe würden frühzeitig erkannt und bei Bedarf rasch zur fachärztlichen Abklärung weitergeleitet. 

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