| Daniela Hüttemann |
| 12.03.2026 16:20 Uhr |
Versagt irgendwann die Herzklappe, ist künstlicher Ersatz gefragt. / © Getty Images/asikkk/Mehmet Cetin
Eigentlich hat Acetylsalicylsäure (ASS) mittlerweile in der Primärprävention weitgehend ausgedient, ob zur Verhinderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder von Krebs. Für eine bestimmte Personengruppe könnte die tägliche ASS-Tablette aber doch einen Nutzen haben: Menschen mit einem erhöhten Lipoprotein-a-(Lp(a)-)Wert. Das ist ein genetisch bedingter, unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten von Gefäßverkalkungen (Atherosklerose) und damit auch einer Aortenklappenstenose.
Lp(a) lässt sich im Gegensatz zu anderen Blutfettwerten kaum durch Ernährung oder Sport beeinflussen. Bislang gibt es keine zielgerichteten Medikamente, um den Wert zu senken. Eine große prospektive Beobachtungsstudie hat nun aber gezeigt, dass ASS bei Menschen mit erhöhtem Lp(a) das Risiko für eine Aortenklappen-Calcifizierung (AVC) und Aortenklappenstenose deutlich reduzieren kann. Die Daten des Studienteams um den Kardiologen Alexander C. Razavi von der Emory University School of Medicine in Atlanta wurden jetzt im »European Heart Journal« veröffentlicht.
An der Studie nahmen 6598 Personen im Alter von 45 bis 84 Jahren teil (Median 62 Jahre, Frauenanteil 53 Prozent), bei denen bislang keine kardiovaskuläre Erkrankung festgestellt worden waren. Im Beobachtungszeitraum entwickelten 8 Prozent eine AVC (im Median nach 8,9 Jahren) und 1 Prozent sogar eine schwere Aortenklappenstenose (im Median nach 16,7 Jahren). Bei denjenigen mit erhöhten Lp(a)-Werten und regelmäßiger ASS-Einnahme (definiert als mindestens dreimal pro Woche) war das Risiko jedoch deutlich niedriger als ohne ASS-Einnahme.
Als bedenklich stufen Ärzte einen Lp(a)-Wert von mehr als 30 mg/dl an. Wer in der Studie einen Lp(a)-Wert von 75 mg/dl und höher hatte, hatte unter ASS ein um 58 Prozent niedrigeres Risiko für eine AVC als ohne ASS. Bei noch höheren Lp(a)-Werten von mehr als 100 mg/dl reduzierte sich das Risiko durch den antithrombotischen Wirkstoff sogar um 83 Prozent. Und schon ab einem Lp(a)-Wert ab 50 mg/dl profitierten die ASS-Nutzenden von einer 87-prozentigen relativen Risikoreduktion in Bezug auf eine schwere Aortenklappenstenose. Hatten die Teilnehmenden erhöhte LDL-Cholesterol-Werte, ergab sich dagegen kein Nutzen durch ASS in Bezug auf AVC und Aortenklappenstenose.
Diese deutliche Risikoreduktion wurde bei Teilnehmern mit niedrigeren Lp(a)-Werten nicht festgestellt und wurde auch bei der Einnahme von anderen nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) nicht beobachtet. »Dieser Befund deutet eher auf einen potenziell Lp(a)-spezifischen, thrombozytenvermittelten Mechanismus als auf eine allgemeine entzündungshemmende Wirkung hin«, heißt es in einem Beitrag auf dem US-Medizinportal »Medscape«.
Die Ergebnisse dieser Beobachtungsstudie müssen noch durch randomisierte, kontrollierte Studien bestätigt werden, schränkt das Autorenteam der Originalpublikation ein. Das wünscht sich auch die unbeteiligte Kardiologieprofessorin Dr. Erin Michos von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore. Angesichts mangelnder Therapiealternativen sagt sie jedoch trotzdem: »Patienten mit hohem Lp(a)-Spiegel, die kein erhöhtes Blutungsrisiko, aber ein erhöhtes Risiko für Gefäß- oder calcifizierende Herzklappenerkrankungen aufweisen, können wir ASS vorsichtig anbieten, um dieses Risiko zu mindern.«