Ungesunde Dynamiken: Es ist für die leidende Person oft schwer, toxische Beziehungen zu erkennen und zu beenden. / © Adobe Stock/Cherries
In den sozialen Medien ist der Begriff toxische Beziehung häufiger zu finden. Es handele sich aber nicht um einen klinischen Diagnosebegriff. Er werde jedoch als Sammelbegriff für belastende, dysfunktionale, bisweilen gewaltvolle Beziehungen verwendet, erklärt der Psychologe Elias Jessen im dpa-Interview. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mickaël Brunhammer leistet er auf der Streaming-Plattform Twitch digitale Präventionsarbeit.
Das Thema betreffe viele Menschen, so Jessen. Schließlich seien negative Beziehungserfahrungen sehr verbreitet. Der Berliner Psychotherapeut Dirk Stemper definiert den Begriff ähnlich. Er sagt, bei toxischen Beziehungen schadeten sich zum einen die Beteiligten gegenseitig – meist emotional, manchmal auch physisch. »Zweitens sind sie in dieser schädlichen Dynamik verstrickt und können oder wollen sich nicht lösen, obwohl sie leiden.« Ob in romantischen Beziehungen, mit Familienmitgliedern und Freunden, am Arbeitsplatz oder online – die Grundmuster seien überall ähnlich: »Machtungleichgewicht, Manipulation, emotionaler Missbrauch.«
Der Psychologe und Streamer Jessen spricht ebenfalls davon, dass sich eine ungleiche Machtverteilung negativ auf Beziehungen auswirken könne. Weil Frauen historisch weniger Rechte und zeitgleich stärkere soziale sowie finanzielle Abhängigkeiten gehabt hätten, könne das Risiko für Kontrolle und Gewalt begünstigt gewesen sein, so der Experte.
Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland erreichte im Jahr 2024 einen Höchststand, wie das Bundeskriminalamt (BKA) mitteilte. In diesem Zeitraum wurden demnach laut Statistik fast 266.000 Menschen Opfer von Gewalt durch Familienmitglieder oder ihre Partner – 70,4 Prozent von ihnen waren weiblich. Bislang unklar sei jedoch, ob es tatsächlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt gegeben hat oder ob der Anstieg auf eine höhere Anzeigebereitschaft zurückgehe, heißt es weiter.
Klassische Muster seien außerdem etwa Kontrolle und Überwachung, emotionale Erpressung oder Isolation vom Umfeld durch das Gegenüber. Auch ein ständiger Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung gehört auf die Liste.
Hinzu kommt das sogenannte Gaslighting, bei dem die eigene Wahrnehmung systematisch infrage gestellt wird. Der Begriff leitet sich vom Theaterstück »Gas Light«, also Gaslicht, des britischen Autors Patrick Hamilton ab. In dem Stück aus den 1930ern bemerkt die Protagonistin, dass die Gaslampe nachts flackert und weniger hell scheint. Ihr Mann lässt sie glauben, langsam verrückt zu werden, obwohl er für den mangelnden Gasdruck verantwortlich ist.
Genau wie bei toxischen Beziehungen handelt es sich auch bei Gaslighting um keinen klinischen Diagnosebegriff. Durch die Verbreitung solcher Wörter sei es jedoch besser möglich, sich auszutauschen, erkennt Jessen an. Während Stemper vor einem inflationären Gebrauch warnt, sagt er: »Mir ist es lieber, dass Menschen über toxische Beziehungen, Depression oder dergleichen im Zweifel ungenau sprechen und langfristig einen Lerneffekt haben, als dass sie gar nicht darüber sprechen.«
Dem Psychotherapeuten Stemper zufolge sind die Folgen einer toxischen Beziehung jedenfalls gravierend und langanhaltend. Der Stress könne etwa zu ungesundem Schlaf, Angststörungen und Depressionen führen. Wer bereits eine toxische Beziehung erlebt habe, gerate ohne therapeutische Aufarbeitung häufig wieder in ähnliche Dynamiken, erklärt der Experte. In den sozialen Medien sprechen viele Influencer über ihre Erfahrungen mit ungesunden Partnerschaften – und erreichen damit außergewöhnlich hohe Aufrufzahlen.
Einerseits gut, meint Stemper, denn es finde Aufklärung statt und das Sprechen über toxische Beziehungen werde enttabuisiert. Andererseits aber könnten insbesondere junge Menschen falsche Vorstellungen davon entwickeln, wie Beziehungen aussehen.
Wer erkennen möchte, ob er selbst in einer toxischen Beziehung steckt, sollte Stemper zufolge auf das eigene Bauchgefühl hören. »Wenn Sie auf Eierschalen laufen und nicht wissen, was den Partner als Nächstes triggert – dann sind das deutliche Alarmsignale.«