STI: Experten fordern mehr Aufklärung, Tests und Impfungen |

Im Kampf gegen die sich ausbreitenden sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis und Tripper fordern Experten breit angelegte Aufklärungsprogramme. Auch der Zugang zu kostengünstigen und sicheren Selbsttests müsse erleichtert werden. Das geht aus Stellungnahmen für eine Anhörung im Gesundheitsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags am Mittwoch hervor. Der Ausschuss befasst sich mit der Entwicklung sexuell übertragbarer Infektionen (STI). Nach Ansicht des Mediziners Heinrich Rasokat von der Uni-Klinik Köln muss der Bevölkerung die wachsende Bedrohung durch sexuell übertragbare Infektion auch über HIV hinaus stärker vermittelt werden.
«Es ist davon auszugehen, dass die STI-Zahlen weiter zunehmen werden, insbesondere unter heterosexuellen Menschen», erklärte Professor Dr. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft. Besorgniserregend sei dabei die Zunahme von Antibiotika-Resistenzen, etwa bei Gonokokken. Diese Bakterien lösen die Gonorrhoe (Tripper) aus und sind nach den Chlamydien-Infektionen die zweithäufigste sexuell übertragene Erkrankung.
Die Meldepflicht für Syphilis zeigt nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) für Deutschland einen starken und andauernden Anstieg. 2017 wurden bundesweit 7515 Infektionen registriert. Die Inzidenz stieg in den vergangenen zehn Jahren von 5,24 auf 9,1 Fälle pro 100.000 Einwohner gestiegen. Bei den nicht meldepflichtigen Chlamydien gehen die Schätzungen laut Brockmeyer von bis zu 250.000 Infektionen jährlich in Deutschland aus. Das von Brockmeyer geleitete Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin «Walk in Ruhr» in Bochum diagnostizierte 2017 ein Viertel mehr Infektionen als 2016. Oft zeigen sich bei den Infektionen keine akuten Symptome, aber die Folgen können schwerwiegend sein. So können Chlamydien bei Frauen zu chronischen Unterbauchentzündungen und bei Männern und Frauen zu Unfruchtbarkeit führen.
Brockmeyer forderte Kampagnen zur sexuellen Gesundheit. Jeder könne sich selbst dafür einsetzen, sich testen oder impfen lassen und seinen Partner oder seine Partnerin auch anonym informieren. Solche vertraulichen SMS oder E-Mail können etwa die Patienten von «Walk in Ruhr» absetzen. In Schulen müsse die Aufklärung zur sexuellen Gesundheit verbessert werden. Die Angebote müssten mehrsprachig sein und auch über soziale Medien verbreitet werden. Bei der Vorsorgeuntersuchung J1 im Alter von zwölf bis 14 Jahren müsse auch die HPV-Impfung zur Sprache kommen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt inzwischen auch für Jungen eine Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV). Sie kann das spätere Auftreten verschiedener Krebsarten im Genitalbereich verhindern. Die Impfung wird für Mädchen bereits seit 2007 zur Verhinderung von Gebärmutterhalskrebs empfohlen. Die J1 ist die letzte von der Krankenkasse finanzierte Vorsorgeuntersuchung vor der Volljährigkeit.
Das RKI empfiehlt niedrigschwellige, kostenfreie und möglichst anonyme Testangebote sowie qualitätsgesicherte Heim- oder Einsendetests, um das Infektionsrisiko zu prüfen. Im Internet seien für nahezu alle sexuell übertragbaren Krankheiten zum Teil sehr teure, aber oft nicht gesicherte Heimtests zu beziehen, teilweise ohne Anbindung an ein zertifiziertes Labor, warnte das Institut. «Deutlich unbefriedigend» seien auch die HPV-Impfraten. In diesem Zusammenhang rät das RKI, mit Einladungen und Rückmeldesystemen mehr Jugendliche zur J1-Vorsorgeuntersuchung zu bekommen. Analysen hätten gezeigt, dass die HPV-Impfquoten deutlich stiegen, wenn die J1 durchlaufen werde.
05.09.2018 l PZ/dpa
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