Valsartan: Verunreinigte Blutdrucksenker 2017 weit verbreitet |

Bis zu 900.000 Patienten bundesweit könnten einem Zeitungsbericht zufolge allein im Vorjahr Valsartan-haltigen Arzneimittel eingenommen haben, die produktionsbedingt mit N-Nitrosodimethylamin verunreinigt waren. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dem Berliner «Tagesspiegel» vorlag. N-Nitrosodimethylamin. stufen die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation und die EU als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen ein. Anfang Juli hatten Aufsichtsbehörden in Europa daher einen Vertriebsstopp und vorsorglichen Rückruf für viele dieser Präparate angeordnet.
2017 seien etwa neun Millionen Packungen Valsartan-haltiger Arzneimittel verordnet worden, teilte die Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Sabine Weiss, laut «Tagesspiegel» mit. «Da rund 40 Prozent der Chargen von dem Rückruf betroffen sind, könnten auf Grundlage der oben genannten Verordnungszahlen zirka 900.000 Patientinnen und Patienten betroffen sein.»
Allerdings bestehe nach Einschätzung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) «kein akutes Gesundheitsrisiko». Die Grünen im Bundestag kritisierten indes den Umgang der Behörden mit dem Thema: Die Aussage der EMA beruhige wenig, sagte die Pharmaexpertin der Fraktion, Kordula Schulz-Asche, der Zeitung. Schließlich seien die Medikamente bereits seit sechs Jahren verunreinigt, und die Risiken einer langfristigen Einnahme könnten bislang nicht abgeschätzt werden.
Der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske forderte «ein intensiveres Netz von Kontrollen». Um Qualitätsmängeln vorzubeugen, müsse der Gesetzgeber von den Generika-Vertreibern verlässliche Produktprüfungen verlangen. Krankenkassen könnten bei ihren Ausschreibungen jederzeit Kontrollnachweise und Zertifikate für Nachahmerprodukte zur Bedingung machen.
Eugen Brysch vom Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz sieht die Politik in der Pflicht. «Die kriminellen Machenschaften mit Pharmaprodukten nehmen in Deutschland ungeahnte Dimensionen ein», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. «Doch Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für einen sicheren Patientenschutz fehlen. Das muss sich rasch ändern. Die Justizminister sind gefordert.»
Nach dem Valsartan-Rückruf hatten Gesundheitsbehörden Mitte Juli eine Umstellung auf unbedenkliche Arzneimittel empfohlen. Betroffene sollten mit ihrem Arzt oder Apotheker Rücksprache halten, welche Mittel von dem Rückruf betroffen sind, so das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn. Gegebenenfalls könnten sie dann auf ein anderes Valsartan-haltiges Medikament umgestellt werden. Auf keinen Fall aber sollten die Arzneimittel einfach so ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt werden. Nach Angaben der Hochdruckliga sind in Deutschland 20 bis 30 Millionen Menschen von Bluthochdruck betroffen. Die Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall können lebensgefährlich sein.
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23.07.2018 l PZ/dpa
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