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Suizidprävention bei Teenagern: Mit «Peers» durch die Krise

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Jeden Tag nehmen sich in Deutschland statistisch ein bis zwei Heranwachsende das Leben. Ein Online-Projekt, bei dem Schüler beteiligt sind, soll Abhilfe schaffen. Das Wichtigste dabei: für die Betroffenen da zu sein. Bei dem Programm «U25» der Caritas helfen sogenannte «Peers» anderen jungen Menschen, die in einer Krise stecken oder sogar nicht mehr leben wollen.

 

Selbsttötung ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 15 bis 25 Jahren die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen. Bundesweit sterben jedes Jahr etwa 500 Jugendliche durch Suizid; jeden Tag töten sich laut Statistik also ein bis zwei Heranwachsende in Deutschland. Nach Einschätzung von Psychologen ist die Jugend für viele eine Zeit der Krisen – durch die Ablösung von den Eltern, Schulstress, neue Beziehungen, Konflikte und Selbstzweifel.

 

Viele Jugendliche trauten sich jedoch nicht, sich mit ihren Problemen an einen Erwachsenen zu wenden, sagt die Leiterin von «U25» in Nürnberg, Dagmar Held. Der Vorteil der Beratung durch Gleichaltrige aus ihrer Sicht: «Jugendliche finden oft eine andere Sprache und einen anderen Zugang.» Die Kunst bei der Beratung sei es, behutsam, aber klar vorzugehen. Trotzdem wird jede E-Mail, bevor sie an den Betroffenen verschickt wird, von einer der beiden Betreuerinnen gelesen.

 

Die Mails zwischen «Peers» und Hilfesuchenden sind anonym. «Das Wichtigste ist eigentlich, da zu sein und ihnen zuzuhören», sagt eine Schülerin, die beim Caritas-Projekt mitarbeitet. Denn die meisten dieser Jugendlichen seien vor allem eines: sehr einsam. Was die Mädchen ihr berichten, sei manchmal schon «krass», gibt sie zu. Wenn sie Fragen habe oder unsicher sei, könne sie sich immer an eine der Betreuerinnen wenden. Bei ihnen liege die alleinige Verantwortung. Ihr Charakter helfe ihr zudem bei dieser nicht immer leichten Aufgabe: «Ich kann mich gut in andere einfühlen, aber auch gut abgrenzen. Das ist sicher auch Typsache», sagt die 17-Jährige. Einiges habe sie sich auch bei ihrer Mutter abgeschaut, die Psychologin ist.

 

Die «Peers» haben immer sieben Tage Zeit für eine Antwort – das wissen auch die Betroffenen. So habe sie ein wenig Spielraum, etwa wenn es ihr selbst gerade nicht gut gehe oder sie viel zu tun habe. Langfristig sei das Ziel, die Jugendlichen dazu zu bringen, sich professionelle Hilfe zu holen, sagt Projektleiterin Held. Manchen reiche eine Gesprächstherapie beim Psychologen, andere brauchten zusätzlich Medikamente oder müssten sogar länger in eine Klinik.

 

Einige Experten sehen die Online-Beratung durch Gleichaltrige mit Skepsis: Bei schweren Problemen könnten Laien eine professionelle Betreuung nicht ersetzen. Ute Lewitzka von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention sieht das Projekt jedoch als wichtiges erstes Angebot mit niedriger Hemmschwelle: «Kaum ein betroffener Jugendlicher geht doch freiwillig zu einem Psychiater oder spricht mit seinen Eltern.» Das Entscheidende in einer Krise sei, Zeit zu gewinnen. Zudem gebe es ein «riesiges Defizit an Anlaufstellen»: «Kinder- und Jugendpsychiater sind nicht so reich gesät.»

 

Der Nachteil des Angebots sei, dass die «Peers» kaum etwas tun könnten, wenn ein Jugendlicher einen Suizid ankündigt. Durch die Anonymität sind ihnen die Hände gebunden. «Ich kann nicht rausfinden, wo derjenige ist, und die Polizei hinschicken», sagt Lewitzka. Zudem sei wissenschaftlich bisher nicht bewiesen, dass das Projekt wirksam ist. Eine Studie dazu sei aber nun geplant.

 

Bundesweit gibt es das Konzept «U25» bereits seit dem Jahr 2002. Etwa 180 Jugendliche beraten an zehn Standorten Gleichaltrige. In Bayern ist Nürnberg bislang der einzige Standort. 14 Jugendliche helfen hier inzwischen anderen jungen Menschen – 10 Mädchen und 4 Jungen. Ziel sei es, etwa 30 «Peers» zu haben, sagt Held. Fast 50 Klienten wurden seit dem Start vor einem Jahr bereits von Nürnberg aus beraten und fast 600 Mails ausgetauscht. Zwei Jugendliche hätten ihren «Beraterjob» inzwischen wieder aufgegeben – für sie war es zu viel. Mit jedem Interessenten führen die Betreuerinnen ein Bewerbungsgespräch. Zudem sehen sie die Jugendlichen alle zwei Wochen zur Teambesprechung – dabei werde genau beobachtet, ob ihnen die Aufgabe zu viel wird, sagt Held.

 

05.02.2018 l dpa

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