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Wie Erwartung den Placebo-Effekt beeinflusst

 

Wenn Kochsalzlösung wirkt wie ein Opiat, Migräne verschwindet, obwohl der Kranke nur ein wirkstofffreies Bonbon eingenommen hat, oder ein Patient wegen starker Nebenwirkungen aus einer Studie aussteigt, obwohl er in der Placebo-Gruppe ist, kann niemand ernsthaft bezweifeln, dass die Erwartung eines Patienten eine große Rolle für die Wirksamkeit eines Arzneimittels spielt.

 

Vor einigen Jahren war der Begriff Placebo noch ein Synonym für nicht oder wenig wirksame Arzneimittel. Heute wissen Wissenschaftler, dass Placebos bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt werden können. Placebos könnten ganz erhebliche Effekte auslösen, sagte der Essener Psychologe Professor Manfred Schedlowski (Foto) gestern bei einem Vortrag auf dem OTC-Gipfel des Apothekerverbandes Nordrhein in Düsseldorf.

 

Der Placebo-Effekt spielt sich demnach im Kopf ab. Die Gabe eines Placebos stimuliert Hirnregionen, die auch sonst bei einer Schmerzstillung körpereigene Opioide ausschütten. Dazu zählen vor allem das Cingulum, das zum für die Gefühlsverarbeitung zuständigen limbischen System gehört, sowie ein Bereich der Großhirnrinde hinter der Stirn.

 

Der Essener Wissenschaftler berichtete von einem jungen Mann, der unter Depressionen litt. Dieser habe versucht, sich das Leben zu nehmen. Dazu schluckte er 29 Tabletten seines Psychopharmakons. Er wurde gefunden und in die Notaufnahme einer Klinik gebracht. Die Ärzte versorgten ihn, später stellte sich heraus, dass der junge Mann Teilnehmer einer Medikamentenstudie war – allerdings im Placebo-Arm. Die Symptome des Arzneimittelmissbrauchs hatte offenbar sein Körper erzeugt.

 

Bereits im zweiten Weltkrieg habe der US-amerikanische Arzt Henry Knowles Beecher den Placebo-Effekt zur Analgesie eingesetzt, sagte Schedlowski gestern. Nach einem Gefecht mit zahlreichen Verletzten sei dem Arzt das Morphium ausgegangen. Als Ersatz habe Beecher die Verwundeten mit Kochsalzlösung behandelt. Diese habe die Schmerzen der Soldaten zumindest deutlich reduziert.

 

Entscheidend für den Placebo-Effekt ist laut Schedlowski die Erwartung des Patienten. Hat dieser gute Erfahrungen mit einer bestimmten Therapie gemacht, reagiert er positiver auf Placebo als nach einer erfolglosen Behandlung. Ähnlich wichtig ist Schedlowski zufolge Konditionierung. Hat ein Patient positive Erinnerungen an ein Medikament, dann ist der Effekt größer. Positiv wirkt sich auch aus, wenn der Arzt im Gespräch stärker auf die Chancen der Behandlung eingeht und weniger auf die Risiken. Weitere Unterstützung für den Placebo-Effekt ist die Anwesenheit eines Arztes oder eines anderen Heilberuflers oder auch der Preis eines Medikaments: Nennt der Arzt einen hohen Preis, ist der Effekt ausgeprägter.

 

Kontraproduktiv ist dagegen der Noceboeffekt. Hauptverursacher sei dabei die Patienteninformation. Aussagen wie «kann sexuelle Funktionsstörungen auslösen» förderten nicht den Therapieerfolg. Unklug seien auch Informationen an den Patienten wie «die OP machen wir zum ersten Mal». Auch wenn positives Denken kein Allheilmittel ist, scheint es in der Medizin doch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu haben. (dr)

 

13.10.2017 l PZ

Foto: PZ/Alois Müller