Weglaufende Demenzkranke: Herausforderung für Heime |

Ein Demenzkranker geht aus dem Pflegeheim. Keiner weiß wohin: Eine Schreckensvorstellung für Heimmitarbeiter und Angehörige. Ein Weglaufen zu verhindern, stellt die Heime vor große Herausforderungen. Genaue Zahlen, wie viele Demenzkranke jedes Jahr von der Polizei gesucht werden, liegen nicht vor. Solche Einsätze forderten die Beamten jedoch in besonderem Maße – ähnlich wie die Suche nach verschwunden Kleinkindern, erklärt der Sprecher der thüringischen Landespolizeidirektion, Jens Heidenfeldt, der Nachrichtenagentur dpa. «Gerade ältere Menschen sind durch reduzierte Widerstandsfähigkeit oder das Angewiesensein auf Medikamente besonders gefährdet.» Es könnten relativ schnell lebensbedrohliche Zustände eintreten. Bei der Suche nach Demenzkranken sind deshalb neben vielen Beamten sehr schnell auch Polizeihubschrauber und Suchhunde im Einsatz.
Um den Kranken, den Heimmitarbeitern und der Polizei derartige Einsätze mit Risiken und Strapazen zu ersparen, versuchen Heimleiter mit vielen Maßnahmen und Ideen zu verhindern, dass die zumeist alten Menschen sich allein auf den Weg machen. Es gebe eine sehr einfache Methode, die Demenzkranken im Heim zu halten: «Beschäftigung ist das Allerbeste und das Allerwichtigste», so eine Heimleiterin aus Thüringen, die anonym bleiben möchte. Wer beschäftigt sei, komme in der Regel nicht auf den Gedanken, noch einen Spaziergang machen oder in sein altes Zuhause zurückkehren zu wollen, sagt die Leiterin. Doch im Alltag sei dies nicht so einfach: Jeder Demenzkranke sei anders und sollte auch so behandelt werden.
Zudem seien die personellen Möglichkeiten in den Heimen begrenzt, die Frauen und Männer dauerhaft zu beschäftigen. Deshalb gebe es inzwischen auch elektrische Chips in Schuhen der Hausbewohner. Sie geben dem Pflegepersonal ein Signal, wenn die Kranken den Eingang passieren. Außerdem haben viele Häuser in den sie umgebenden Grünanlagen «Anziehungspunkte» wie Aquarien oder Vogelvolieren geschaffen, in der Hoffnung, dass die Demenzkranken nach Verlassen des Hauses dorthin gehen. In vielen Heimen werden zudem Menschen, die eine «Lauftendenz» hätten, in den oberen Etagen der Häuser untergebracht. Die Gefahr, dass sie zum Hauseingang gelangten, sei so geringer.
Für Britta Richter, der für Pflege zuständigen Referentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Thüringen, ist dieses Thema nicht zuletzt deshalb schwierig, weil viele Vorkehrungen gegen das Weglaufen mit «freiheitsentziehenden Maßnahmen» gleichgesetzt werden könnten. Diese seien oft verboten, weil sie die Lebensqualität der Menschen unangemessen einschränkten. Demenzkranke ans Bett zu fesseln, sei nur in sehr engen Grenzen erlaubt, beispielsweise um eine Gefährdung Dritter auszuschließen, sagt Richter. Türen im Heim farblich so zu streichen, als seien sie Teil einer Wand, sei gänzlich verboten. Auch Ritter sagt, letztlich müssten die Betroffenen beschäftigt werden, sich in der Einrichtung wohlfühlen. «Es geht doch darum, Lebensqualität zu schaffen.»
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09.10.2017 l PZ/dpa
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