Leichter Sprachen und Instrumente lernen mit Medikamenten |

Im Alter fällt es dem Gehirn zunehmend schwerer, feine Nuancen bei Tönen wahrzunehmen. Das erschwert zum Beispiel das Spielen eines Instruments oder das Erlernen einer Fremdsprache. Neue Versuche an Mäusen zeigen, dass sich der altersbedingte Prozess möglicherweise medikamentös aufhalten lässt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Menge des Signalmoleküls Adenosin im auditiven Thalamus, dem für die Sinnesverarbeitung zuständigen Hirnbereich.
Ältere Mäuse, denen zwei Töne mit ähnlicher Tonhöhe vorgespielt wurden, konnten diese nicht unterscheiden. Blockierten Forscher um Jay Blundon und Noah Roy vom St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis, Tennessee, den Adenosin-Signalweg über genetischen Knock-out oder Medikamente, reagierten mehr Neuronen im auditiven Kortex auf Geräusche – damit stellten sie die Neuroplastizität wieder her, die normalerweise im Jugendalter verloren geht. Die Tiere konnten in der Folge wieder besser Töne unterscheiden. Erstmals sei es gelungen, das Zeitfenster für auditives Lernen so weit ins Alter auszuweiten beziehungsweise neu zu öffnen, so die Autoren.
Die Wissenschaftler spekulieren nun im Fachmagazin «Science», dass mithilfe von selektiven Adenosin-Blockern Erwachsenen das Erlernen eines Instruments oder einer Fremdsprache wieder so leicht fallen könnte wie kleinen Kindern. In ihren Versuchen nutzten die Forscher den experimentellen Wirkstoff FR194921, der den A1-Rezeptor selektiv blockiert. Die Substanz und ihre kognitionsverbessernden und angstlösenden Eigenschaften wurden 2004 zum ersten Mal beschrieben. Auch Coffein und Theophyllin wirken als Antagonisten am A1-Rezeptor, allerdings nicht selektiv.
Zudem konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Ausschalten des Enzyms Ecto-5‘-Nucleotidase, das in die Adenosin-Produktion involviert ist, ebenfalls erfolgreich das Lernfenster öffnete. Sie wollen nun Hemmstoffe des Enzyms entwickeln. Ob und wann A1-Rezeptorantagonisten und Nucleotidase-Hemmer je beim Menschen eingesetzt werden können, um das auditive Lernen zu verbessern, ist ungewiss. (dh)
DOI: 10.1126/science.aaf4612
04.07.2017 l PZ
Foto: Fotolia/Monkey Business