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Xenophobie: Flüchtlingskrise reaktiviert Urangst

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Die aktuelle Flüchtlingskrise führt bei vielen Menschen zu einer Xenophobie, einer übertriebenen, unangemessen Angst vor dem Fremden. Zu diesem Ergebnis kommt der Psychologe Professor Borwin Bandelow, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen.

 

Entwicklungsgeschichtlich sei es ein Überlebensvorteil gewesen, sich zusammenzurotten, den eigenen Stamm zu verteidigen und Mitglieder anderer Stämme zu erschlagen, erklärt Bandelow in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Noch heute würden wir mit dieser alten Abwehrangst geboren, diese unter normalen Umständen jedoch gar nicht bemerken. «Durch die Flüchtlingsströme wird sie reaktiviert», so Bandelow. Problematisch bei diesen überlieferten Urängsten sei, dass diese in einem primitiven Teil des Gehirns entstünden, das sich nur schwer durch die intelligenteren Areale des Gehirns steuern lasse. «Natürlich gibt es Vernunftgründe, die für eine Einschränkung der Zuwanderung sprechen, aber die Fremdenangst entsteht aus einer Mischung aus Urängsten und rationalen Überlegungen.»

 

Dabei seien vernunftgesteuerte Menschen durchaus in der Lage, auch die ökonomischen und demographischen Vorteile zu sehen, die es mit sich bringt, wenn junge und arbeitsfähige Menschen in das alternde Deutschland einwandern, erklärt Bandelow weiter. Bei ängstlicheren Menschen verhalle diese Sichtweise jedoch, da das Angstsystem auf solche Überlegungen nicht reagiere.

 

Bandelow empfiehlt wie bei allen Ängsten, sich mit diesen auseinanderzusetzen: «Wer Angst vor Fahrstühlen hat, muss Fahrstuhl fahren. Nach hundert Versuchen wird klar: Es passiert nichts.» Das Gleiche gelte für den Kontakt mit Fremden. Das erkläre, warum in Gebieten mit besonders wenigen Ausländern die Angst vor ihnen größer sei. «Ich empfehle daher Begegnung, um Vorbehalte abzubauen.» Im Übrigen hätten nicht nur die Deutschen Fremdenangst, das gelte für die Flüchtlinge genauso. (ke)

 

08.10.2015 l PZ

Foto: Fotolia/Jonathan Stutz