Fasten im Ramadan: Vorsicht bei Kindern und Jugendlichen |

Nach Ansicht des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte sollte ganztägiger Verzicht auf Essen und Trinken bei Heranwachsenden tabu sein. «Das Fasten schädigt die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen», sagt Verbandschef Wolfram Hartmann und nennt Folgen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Kreislaufkollaps.
Während der Fastenzeit sollen Muslime von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichten. Da der Ramadan diesmal auf die Zeit vom 18. Juni bis 16. Juli und damit auf lange Sommertage mit hohen Temperaturen falle, seien die Risiken besonders groß. «Bei Kindern ist der Wasseranteil am Körpergewicht sehr hoch, sie müssen daher regelmäßig über den Tag verteilt ausreichend trinken», sagt Hartmann. Sie könnten Flüssigkeit schlecht speichern.
Der Ramadan sei eine wichtige Zeit, betont Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. «In diesem Monat erfährt der Muslim spirituelle Reinigung.» Das Fasten-Gebot gelte ab der Pubertät. Da aber oft schon Kinder mitfasten wollten, handelten einige Eltern mit ihnen einen Kompromiss aus, etwa ein Verzichten am Wochenende.
Jedoch: «Die körperliche Unversehrtheit ist ein religiöses Gebot und steht noch über dem Fasten.» Die Türkisch-Islamische Union Ditib betont: «Die islamische Lehre, aber auch die Tradition sieht das Fasten für Kinder nicht vor.» Zekeriya Altug, Abteilungsleiter für Außenbeziehungen, sagt: «Manchmal wollen Kinder aber den Erwachsenen nacheifern und wollen unbedingt mitfasten.» Manche Eltern erlaubten das, allerdings nicht ganztägig.
Üblicherweise gebe es mittags etwas zu essen und zu trinken. Jugendliche könnten das Fasten aber körperlich durchstehen und seien dazu angehalten. Es gelte immer: «Ein Zwang zum Fasten kann und darf nicht von Außenstehenden ausgeübt werden.» Lamya Kaddor, die im nordrhein-westfälischen Dinslaken islamischen Religionsunterricht gibt, sagt: «Sobald einer meiner Schüler akute Kopfschmerzen hat, über Schwindel klagt oder meint, es nicht mehr zu packen, sage ich: «Stopp, sofort aufhören mit dem Fasten». Es sind ja zum Teil auch schon Fünftklässler dabei, also Elfjährige.» Die Gründerin des Liberal-Islamischen Bunds stellt klar: «Der Islam ist keine rigide Religion. Manche Muslime wissen das aber nicht und machen es sich und ihren Kindern zu schwer.»
«Wer krank ist oder droht, krank zu werden, soll nicht fasten.» Islamexpertin Kaddor rät, den Nachwuchs ohne Druck an das Thema heranzuführen. «Man könnte zum Beispiel zwei Stunden am Tag vereinbaren, in denen Kinder altersgemäß das Verzichten üben.» Kaddor schätzt, dass 60 bis 70 Prozent der muslimischen Heranwachsenden in Deutschland mitfasten, auch wegen des Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühls. «Eine deutlich sichtbare Gruppe fastet aber nicht und das ist total in Ordnung. Das liegt im persönlichen Ermessen.» Sie selbst fastet. Dennoch werde bei Minderjährigen mitunter übertrieben, schildern Ärzte: «Die meisten unserer Kollegen haben bereits negative Erfahrungen gemacht, wenn Kinder und Jugendliche fasten», sagt Jugendmediziner Hartmann. Das Problem beschäftige die Kinderärzte bereits seit vielen Jahren. Er appelliert an Eltern, ihren Kindern schon wegen des Bewegungsdrangs über den Tag zumindest kleine Mengen Essen und Trinken zu geben. Und: «Nutzen Sie den Ramadan, um von Limo, Fruchtsaftgetränken, Eistee und Cola auf gesundes Wasser umzustellen.»
02.07.2015 l dpa
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