Lähmungen in den USA: Enterovirus unter Verdacht |

Das Enterovirus D68, das im vergangenen Jahr in den USA eine Epidemie mit teilweise schweren Atemwegserkrankungen bei Kindern ausgelöst hat, könnte auch die Ursache für gehäuft auftretende Fälle von Polio-ähnlichen Lähmungen bei Kindern sein. Darauf deuten die Ergebnisse einer Studie hin, die kürzlich im Fachjournal «The Lancet» veröffentlicht wurden.
Zwischen dem 1. August 2014 und dem 31. Oktober 2014 wurden mehrere Kinder mit Polio-ähnlichen schlaffen Lähmungen der Gliedmaßen (akute schlaffe Myelitis, AFM) in die Kinderklinik in Aurora, Colorado, eingeliefert. In dieser Zeit grassierte in den USA gerade eine Welle schwerer Atemwegserkrankungen bei Kindern. Bei vielen dieser Kinder wiesen Ärzte Rhino- und Enteroviren nach, darunter auch das Enterovirus D68 (EV-D68). Dieses Virus wurde neben anderen Nicht-Polio-Viren wie das Enterovirus 71 oder das West-Nil-Virus bereits in der Vergangenheit mit akuten schlaffen Lähmungen in Verbindung gebracht – und zwar in Gegenden, in denen Polio-Viren nicht mehr zirkulieren wie Nordamerika und Europa.
Dr. Kevin Messacar und Kollegen vom Kinderkrankenhaus Colorado untersuchten daraufhin alle Kinder in diesem Drei-Monats-Zeitraum, die mit Muskelschwäche oder Lähmungen in die Kinderklinik eingeliefert wurden und bei denen Läsionen in der grauen Substanz des Rückenmarks mittels MRT-Scan nachgewiesen werden konnten. Zwölf Kinder erfüllten diese Kriterien. Sie hatten einen unterschiedlich ausgeprägten Grad der Muskelschwäche in Armen und Beinen, Schwierigkeiten beim Schlucken oder Gesichtsschwäche. Alle hatten Fieber und Atemwegserkrankungen etwa über eine Woche bevor die neurologische Symptome auftraten. Zehn der Kinder hatten eine Rückenmarksschädigung, bei neun Kindern wurden Hirnläsionen nachgewiesen. Elf der Kinder waren zuvor gegen das Poliovirus geimpft worden.
Trotz Behandlung sei die Muskelschwäche bei allen zehn betroffenen Kindern noch vorhanden. Es sei nicht bekannt, ob die Lähmung von Dauer sein werde, so die Autoren. Bei drei der Kinder hätten sich die Hirnnervenstörungen (Gesichtsschwäche oder Schluckbeschwerden) gebessert. Acht der Kinder wurden auf Enteroviren oder Rhinoviren positiv getestet, von denen fünf als EV-D68 identifiziert wurden. Verglichen mit den vergangenen vier Jahren, in denen in einem vergleichbaren Drei-Monats-Zeitraum maximal vier ähnliche Fälle von Lähmungen beobachtet wurden, habe sich jetzt die Anzahl der Fälle verdreifacht.
In welchem Ausmaß sich diese neurologische Erkrankung ausgebreitet hat, ist unbekannt. Sie scheint aber nicht auf Colorado beschränkt zu sein, so die Autoren. Inzwischen sei von insgesamt 107 ähnlichen Fälle in den USA und einem in Frankreich berichtet worden. Sollten weitere Untersuchungen die Verbindung zwischen EV-D68 und Polio-ähnlichen Lähmungen und Hirnnervenstörungen bestätigen, müsse man EV-D68 zu den nicht Polio-artigen Enteroviren rechnen, die schwere, möglicherweise irreversible neurologischen Schäden verursachen können. In diesem Fall müsse die Suche nach wirksamen antiviralen Therapien und Impfstoffen forciert werden. (rt)
DOI: 10.1016/S0140-6736(14)62457-0
02.02.2015 l PZ
Foto: Novartis Vaccines (Polio-Virus)