Rückenschmerzen: Mit den Schmerzen leben lernen |

Bei Patienten, die monate- oder gar jahrelang unter Rückenschmerzen leiden, ist meist nicht eindeutig feststellbar, wo der Schmerz eigentlich herkommt. Und trotz aller Bemühungen gelingt es nur in den seltensten Fällen, den Patienten zu heilen. «Sowohl dem Arzt als auch dem Patienten muss klar sein, dass Schmerzfreiheit meist nicht zu erreichen sein wird», sagte Professor Dr. Annette Becker (Foto) von der Philipps-Universität Marburg beim Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming. «Beide sollten daher vor dem Start der Therapie ein realistisches Ziel definieren, um Enttäuschungen zu vermeiden.»
Rückenschmerzen werden bei etwa jedem zehnten betroffenen Patienten chronisch, das heißt sie halten über mindestens drei Monate an und kehren immer wieder. Gefährliche Ursachen, beispielsweise ein Trauma, eine Krebserkrankung, eine Infektion oder eine Neuropathie, sind mit weniger als 1 Prozent der Fälle sehr selten. Diese muss der Arzt anhand von Warnsignalen wie Tumorleiden in der Vorgeschichte, systemischer Corticosteroid-Behandlung, Fieber, starken nächtlichen Schmerzen oder neurologischen Ausfällen identifizieren. «Neben diesen Red Flags gibt es diverse Yellow Flags, die einen ungünstigen Krankheitsverlauf wahrscheinlich machen», so Becker. Dazu gehören psychische Faktoren wie Stress, Depressivität und eine Neigung zur Somatisierung, berufliche Risikofaktoren wie körperliche Schwerarbeit, aber auch Konflikte, Unzufriedenheit oder mangelndes Selbstvertrauen am Arbeitsplatz und eine starke Schmerzausprägung.
Bei Patienten mit diesen Risikofaktoren kann es dazu kommen, dass sich das ganze Leben nur noch um den Rückenschmerz dreht und die Erkrankung ein normales Funktionieren im Alltag, Berufs- und Privatleben verhindert. «Für die Therapie dieser Patienten haben wir das Ei des Kolumbus noch nicht gefunden», sagte Becker. Aufklärung, medikamentöse und nicht medikamentöse Behandlungsmethoden stünden gleichberechtigt nebeneinander. Nur auf einen dieser Ansätze zu bauen, bringe meist nichts.
In der Praxis steht allerdings häufig die Pharmakotherapie im Vordergrund. Bleibt deren Wirkung aus, wird sie immer weiter intensiviert, bis hin zum Einsatz starker Opioide. «Diese sollten jedoch wenn überhaupt, dann nur kurzfristig beziehungsweise intermittierend und im Rahmen einer multimodalen Therapie eingesetzt werden», sagte Becker. (am)
23.01.2015 l PZ
Foto: PZ/Alois Müller