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Myopie bei Kindern: Atropin hilft, wenn die Dosis stimmt

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Niedrig dosierte Atropin-Augentropfen könnten Kindern mit starker Myopie helfen, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit deutlich zu verlangsamen. Dies zeigen die Ergebnisse einer Studie aus Singapur, in der kurzsichtige Kinder mit verschiedenen Konzentrationen des Pupillen-erweiternden Wirkstoffs behandelt wurden. «Die Ergebnisse geben Anlass zu hoffen, dass wir kurzsichtige Kinder zukünftig davor bewahren können, einen großen Teil ihrer Sehkraft zu verlieren», sagte Professor Dr. Christian Ohrloff, Mediensprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, in einer kommentierenden Pressemitteilung. Weitere Studien müssen jedoch noch die Verträglichkeit und die Langzeitauswirkungen untersuchen.

An der ATOM-2-Studie unter der Leitung von Audrey Chia vom Singapore National Eye Center nahmen 400 Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren teil, die an starker Kurzsichtigkeit litten. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt und über 24 Monate jeden Abend mit Atropin-Augentropfen in jeweils einer von drei verschiedenen Konzentrationen (0,5 Prozent, 0,1 Prozent, 0,01 Prozent) behandelt.

Danach folgte eine Auswaschphase. Nach 26, 32 und 36 Monaten wurden die Kinder untersucht und verschiedene Parameter wie axiale Länge des Augapfels, Akkomodation, zykloplegisches sphärisches Äquivalent, Sehschärfe und Pupillengröße gemessen. Von den ursprünglich 400 Kindern konnten die Daten von 356 (89 Prozent) ausgewertet werden. Es zeigte sich, dass sich in den ersten 24 Monaten der Behandlung das Längenwachstum des Augapfels und das Fortschreiten der Myopie verlangsamte – und zwar umso stärker, je höher die Atropin-Konzentration der Augentropfen war.

 

Nach Absetzen der Medikation gab es jedoch ein überraschendes Ergebnis: Über die folgenden 12 Monate (Auswaschphase) war die Progression der Myopie deutlich größer in der Gruppe, die die 0,5-prozentige-Lösung erhalten hatte, als in der Gruppe mit der 0,1-prozentigen und der 0,01-prozentigen Augentropfen. Korrelierend dazu hatte auch die axiale Länge des Augapfels bei den Kindern, die mit der höchsten Konzentration behandelt worden waren, am meisten zugenommen. Unter Gabe der 0,1-prozentigen Lösung betrug die Länge 0,33 ± 0,18 mm, bei der 0,01-prozentigen waren es nur 0,18 ± 0,13 mm. Der positive Effekt der 0,01-prozentigen Tropfen scheint auch längerfristig anzuhalten: Über einen Zeitraum von fünf Jahren war das Fortschreiten der Myopie am geringsten.

Als weiterer Vorteil der niedrig konzentrierten Lösung sind die vergleichsweise geringen Akkomodationsprobleme zu erwähnen. Unerwünschte Wirkungen wie allergische Konjunktivitis oder eine allergieassoziierte Dermatitis traten nur bei den höher konzentrierten Atropin-Tropfen auf.

Die Ursache der Kurzsichtigkeit ist ein zu langer Augapfel, sodass die ins Auge fallenden Lichtstrahlen ihren Brennpunkt nicht auf, sondern vor der Netzhaut bilden – mit der Folge, dass das Bild verschwommen erscheint. Je früher die Myopie einsetzt, desto größer ist der Verlust der Sehkraft im Erwachsenenalter. Zudem ist das Risiko von Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung oder grünem und grauen Star erhöht.

 

Dass Häufigkeit und Schwere von Kurzsichtigkeit in den vergangenen Jahrzehnten in allen Industrienationen stark zugenommen haben, insbesondere in asiatischen Ländern, liegt vermutlich an den geänderten Lebensgewohnheiten: weniger Aufenthalt im Freien, dafür zunehmender Mangel an Tageslicht durch mehr Fernsehen, Arbeiten am Computer oder stundenlanges Lesen. Daher sollten sich Kinder möglichst häufig im Freien aufhalten. (rt)

DOI: 10.1016/j.ajo.2013.09.020

 

09.01.2015 l PZ

Foto: Fotolia/goodluz