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Dimethylfumarat: Häufigere Blutbildkontrollen gefordert

 

Der Todesfall einer Multiple-Sklerose-Patientin, die über längere Zeit mit dem Immuntherapeutikum Dimethylfumarat (Tecfidera®) behandelt wurde und bei der sich eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) entwickelt hatte, hat verschiedene Fachgremien zu der Empfehlung veranlasst, die vom Hersteller angegebenen Abstände zur Blutbildkontrolle deutlich zu verkürzen.

 

Anders als in der aktuellen Fachinformation des Herstellers Biogen Idec angegeben (Kontrolle alle sechs bis zwölf Monate), empfiehlt zum Beispiel das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) in seinem Qualitätshandbuch zu Dimethylfumarat im ersten Behandlungsjahr die Kontrolle des großen Blutbilds (so wie bei anderen MS-Medikamenten) in einem regelmäßigen Abstand von sechs bis acht Wochen. Damit könnten Leukopenien und Lymphopenien identifiziert werden, die das Risiko für opportunistische Infektionen wie die PML erhöhen. Zudem wird empfohlen, das Medikament abzusetzen, wenn Leukopenien unter 3000/µl und Lymphopenien unter 500/µl festgestellt werden. Eine vergleichbare Empfehlung kommt auch von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Dieser Todesfall dürfe jedoch keinesfalls dazu führen, dass Patienten das Medikament als Kurzschlussreaktion jetzt absetzen, so Professor Dr. Ralf Gold in einer Pressemitteilung der DGN. Der Nutzen des neuen Wirkstoffs für MS-Betroffene sei unbestritten. Allerdings müsse man in Zukunft strenger auf mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen wie die Entwicklung einer PML achten.

 

Die vor kurzem verstorbene deutsche MS-Patientin, die 4,5 Jahre lang mit Tecfidera behandelt worden war, hatte im Laufe der Therapie eine schwerwiegende und lang anhaltende Lymphopenie entwickelt. Diese wurde aber (trotz niedriger Leukozyten- und Lymphozyten-Werte) als klinisch nicht bedeutsam eingestuft, da die Leukozyten-Werte während der gesamten Behandlung über 3000/µl lagen. Das erneute Auftreten von neurologischen Symptomen wurde zunächst als MS-Schub gewertet. Schließlich aber konnte mithilfe von Labortests eine PML nachgewiesen werden. Nach Zunahme der neurologischen Defizite verstarb die Patientin schlussendlich an einer Aspirationspneumonie. Dass Dimethylfumarat mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ursache für die PML war, lässt sich daraus ableiten, dass es außer der Behandlung mit Tecfidera keine weiteren Risikofaktoren für die Entwicklung einer PML gab: weder eine Vortherapie mit Natalizumab, Fingolimod oder Immunsuppressiva noch eine HIV-Infektion.

 

Dass unter Tecfidera mit der Entwicklung einer PML potenziell zu rechnen war, zeigen Berichte des New England Journal of Medicine von 2013: Vier Patienten, die über mehrere Jahre Fumaderm® von Biogen, ein Gemisch verschiedener Fumarsäureester, gegen ihre Psoriasis eingenommen hatten, entwickelten eine PML. Hingegen hatten die Studien, die zur Zulassung von Tecfidera geführt hatten, damals keine Anhaltspunkte für ein mögliches PML-Risiko ergeben. Der jetzt berichtete Todesfall sei, so der Hersteller, der erste PML-Fall mit Dimethylfumarat gegen MS – und das bei weltweit etwa 100.000 Patienten, die bereits mit diesem Medikament behandelt wurden.

 

30.10.2014 l PZ

Foto: Fotolia/JPC-PROD