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Rechtsmedizin: Todesursache schwierig zu ermitteln

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Rechtsmediziner bemängeln die Arbeit von Ärzten bei der Leichenschau. «Die Qualität der Leichenschau ist deutschlandweit ein Problem», sagte die Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Greifswald, Britta Bockholdt. Ärzte müssten regelmäßig geschult werden, um Fehleinschätzungen zu verhindern. Problematisch seien zum Beispiel bestimmte Formen von Vergiftungen, die schwer erkennbar seien.

 

Oftmals würden bei der ersten Leichenschau punktförmige Blutungen an den Augen, sogenannte Petechien, leicht übersehen. «Sie können Hinweis auf eine gewaltsame Halskompression, also ein Erwürgen, sein», sagte Bockholdt. Petechien könnten zwar noch andere Ursachen haben, müssten aber erkannt und weiter untersucht werden. Auch werde der kausale Zusammenhang zwischen einem Trauma (beispielsweise ein Oberschenkelhalsbruch durch Sturz) und dem Todeseintritt (eine durch die Bettlägerigkeit entstandene Lungenentzündung oder Embolie) nicht berücksichtigt, sagte Bockholdt. Auf dem Totenschein werde als Ursache ein natürlicher Tod angegeben, was aber nicht korrekt sei, da der Unfall kausal todesursächlich sei. Ein nicht natürlicher Tod müsse laut Bestattungsgesetz der Polizei gemeldet werden.

 

Der Totenschein von bis zu jeder 20. Leiche sei fehlerhaft. In den Krematorien Mecklenburg-Vorpommerns stoppen die Rechtsmediziner jährlich in 2 bis 5 Prozent der Fälle die Verbrennung, um in einer zusätzlichen Leichenschau Unklarheiten auszuräumen, sagte Bockholdt. Schließlich entfällt hier die Möglichkeit einer späteren Exhumierung. In anderen Bundesländern würden die Zahlen ähnlich sein.

 

Die Leichenschau ist ein Schwerpunktthema bei der 93. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, die heute in Greifswald beginnt. Rund 250 Rechtsmediziner aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden beraten bis Samstag in Greifswald und auf der Insel Usedom zudem über aktuelle Entwicklungen wie den Ausbau von Opferambulanzen oder den Einsatz von MRT und CT-Technik bei der Untersuchung von Leichen.

 

Die Rechtsmedizin-Professorin und Tagungspräsidentin Bockholdt beklagt, dass es nicht in allen Bundesländern eine durch Rechtsmediziner durchgeführte zweite Leichenschau bei Feuerbestattungen gibt. In Bayern fehle diese zweite Leichenschau ganz. Sie sprach sich für ein bundeseinheitliches Leichenschaugesetz aus. «Standardisierte Maßstäbe in der Begutachtung der Leichen wie auch einheitliche Totenscheine wären sinnvoll, um falsche Angaben zu verhindern.»

 

Dass Rechtsmedizinern bei der zweiten Leichenschau Gewaltverbrechen auffallen, sei eher selten, sagte Bockholdt. 2010 klärten die Greifswalder Rechtsmediziner einen Kriminalfall auf: Ein 69-jähriger Rentner aus Anklam hatte eine 65-jährige Bekannte erwürgt. Das Verbrechen wurde erst im Krematorium unmittelbar vor der Einäscherung durch Rechtsmediziner bei der zweiten Leichenschau entdeckt. Der Mann gestand später den Mord und wurde zu elf Jahren Haft verurteilt.

 

09.09.2014 l dpa

Foto: Fotolia/jedi-master