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AM-Therapie bei Senioren: Eine Vielzahl von Einzelfällen

 

Multimorbide Senioren nehmen bis zu 10 verschiedene Arzneimittel parallel ein. Dabei ist deren Therapie für Ärzte eine besondere Herausforderung, denn die Ergebnisse klinischer Studien lassen sich nur begrenzt auf alte Menschen übertragen. «Evidenz ist bei der medikamentösen Therapie alter Menschen allenfalls ein hypothetisches Konstrukt», sagte Professor Roland Hardt vom Katholischen Klinikum Mainz in einem Vortrag während des Fortbildungskongresses Pharmacon in Davos. Die Polypharmakotherapie im Alter sei in jedem einzelnen Fall «eine klinische Studie mit der Probandenzahl n = 1».

 

In den meisten klinischen Studien seien die Probanden oder Patienten deutlich jünger als die Patienten, die die Medikamente nach der Zulassung einnehmen. Während Studienteilnehmer in der Regel ein Alter von 50 bis 60 Jahren hätten, seien die Patienten mit den klassischen Alterskrankheiten wie Herzinsuffizienz, Schlaganfall, Demenz, Arthrose oder Tumorerkrankungen oftmals 75 Jahre und älter. Die Erkenntnisse der Studie, ließen sich auf diese Altersgruppe nicht übertragen. Generell sei es wichtig, die Therapie vorsichtig mit einer niedrigen Dosierung zu starten und diese nur langsam zu erhöhen, ganz nach der Devise «start low, go slow».

 

Zudem müsse bei der medikamentösen Behandlung alter Menschen eine ganze Reihe alterstypischer Besonderheiten betrachtet werden, sagte Hardt. So reagierten Senioren oft deutlich empfindlicher auf Medikamente, zum Beispiel auf Opioide. Die Funktion von Niere und Leber könne im Alter um 40 Prozent sinken. Dies verzögere den Abbau der Arzneimittel oder die renale Elimination. Auch der Anstieg des pH-Werts im Magen und eine zeitlich verlängerte Passage der Arzneistoffe durch den Darm haben Einfluss auf die Wirkung von Medikamenten.

 

Weitere für die Pharmakotherapie relevante altersbedingte Veränderungen im Körper sind laut Hardt, die Abnahme des Körperwassers und der extrazellulären Flüssigkeit sowie die relative Zunahme des Körperfettanteils. Fettlösliche Medikamente könnten dort in größerer Menge eingelagert werden, etwa Benzodiazepine. Die altersbedingten Veränderungen ließen sich auch nicht zuverlässig beherrschen, wenn jede einzelne Erkrankung leitliniengerecht behandelt werde, sagte Hardt. Ein Patient, der an Herzinsuffizienz leidet und gleichzeitig eine Schmerztherapie erhält, habe dennoch ein hohes Risiko für schwere Interaktionen.

 

Bleibt für Ärzte und Apotheker nur, die Therapierisiken bei multimorbiden Patienten so gut wie möglich zu reduzieren. Dazu gehört für Hardt an erster Stelle die Definition des Behandlungsziels. Dazu müsse mit dem Patienten zusammen eine Hierarchie aufgestellt werden, welche Erkrankungen und Symptome vorrangig behandelt werden sollen, welche Pharmaka eingenommen werden müssen und auf welche womöglich zugunsten geringerer Interaktionen verzichtet werden kann. (dr)

 

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05.02.2014 l PZ

Foto: Fotolia/Scott Griessel