Medikamentensucht bleibt ein großes Problem |

Legale Substanzen bereiten deutschlandweit beim Thema Abhängigkeit noch immer die größten Probleme – auch Arzneimittel. Dies gab die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bei einer Pressekonferenz in Berlin bekannt. Anlass war das aktuell erschienene «Jahrbuch Sucht 2012». Laut Gabriele Bartsch, Referentin für Grundsatzfragen bei der DHS, wird das Risiko legaler Drogen in Deutschland noch immer stark unterschätzt. Seit Jahrzehnten sei der Konsum von legalen Suchtmitteln auf einem sehr hohen Niveau – 74.000 Todesfälle werden in Deutschland jährlich auf den Konsum von Alkohol zurückgeführt, beim Tabak sind es rund 100.000. «Das sind die Suchtmittel, die den größten Schaden bewirken», sagte Bartsch.
Auch die Abhängigkeit von Arzneimitteln stellt laut Bartsch ein gleichbleibend hohes Problem dar. Experten schätzen die Zahl der Menschen, die in Deutschland von Medikamenten abhängig sind, auf 1,4 bis 1,5 Millionen. 4 bis 5 Prozent aller in Deutschland verordneten Arzneimittel besitzen ein Missbrauchs- und Suchtpotenzial, ganz vorne Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon). Bartsch warnte: Zwar sei die Anzahl der Verordnungen dieser Medikamente zulasten der Krankenkassen rückläufig. Dafür würden sie jedoch zunehmend als Privatrezept verschrieben und tauchten somit nicht in den Statistiken der Krankenkassen auf. Zudem würden Benzodiazepine noch immer zu häufig alkoholabhängigen Patienten verordnet, obwohl dies seit Jahren als Kontraindikation gilt.
Auch der Umgang mit rezeptfreien Arzneimitteln ist laut Bartsch in Deutschland unverändert prekär. So nähmen viele Menschen etwa freiverkäufliche Schmerzmittel ohne medizinische Indikation ein. Hier bestünde zwar keine körperliche Abhängigkeit, problematisch sei jedoch «der große Umfang, in dem konsumiert wird». 156 Millionen Packungen Schmerzmittel wurden 2010 in Deutschland verkauft, davon 126 Millionen ohne Rezept. Besonders kritisch sehen Gesundheitsexperten dabei analgetische Mischpräparate, die Schmerzmittel und Mittel mit Wirkung auf das Zentralnervensystem (Coffein, Codein) enthalten. Diese Präparate wiesen zahlreiche Nebenwirkungen auf, die sich durch die Einnahme von Arzneien mit einem einzigen Wirkstoff vermeiden ließen.
Bartsch sieht beim Thema Arzneimittelsucht auch die Apotheker in der Pflicht. Diese müssten regelmäßige Käufer, bei denen sie Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit vermuten, auf dieses Thema ansprechen.
Die Autoren des Jahrbuchs Sucht kritisieren weiter, dass zunehmend für rezeptfreie Schmerz- und andere Arzneimittel geworben wird. 603 Millionen Euro wurden 2010 für diese Art Werbung ausgegeben. Das sind 10,5 Prozent mehr als im Vorjahr 2009. Häufig würden die entsprechenden Werbespots schon im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt. «Damit wird das 'Konsumgut' Arzneimittel bereits dem 'jüngeren Publikum' als Problemlöser im Alltag nahegebracht», heißt es im Text. Auch die Ausgaben für Alkohol- und Tabakwerbung wachsen seit Jahren. Allein die Alkoholwerbung im Internet stieg 2010 um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr. (ah)
12.04.2012 l PZ
Foto: DAK/Schläger