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Narkose im Rückenmark spart Opiate

 

Neue Methoden in der Anästhesie machen Operationen für multimorbide Patienten sicherer. «Die Anästhesie hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht», sagte der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Uniklinikum Münster, Professor Dr. Hugo Van Aken, der Nachrichtenagentur dpa. Davon profitieren vor allem Patienten über 65 Jahre. Bei ihnen treten häufiger Begleiterkrankungen wie Herzprobleme, Bluthochdruck und Krebs auf als bei jüngeren Patienten.

 

So hemmen die für die Narkose verwendeten Opiate das Immunsystem dabei, gestreute Krebszellen zu bekämpfen. «Bei jeder OP kommen Tumorzellen in die Blutbahn», sagte Van Aken. Mittels einer zusätzlichen lokalen Anästhesie, zum Beispiel einer Periduralanästhesie am Rückenmark, könnten Narkoseärzte die verwendete Opiatmenge mittlerweile um bis zu 95 Prozent senken. Die Narkose diene dann fast nur noch der Herstellung eines schlafähnlichen Zustands, kaum mehr der Schmerzbekämpfung während des Eingriffs, so Van Aken. «Wir schalten den Schmerz mit dem Katheter in Rückenmarksnähe besser aus.»

 

Der Operierte erlebe das Aufwachen nicht mehr so unangenehm und habe langfristig eine bessere Lebenserwartung. «Der Patient kann am Tag der OP abends schon wieder essen. Wir haben eine verbesserte Lungenfunktion. Es gibt auch weniger Herzprobleme. Extrem wichtig: Das Immunsystem funktioniert postoperativ besser.»

 

Wie viel Einfluss das weniger angegriffene Immunsystem habe, zeige ein Blick in die Statistik operierter Krebspatienten 10 Jahre nach der Operation. «Mit der neuen kombinierten Methode ist die Mortalitätsrate bei Prostatakrebs um 60 Prozent gesunken», sagte Van Aken. Von jährlich 9,5 Millionen Operationen in Deutschland wären etwa 500 000 Eingriffe mit der Kombination machbar.

 

Zumindest an den Universitätskliniken sei dies schon gängige Praxis. «Es ist aber sehr arbeitsintensiv, viel Weiterbildung ist nötig, bei Ärzten und Pflegekräften. Unverzichtbar sind auch schriftlich fixierte Arbeitsanweisungen. Es gibt viele Kliniken, die diese Rahmenbedingungen nicht bereitstellen können.»

 

Auch bei der kombinierten Anästhesie gibt es Risiken: «Statistisch erleiden von 100 000 Patienten etwa 4 einen Nervenschaden, etwa 2 davon sind danach auf einen Rollstuhl angewiesen.» Ursache sind fast immer Gerinnungsprobleme, die zu einem Bluterguss im Wirbelkanal führen. Um alle Vorteile der Periduralanästhesie zu nutzen, muss der Katheter noch mehrere Tage im Körper bleiben. In der Zeit sei eine engmaschige Kontrolle durch speziell dafür geschultes Pflegepersonal unerlässlich. Van Aken: «Wenn man die Regeln strikt einhält, kann man die Risiken der Methode minimieren und die Vorteile überwiegen.»

 

08.12.2011 l PZ/dpa

Foto: Fotolia/Rizio