Lebertoxizität: Auf Morbus Meulengracht achten |

Arzneimittelnebenwirkungen an der Leber sind häufig und können tödlich enden. Hepatotoxizität ist sogar der häufigste Grund für den Widerruf einer Arzneimittelzulassung nach Markteinführung. Dennoch werden hepatische Nebenwirkungen häufig unterschätzt.
Eine Chance, Leberschäden zu reduzieren oder zu vermeiden, sieht Professor Dr. Christian P. Strassburg von der Medizinischen Hochschule Hannover in der individualisierten Therapie nach einer Analyse der Gene von bestimmten Metabolisierungsenzymen. Dies betrifft zum einen die Cytochrom-P450-Enyzme, die für den Abbau vieler Arzneistoffe verantwortlich sind. Ein anderes Beispiel ist die genetische Variation der UDP-Glucuronosyl-Transferase (UGT), sagte der Hepatologe beim Pharmacon in Meran. Das Enzym katalysiert die Konjugation von Bilirubin und fördert damit dessen Ausscheidung. Inzwischen sind mehr als 100 UGT-Varianten bekannt, und etwa 40 Prozent der Menschen haben Polymorphismen im UGT-Gen. Die vererbte Transport- und Stoffwechselstörung von Bilirubin, das sogenannte Gilbert-Meulengracht-Syndrom, habe aber keinen eigenen Krankheitswert.
Doch die UGT ist auch in die Glucuronidierung und damit Entgiftung von Arzneistoffen involviert. Beispielsweise wird der aktive Metabolit von Irinotecan (SN-38) via UGT entgiftet. Man habe festgestellt, dass Menschen mit bestimmten genetischen UGT-Varianten ein deutlich höheres Risiko für Nebenwirkungen haben. Beispielsweise erleiden sie besonders häufig Diarrhöen unter Irinotecan-Therapie. Protease-Inhibitoren wie Atazanavir hemmen die UGT und können bei Menschen, die einen genetisch beeinträchtigen UGT-Stoffwechsel haben, leicht einen Bilirubin-Ikterus auslösen. «Der Morbus Meulengracht ist ein Wolf im Schafspelz. Man sollte jeden Patienten vor einer Irinotecan-Gabe genotypisieren.» (bmg)
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31.05.2011 l PZ
Foto: Fotolia/Sebastian Kaulitzki