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Risikogene: Es ist kompliziert

 

Viele genetische Variationen, die das Risiko für eine koronare Herzkrankheit (KHK) erhöhen, sind auch mit einem gesteigerten Risiko für andere Erkrankungen assoziiert. Rund die Hälfte dieser Krankheiten wurde dabei pathogenetisch bislang überhaupt nicht mit KHK in Verbindung gebracht, zum Beispiel Schizophrenie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) oder Migräne. Das Ergebnis einer großen Auswertung von genomweiten Assoziationsstudien (GWAS), das jetzt im «Journal of the American College of Cardiology» erschien, zeigt: Nur sehr selten gibt es eine 1:1-Beziehung zwischen einem Risikogen und einer Erkrankung. Meist ist es viel komplizierter.

 

Das Team um Dr. Thomas Webb von der University of Leicester in Großbritannien prüfte die Genome von 42.335 KHK-Patienten und 78.240 Kontrollen auf 5000 häufig vorkommende SNP (Single Nucleotid Polymorphism). An diesen Stellen in der DNA kann die Basenabfolge in einem Nucleotid variieren. Wenn eine Variante bei Patienten häufiger vorkommt als bei Gesunden, zeigt das eine Assoziation zu dieser Erkrankung an. Die Kausalität muss in Folgeuntersuchungen aufgeklärt werden. Bei ihrer Analyse entdeckten die Forscher zusätzlich zu den 56 bislang bekannten KHK-assoziierten SNP sechs weitere. Insgesamt stehen somit 62 dieser Punktmutationen mit einem erhöhten Risiko für KHK in Verbindung, wobei das Ausmaß des Risikoanstiegs differiert. Dieses Ergebnis verifizierten die Wissenschaftler anhand der Daten von 30.533 weiteren KHK-Patienten und 42.530 weiteren Kontrollen.

 

Um herauszufinden, mit welchen anderen Erkrankungen die KHK-Risiko-SNP in Zusammenhang stehen, griffen die Wissenschaftler auf zwei Datenbanken zu, in denen die Ergebnisse vieler GWAS gespeichert sind. Dabei stellten sie fest, dass etwa ein Drittel der 62 KHK-SNP mit traditionellen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, erhöhter Cholesterolspiegel oder Verkalkung der Herzkranzgefäße assoziiert sind. Erstaunlicherweise spielt den Ergebnissen zufolge aber fast die Hälfte auch bei völlig anderen Erkrankungen eine Rolle, etwa Schizophrenie oder Migräne. Besonders auffällig war der SNP SH2B3 auf Chromosom 12, der einen Risikofaktor für 17 andere Erkrankungen oder Krankheitsmerkmale ist. Dazu gehören rheumatoide Arthritis, Schilddrüsenunterfunktion, Zöliakie und die primär sklerosierende Cholangitis, eine chronische Entzündung der Gallenwege.

 

Auch wenn die Wissenschaftler in einigen Fällen mögliche Erklärungen für die Beobachtungen haben − etwa eine chronische Entzündung als Ursache sowohl der KHK als auch der CED Morbus Crohn − sind die Zusammenhänge größtenteils noch ungeklärt. Die Ergebnisse liefern aber neue Ansatzpunkte, um die Entstehung der KHK aufzuklären, und letztlich vielleicht auch neue Targets für Arzneistoffe. (am)

 

DOI: 10.1016/j.jacc.2016.11.056

 

16.02.2017 l PZ

Foto: Fotolia/Krautberger