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Bittermelone kann den Blutzucker senken

PHARMAZIE

 

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Bittermelone kann den Blutzucker senken

 

von Lars Ruwisch, Bremen

Die Bittermelone ist ein verzehrübliches Lebensmittel. Sie enthält eine Vielzahl von pharmakologisch interessanten Inhaltsstoffen. Zu den derzeit interessantesten Wirkungen der Bittermelone zählt sicherlich der hypoglykämische Effekt, wobei jedoch der genaue Wirkmechanismus noch ungeklärt ist.

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Die Bittermelone (Momordica charantia) ist eine Gemüsepflanze, die aus China und Indien stammt. Seit Jahrhunderten wird sie auch in Nord- und Südamerika, in weiteren Regionen Asiens und in Afrika kultiviert. In Europa wird sie hingegen erst seit etwa zehn Jahren in nennenswertem Umfang angebaut.

Momordica charantia ist eine schlanke, grüne Kletterpflanze mit gelben Blüten, deren Blätter an die Blätter unseres Weinstocks erinnern. Die gurkenähnlichen genoppten Gemüsefrüchte sind anfangs grün, werden im reifen Zustand orangegelb und platzen dann auf. Das Fruchtfleisch hat eine intensive rote Farbe und ist gesprenkelt mit weißen und braunen Samen. So groß das Verbreitungsgebiet ist, so vielfältig sind auch die Bezeichnungen für die Bittermelone. Man nennt sie zum Beispiel auch Bittergurke, Balsambirne, Goya, Bitterkürbis und Carillafrucht. Wie die Wassermelone gehört auch die Bittermelone zu den Kürbisgewächsen (Cucurbitaceae) (1, 2).

Analysen von M. charantia zeigen die für eine Gemüsepflanze erwarteten Inhaltsstoffe. So findet man neben Calcium (20 mg/100 g essbare Frucht), Carotin (0,13 mg/100 g) und Riboflavin (0,09 mg/100 g) einen hohen Protein- (1,6 g/100 g), Mineral- (0,8 g/100 g) und Kohlenhydratanteil (4,2 g/100 g) sowie einen niedrigen Fettwert (0,2 g/100 g).

Die Bittermelone wird als Gemüse in unterschiedlichen Zubereitungsformen genutzt. Meist wird sie in gebratener Form verwendet, da so der bittere Geschmack reduziert werden kann. In verschiedenen Kochbüchern und im Internet findet man eine Reihe unterschiedlicher Rezepte, zumal die Bittermelone mittlerweile auch als Dosengemüse im Supermarkt erhältlich ist (3, 4).

Neben der Verwendung als Lebens- und Genussmittel wird die Bittermelone seit langem traditionell als Heilpflanze bei verschiedenen Indikationen verwendet. So sagt man ihr bei Verzehr einen förderlichen Effekt bei Verstopfung, Magenbeschwerden, Leberbeschwerden und viralen Infekten nach. Äußerlich angewendet wird ein Presssaft aus den Blättern, zum Beispiel gegen Insektenstiche, Sonnenbrand und kleinere Wunden (1).

Ihre blutzuckersenkenden Effekte, die dem Phytosterolin Charantin (einem Gemisch aus gleichen Teilen von b-Sitosterol-b-D-glukosid und a-5,25-Stigmastadein-3bb-1-ol) zugeschrieben werden, haben das Interesse der Wissenschaft wie auch der Wirtschaft geweckt (5).

Verstärkt den Effekt von Antidiabetika

Laut Aussagen der Hersteller entsprechender Produkte sei der therapeutische Nutzen und die Sicherheit in klinischen Studien dokumentiert. Dabei wird sich vor allem auf eine als ersten europäischen Feldversuch bezeichnete Anwendungsbeobachtung bezogen (2). An dieser Anwendungsbeobachtung nahmen insgesamt 41 Personen teil, die in einer Allgemeinpraxis und in einer nephrologischen Schwerpunktpraxis auf Grund ihrer Diabeteserkrankung in Behandlung waren und je nach Indikationsstellung des Arztes mit verschiedenen oralen Antidiabetika therapiert wurden. Sie nahmen für die Dauer von 24 Wochen täglich vor zwei größeren Mahlzeiten je eine Kapsel mit 500 mg M.-charantia-Extrakt ein. Die Autoren dieser Anwendungsbeobachtung kommen zu der Schlussfolgerung, dass „es mit dem zusätzlichen täglichen Verzehr von Bitter-Melon-Extrakt vor zwei größeren Mahlzeiten möglich ist, nicht insulinabhängige Patienten in die Gruppe der Personen mit einer gestörten Glukosetoleranz (bis 126 mg/dl) bei entsprechender Patientencompliance wieder einzuordnen, was als bemerkenswerter Erfolg einer einfach handhabbaren, zusätzlichen diätetischen Maßnahme zu werten ist“. Sie folgern dies, weil bei 21 Patienten der Nüchternblutzuckerspiegel, der vor Beginn des Feldversuches bis zu 200 mg/dl betrug, um bis zu 25 Prozent vom Ausgangswert gesenkt werden konnte, wobei sich das HbA1c durchschnittlich um 0,5 Prozentpunkte erniedrigte. Nicht erwähnt wird jedoch, dass bei einem Viertel der Teilnehmer Nüchternblutzucker und/oder HbA1c unter diesem Extrakt anstiegen. So folgert auch das Arzneitelegramm, dass diese Veröffentlichung „von erschreckend schlechter Qualität“ (6) ist.

Aber auch in seriösen Publikationen, zum Beispiel von Basch et al., werden die blutzuckersenkenden Eigenschaften der Bittermelone beschrieben (7). So konnte bei Personen, die bereits ein Sulfonylharnstoffderivat erhielten, der blutzuckersenkende Effekt durch Saft oder gebratene Bittermelone verstärkt werden. Ein Einzelfall ist dokumentiert, in dem eine ärztliche Empfehlung zu einer Therapie mit Bittermelonenextrakt ausgesprochen wurde, während notwendige Antidiabetika nicht ärztlich verordnet wurden (8).

Auf Nebenwirkungen achten

Allerdings – nach der alten Erkenntnis, dass es keine Wirkung ohne Nebenwirkung geben kann – sind die entsprechenden Nebenwirkungen, Interaktionen und Gegenanzeigen zu beachten. So wird an anderer Stelle über unerwünschte Wirkungen wie hypoglykämisches Koma, Krämpfe und Kopfschmerzen berichtet. Die chronische Anwendung eines Fruchtextraktes war bei diabetischen Ratten letal, die Anwendung eines mit organischen Lösungsmitteln gewonnenen Extraktes führte bei Mäusen zu einer verringerten Fertilität (9).

Neben der antidiabetogenen Wirkung der Bittermelone werden jedoch auch andere potenzielle Anwendungsgebiete diskutiert, auf die an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber hingewiesen werden soll. So konnte zum Beispiel in vitro in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen eine positive Wirkung auf Darm- und Brustkrebs gefunden werden (10-12).

 

Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel? Bezüglich der Frage, ob es sich bei Bittermelone-Produkten tatsächlich um diätetische Lebensmittel und nicht um zulassungspflichtige Arzneimittel handelt, liegen Einschätzungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vom Dezember 2003 vor (13, 14). Beide Institutionen stuften zum Beispiel das Produkt Glukokine® vor allem auf Grund der dem Produkt nachgesagten Eigenschaften, als Arzneimittel im Sinne von § 2 Abs. 1 AMG ein, das als Fertigarzneimittel gemäß § 4 Abs. 1 AMG vor dem In-Verkehr-Bringen in der Bundesrepublik der Zulassung durch das BfArM bedarf, § 21 Abs. 1 AMG, die es jedoch nicht besitzt. Des Weiteren seien zahlreiche Interaktionen zu anderen Arzneimitteln bekannt und dokumentiert (15, 16).

Darauf folgte im Januar 2004 eine AMK-Meldung, in der die Firma Sandoz Pharmaceuticals GmbH mitteilte, dass sie – auch wenn sie die Einschätzung des BfArM nicht teile und zu keiner Zeit gesundheitliche Risiken mit dem Produkt bestanden hätten – das Produkt als diätetisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke vorerst nicht mehr vertreiben werde (17).

Seit dem 1. September 2004 steht das Produkt nunmehr als Nahrungsergänzungsmittel zur Verfügung. Eine Anwendung als Additiv zu einer Antidiabetikamedikation wird nicht beworben, vielmehr wird darauf hingewiesen, dass „Bittermelonen-Konzentrat den Blutzuckerspiegel senken kann. Es kann daher erforderlich sein, in Absprache mit dem Arzt die Dosis von oralen Antidiabetika entsprechend anzupassen. Zu Wechselwirkungen dieses Lebensmittels mit anderen Medikamenten liegen keine Erfahrungen vor“ (18).

 

Literatur

  1. www.sugardown.de am 12.07.2004
  2. Kurt, S. Zänker et al.: Sicherheits- und Wirksamkeitsstudie mit einem Extrakt aus Momordica charantia bei Patienten mit Typ-2-Diabetes. Zeitschrift für Phytotherapie 24 (2003) 163-169.
  3. Lekkerli: Das online Kochbuch Portal unter www.lekkerli.de/main/article.php?sid=805 am 12.07.2004
  4. Asiatische Lebensmittel Online Shop unter http://www.asianbrand.de/_shop/index.html am 12.07.2004
  5. Oliver-Bever PEP: Medical Plants in Tropical West Africa. Cambridge(UK): Cambridge University Press; 1986.
  6. Arzneitelegramm Nr. 9, 2003 unter www.arznei-telegramm.de/register/0309085.pdf am 15.10.2003
  7. Basch, E., Gabardi, S., Ulbricht, C., Bitter melon (Momordica charantia): a review of efficacy and safety. Am J Health Syst. Pharm 60 (2003) 356-359.
  8. Recherche Nr. 6225 (DK) auf dem gemeinsamen AMINO-Server der Arzneimittelinformationsstellen
  9. Länger, R., Wunderdrogen und Allheilmittel – eine kritische Reflexion. 24.06.2003, www.universimed.com
  10. Lee-Huang S, Huang PL, Chen HC, et al.: Anti-HIV and anti-tumor activities of recombinant MAP30 from bitter melon. GENE 161 (1995) 151-156.
  11. Nagasawa, H., Watanabe, K., Inatomi, H., Effects of bitter melon or ginger rhizome on spontaneous mammary tumorigenesis in SHN mice. Am J Chinese Med 30 (2002) 195-205.
  12. Lee, D. K., Kim, B., Lee, S. G. et al.: Momordins inhibit both ap-1 function and cell proliferation. Anticancer Research 18 (1998) 119-124.
  13. Schreiben des BfArm vom 30.12.2003 an das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung
  14. Schreiben des Niedersächsischen Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit; Lebensmittelinstitut Braunschweig vom 15.12.2003
  15. Lis-Balchin, M., Serious adverse effects between herbal remedies and conventional drugs taken simultaneously. Journal of the Royal Society for the Promotion of Health 122 (2002) 210.
  16. Aslam, M., Healy, M. A., Hypoglycamic properties in traditional medicines with specific reference to karela. In Medical-Forum-Monthly 12 (2001) 4-8.
  17. AMK-Meldungen der Pharmazeutischen Zeitung vom 27. Januar 2004
  18. www.glukokine.de am 10.11.2004

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Beitrag erschienen in Ausgabe 50/2004

 

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