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Zucker hilft bei Chorea Huntington

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Zucker hilft bei Chorea Huntington

von Dagmar Knopf, Limburg

Eine zweiprozentige Zuckerlösung vermindert bei Mäusen die Symptome der Erbkrankheit Chorea Huntington, indem sie die Proteinablagerungen im Gehirn unterbindet.

Chorea Huntington – im Volksmund auch als Veitstanz oder Tanzwut bekannt – ist eine neurologische Erbkrankheit mit Bewegungsstörungen und Demenz. Sie manifestiert sich meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, mit einem Gipfel um das 45. Lebensjahr. Die Häufigkeit in Europa beträgt 1:10.000 bis 1:50:000, wobei Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind. Als erste Symptome der Krankheit treten meist psychische Veränderungen wie Reizbarkeit und Unzuverlässigkeit auf, gefolgt von Gewalttätigkeit und zunehmender effektiver Enthemmung sowie Paranoia und Demenz.

Auf Grund einer Mutation im so genannten Huntingtin-Gen kommt es zu fehlerhaften Proteinen mit zusätzlichen langen Abfolgen der Aminosäure Glutamin. Diese Proteine verklumpen miteinander und bilden im Gehirn der Patienten Ablagerungen, ähnlich derer bei Alzheimer Patienten.

Eine einfache Zuckerlösung kann das Zusammenlagern verhindern, wie Wissenschaftler des Riken Brain Science Institute in Japan nachwiesen (Nature Medicine, Online-Vorabveröffentlichung vom 18. Januar 2004). Zuerst suchten die Wissenschaftler um Nobuyuki Nukina nach potenziellen Wirkstoffen, die das Zusammenklumpen der Proteine verhindern könnten. Sie arbeiteten mit einer mutierten Form des Myoglobins, das – ausgestattet mit zusätzlichen Glutamingruppen – bereits bei 37°C klumpige Ablagerungen bildet. Sie fügten die potenziellen Inhibitoren hinzu und beobachteten das Ausmaß der Verklumpung gemessen als Absorption bei 550 Nanometer Wellenlänge.

Unter der Vielzahl von 200 getesteten Verbindungen erwies sich der Zucker Trehalose als vielversprechendster Wirkstoff. Das Disaccharid bewirkte eine dosisabhängige Reduktion der Aggregation (um knapp 50 Prozent in der Konzentration von 1 mmol Trehalose), wobei alle getesteten Disaccharide eine generelle Tendenz nachwiesen, die Aggregation zu verringern.

Um den stabilisierenden Mechanismus des Zuckers zu untersuchen, verglichen die Forscher die Reaktionen zweier Myoglobine auf Trehalose (eingesetzte Konzentrationen: Kontrolle, 10 µmol und 100 µmol). Die Myoglobine unterschieden sich in der Länge der zusätzlichen Glutaminketten (35 versus 12 Glutaminreste).

Anschließend testeten die Forscher die Zuckerwirkung in Zellkultur auf eine stabile Zelllinie von Mausneuroblastomazellen. Hier zeigte sich ebenfalls eine dosisabhängige Wirkung von Trehalose auf das Proteinverklumpen mit der höchsten Wirksamkeit bei einer Konzentration von 1 mmol Trehalose. Nebenwirkungen auf die Zellen traten nicht auf. Wie bereits in den Vorversuchen minderten auch die Disaccharide Saccharose, Maltitol, Turanose, Cellobiose, Melibiose, Melezitose und Mannose (Monosaccharid) in einer Konzentration von 50 µmol die Verklumpung geringfügig.

Mäuse leben länger

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Schließlich bestand die Zuckerlösung auch den Test am Tiermodell. Mäuse, deren Huntingtin-Gen verändert war, reagierten mit einem milderen Krankheitsverlauf auf das Trinken einer 2-prozentigen Zuckerlösung. Auch ihre Lebenserwartung war im Gegensatz zu den Trahalose-frei ernährten Artgenossen deutlich erhöht (107 zu 96 Tage). Histologische Untersuchungen zeigten deutliche Läsionen in den lateralen Ventrikeln der Kontrollmäuse. Infolge der Trehalose-Therapie fielen diese Läsionen deutlich kleiner aus. Im motorischen Test schnitten die Trehalose-Mäuse ebenfalls besser ab als die Kontrolltiere. So konnten sie sich länger auf einer rotierenden Plattform halten und hatten einen weniger schwankenden Gang.

Die Forscher hoffen nun, den viel versprechenden Ansatz weiterzuentwickeln und mit dem völlig nebenwirkungsfreien Wirkstoff den Verlauf der nach dem amerikanischen Nervenarzt George Huntington (1851 bis 1916) benannten progressiv verlaufenden Erbkrankheit abzuschwächen. Top

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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2004

 

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