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Schisandrafrüchte (Wuweizi)

PHARMAZIE

 
Chinesische Arzneipflanze

Schisandrafrüchte (Wuweizi)

von Detlef Klauck, Magdeburg

Schisandra chinensis ist eine in Ostasien gebräuchliche Arzneipflanze, die in letzter Zeit durch Anzeigen in der Laienpresse auch in Deutschland breitere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat (5). Es gibt allerdings für die Früchte oder deren Zubereitungen derzeit keine in wissenschaftlichen Studien gesicherten Indikationen.

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Therapeutisch werden vorwiegend die zitronenähnliche Frucht und deren Öl genutzt. Synonyme für die Früchte sind Wuweizi, Schisandra chinensis- oder Schisandra sphenanthera-Früchte, Northern magnoliavine fruit oder chinesische Limonenfrüchte (2, 3).

In Ostasien gibt es eine über 2000-jährige Anwendungstradition für Schisandrafrüchte. Sie gelten als traditionelles Arzneimittel zu Aufbau und Stärkung bei verschiedenen Schwächeformen. Typischerweise wird nicht die einzelne Droge, sondern eine Mischung mit anderen Drogen in Rezepturen wie „Shengmài săn“ verwendet.

In der chinesischen und japanischen Pharmakopoe sind die Früchte als Arzneimittel monographiert. Das chinesischen Arzneibuch erfasst die getrockneten, reifen Früchte von zwei botanischen Arten (Schisandra chinensis und Schisandra sphenanthera) unter einer gemeinsamen Bezeichnung (Wuweizi) (3). Die Zubereitungen aus Schisandra chinensis werden üblicherweise als Beiwuweizi, das heißt nördliches Wuweizi, und die Drogen aus S. sphenanthera als nanwuweizi (südliches Wuweizi) bezeichnet (1). Für die Inhaltsstoffe gibt es regional unterschiedliche Bezeichnungen: Gomisin in Japan und Schisandrin in China. Unter den Inhaltsstoffen sind vor allem die für diese Droge spezifischen Lignane interessant.

Neben der überlieferten Anwendung in China, Japan und Korea ist auch ein breiterer therapeutischer Einsatz aus Russland bekannt. Untersuchungen in der Sowjetunion in den 1950er- und 60er-Jahren führten zur Aufnahme der Droge in die dortige Pharmakopoe.

TCM-Indikationen

Schisandrafrüchte schmecken süßsauer, aber auch salzig, bitter und scharf. Diese fünf Geschmacksrichtungen gaben der Droge ihre Bezeichnung (Wu = fünf), die auf alle fünf Wandlungsphasen abzielt. Durch dieses recht weite „Wirkspektrum“ ist der Einsatz in der traditionellen chinesischen Medizin eher im Sinne eines universellen Stärkungsmittels ähnlich dem Ginseng zu interpretieren.

Die TCM-Indikationen (Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwäche, Qi-Auffüllen) sind ebenfalls in diesem Sinn verständlich. Evidenzbasierte wissenschaftliche Belege sind nicht verfügbar. Eine detaillierte Betrachtung dieser traditionellen Indikationen ist nur im Rahmen der TCM-Theoriemodelle sinnvoll.

Wenige gesicherte Wirkungen

Es gibt zurzeit keine in wissenschaftlichen Studien am Menschen ausreichend gesicherten Indikationen für Zubereitungen aus Schisandra-Früchten.

Die antioxidative, radikalfangende Wirkrichtung, die hauptsächlich dem Lignan Schisandrin B zuzuschreiben ist, kann angesichts vieler Untersuchungen inzwischen als nachgewiesen betrachtet werden. Zu den physiologischen Manifestationen dieser Wirkung können die Leberschutzeffekte über Regeneration der mitochondrialen Glutathion-Speicher gezählt werden (9, 16, 10). Welche Aufbereitungsform und welche Dosierung hier optimal sind, ist aus den vorliegenden Daten nicht ableitbar.

Mögliche und unsichere Effekte

Die Shengmài-săn-Rezeptur hat in kleineren Untersuchungen Ischämieschäden (Infarkt) verhindern können (11), analoge Befunde liegen auch aus Tierversuchen vor (12). Die berichtete Hemmung der Alterung von Nervenzellkulturen (17) könnte ebenfalls den antioxidativen Effekten zugeschrieben werden. Plausible Einzelfallberichte liegen zur Beeinflussung von Krebs und Infektionskrankheiten sowie als Akupunktur-Begleittherapie vor (6, 18).

Weniger gut belegt sind Konzentrationsverbesserung (widersprüchliche Ergebnisse (2, 19)) und kognitive Leistungssteigerung (GABA-Abbauhemmung nur in vitro (20)).

Keine ausreichend reproduzierbaren und nachvollziehbaren Belege gibt es für Anwendungen als Neuroleptikum und Antikonvulsivum (10), Sexualtonikum, zur Blutreinigung (5), bei Indikationen wie Morbus Parkinson (6), Infertilitätsbehandlung (4), Fibromyalgie (7), Diabetes (10, 14, 28) oder Schlafstörungen (13).

Auf Grund der typischen Dosierungen von 1,5 bis 3 g Droge und der bisher nicht erfolgten Validierung von Konzentrierungsverfahren kann man nicht davon ausgehen, dass zurzeit eine wirksame oder hilfreiche Dosis in lebensmitteluntypischer Form, das heißt als Kapsel oder Tablette, angeboten wird. Somit erscheint eine Anwendung in Nahrungsergänzungsmitteln schon mengen- und verfahrensmäßig nicht zu rechtfertigen.

Unbedenklichkeit nicht belegt

Im westeuropäisch-nordamerikanischen Raum liegen keine nennenswerten therapeutischen Erfahrungen mit Schisandra-Zubereitungen vor. Systematische Untersuchungen zur Anwendungssicherheit (unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen) sind ebenfalls nicht verfügbar. Konkrete Anlässe für Bedenken sind aber bisher nicht vorhanden. Eine Untersuchung mutagener Effekte bei einer japanischen Rezeptur konnte dafür keine schädlichen Wirkungen in vitro nachweisen (15).

Die vielen positiven Studien zum Einsatz als Krebsmittel lassen allerdings eine Beeinflussung von Zellteilung und Apoptose und damit zytotoxische, möglicherweise aber auch krebsfördernde Effekte und Nebenwirkungen denkbar erscheinen. Inhaltsstoffe der Droge, vor allem Lignane, beeinflussen zudem GABA-metabolisierende sowie Leukotriensynthese- und PAF-beeinflussende Enzyme (8).

Somit kann das Fehlen von Risikomeldungen nicht als ausreichender Beleg für eine Unbedenklichkeit, insbesondere bei breiterer nicht arzneilicher Anwendung gewertet werden.

Wertung

Schisandra ist eine Pflanze, deren mögliche Einsatzgebiete sich vom allgemein kräftigenden Lebensmittel bis zum Arzneimittel erstrecken. In Ostasien und den USA werden die Früchte und Zubereitungen als Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel verwendet. Dies erscheint auch in Deutschland möglich. Die lange Anwendungsdauer und der breite Einsatz weisen auf eine recht gute Verträglichkeit hin, können aber mangels systematischer Erfassung nicht als Beleg derselben gewertet werden.

Sachlich scheint eine Einstufung in Europa und damit auch in Deutschland eher als Novel Food gerechtfertigt. Ob ein Einsatz als Lebensmittel möglich ist, ist für die Apotheke wenig interessant, solange keine gesundheitsfördernden Effekte beansprucht werden, da dann keine Apothekenüblichkeit gegeben sein dürfte. Angesichts der unklaren Datenlage zu Produktsicherheit und Effekten der Inhaltsstoffe können die verschiedenen, mit gesundheitsfördernden Effekten beworbenen Konzentrate (Nahrungsergänzungsmittel) nicht empfohlen werden.

Für einen arzneilichen Einsatz machen die Vielzahl der möglichen Zubereitungsformen und die geringe Zahl systematischer Untersuchungen zurzeit eine eindeutige Zuordnung von einsetzbaren Arzneimitteln und gesicherten Effekten sehr schwer.

Die einzige gesicherte Wirkung ist der Leberschutz, sowohl für die Einzeldroge als auch für Drogenmischungen wie Shengmaisan. Die möglicherweise auf den antioxidativen Effekte beruhenden weiteren Indikationen – Verhinderung oder Verringerung einer Schädigung von Muskelzellen, Beeinflussung der Zellteilung, krebshemmende sowie neurologische Effekte – sind möglicherweise auch reproduzierbar, aber noch schlechter belegt als der Leberschutz. Für die Vielzahl weiterer Indikationen fehlt es an ernsthaften Belegen.

Da zurzeit keine Referenzzubereitung existiert, sind alle verfügbaren Informationen zur Wirksamkeit eher als Hinweis auf das vorhanden Forschungspotenzial denn als Hilfe für eine therapeutische Anwendung zu sehen.

 

Zusammenfassung Schisandra-Zubereitungen sind ein essenzieller Bestandteil der überlieferten ostasiatischen Heiltraditionen. Sie enthalten eine Vielzahl wirksamer Inhaltsstoffe, deren Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist. Für einige Indikationen könnten sich in Zukunft auch nach wissenschaftlichen Kriterien vertretbare Einsatzmöglichkeiten ergeben. Eine aktive Empfehlung kann aber zurzeit – mit Ausnahme des Einsatzes zum Leberschutz – weder für Nahrungsergänzungs- noch für Arzneimittel begründet werden. Heilversuche durch qualifizierte Therapeuten erscheinen tolerierbar.

Die Datenlage ist unbefriedigend. Vor einem breiteren therapeutischen Einsatz müssen sowohl die optimale Art der Zubereitung für die gewünschte Indikation als auch deren Eigenschaften, Nutzen und Risiken in Studien genauer geklärt werden.

 

Literatur

  1. Monographie Shisandrae Fructus. Arzneibuch der chinesischen Medizin, Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart .
  2. American Herbal Pharmacopeia: Schisandra Berry. October 1999.
  3. Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, 5. Aufl. 1994, Band 6, S. 646.
  4. Xu, X., et al., Application of traditional Chinese medicine in the treatment of infertility. Human Fertility 6 (4) (2003) 161-168.
  5. Anzeige in Fernsehbeilage Volksstimme Magdeburg, 29. 4. 2004.
  6. Xue, Y., The treatment of Parkinson's disease by acupuncture and herbal medicine. J. Chin. Med. 73 (2003) 9-12.
  7. Sierpina, V. S., Carter, R., Alternative and integrative treatment of fibromyalgia and chronic fatigue syndrome. Clinics in Family Practice 4 (4) (2002) 853-872.
  8. Lee, I. S., et al., Structure-activity relationships of lignans from Schisandra chinensis as platelet activating factor antagonists. Biol. Pharm. Bull. 22 (3) (1999) 265-267.
  9. Ip, S. P., et al., Effects of schisandrin B pretreatment on tumor necrosis factor-alpha induced apoptosis and Hsp70 expression in mouse liver. Cell Stress Chaperones 6 (1) (2001) 44-48.
  10. Wagner, H., et al., Chinese Drug Monographs and Analysis, Fructus Schisandrae. VGM Verlag, Kötzing 1996.
  11. Long, M. Z., Wang, D. B., Yang, J. M., Clinical study on effect of Shenmai Injection in treating congestive heart failure. Zhongguo-Zhong-Xi-Yi-Jie-He-Za-Zhi 23 (11) (2003) 808-810.
  12. Wang, N., et al., Sheng-Mai-San is protective against post-ischemic myocardial dysfunction in rats through its opening of the mitochondrial KATP channels. Circ. J. 66 (8) (2002) 763-768.
  13. Wing, Y. K., Herbal treatment of insomnia. Hong-Kong Med. J. 7 (4) (2001) 392-402.
  14. Li, W. L., et al., Natural medicines used in the traditional Chinese medical system for therapy of diabetes mellitus. J. Ethnopharmacol. 92 (1) (2004) 1-21.
  15. Kuboniwa, H., et al., Mutagenicity studies of Sho-seiryu-to (TJ-19). Jap. Pharmacol. Therapeutics. 27 (Suppl 6) (1999) 89 - 94.
  16. Ko, K. M., et al., Protection against carbon tetrachloride liver toxicity by enantiomers of schisandrin B associated with differential changes in hepatic glutathione antioxidant system in mice. Pharm. Biol. 40 (4) 2002 298-301.
  17. Hu, G., et al., Effects of Chinese herb drugs on aging-related changes in neurocyte culture CHIN-PHARM-J. Chin. Pharm. J. 29 (6) (1994) 333-337.
  18. Xue, C. C. L., et al., Effect of adding a Chinese herbal preparation to acupuncture for seasonal allergic rhinitis: Randomised double-blind controlled trial. Hong-Kong Med. J. 9 (6) (2003) 427-434.
  19. Iversen, T., et al., The effect of NaO Li Su on memory functions and blood chemistry in elderly people. J. Ethnopharmacol. 56 (2) (1997) 109-116.
  20. Baek, N. I., et al., Effects of several medicinal plants on the activity of GABA-metabolizing enzymes. Korean J. Pharmacogn. 31 (1) (2000) 23-27.
  21. Miyazawa, M., et al., Insecticidal lignans against Drosophila melanogaster from fruits of Schisandra chinensis. Nat. Product Letters 12 (3) (1998) 175-180.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Detlef Klauck
Apothekerkammer Sachsen-Anhalt
Dr.-Eisenbart-Ring 2
39120 Magdeburg

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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2005

 

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