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Aloe vera auf dem Prüfstand

PHARMAZIE

 

Aloe vera auf dem Prüfstand

von Wilhelm Brodschelm, Würzburg

Aloe vera wird in den Publikumsmedien schon seit langem als Wundermittel gegen die unterschiedlichsten Erkrankungen angepriesen. Doch welche der zahlreich versprochenen Anwendungsgebiete sind medizinisch wissenschaftlich abgesichert und belegt?

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Aus den Blättern der kakteenähnlichen Sukkulente Aloe vera (Aloe barbadensis Miller) werden zwei grundsätzlich verschiedene Aloe-Produkte gewonnen: zum einen das so genannte Aloe-Gel und zum anderen das Aloe-Latex, auch umgangssprachlich Aloe-Saft genannt.

Zur Gewinnung des Gels werden die Blätter geschält und der im Blattinnern befindliche Kern mit Wasser herausgelöst. Es resultiert eine durchsichtige, fast farblose, viskose Masse. Sie enthält neben Wasser (mehr als 90 Prozent) saure Heteropolysaccharide, die hauptsächlich aus D-Glucose und D-Mannose bestehen. Außerdem können ebenfalls einfache Zucker wie Glucose, Mannose, Galactose und Xylose sowie wasserlösliche Vitamine, Aminosäuren, Amylase, alkalische Phosphatase, Lipase und Salicylsäure enthalten sein (1). Die Anthrachinone Aloin und Aloe-Emodin sind nur in Spuren vorhanden.

Der bitter schmeckende, gelbe Aloe-Saft (Aloe-Latex) wird hingegen aus den äußeren Blattteilen gewonnen und enthält im Unterschied zum Aloe-Gel die stark laxierenden Anthrachinonglykoside Aloin A und B.

Gel und Latex werden nicht immer sauber getrennt, so dass abhängig vom Herstellungsverfahren auch in Gelen Anthrachinone enthalten sein können (2). Moderne patentierte Verfahren sollen Anthranoid-freie Gelprodukte gewährleisten (3).

Anwendungsgebiete von Aloe

Aloe-Saft wird als Laxans eingesetzt werden. Es erzeugt jedoch starke Hyperämien in den Unterleibsorganen und ist daher während der Menstruation, in der Schwangerschaft und Stillzeit, sowie bei Hämorrhoiden oder Nierenentzündungen kontraindiziert. Generell sollte Aloe-Saft nicht über zwei Wochen (Dauermedikation) verwendet werden (4). Auf Grund der Nebenwirkungen ist der Saft durch andere, risikoärmere Substanzen, bereits vom Markt verdrängt worden.

Aloe-Gel soll äußerlich bei allen Arten von Wunden und Verbrennungen, Hautreizungen oder Psoriasis nützlich sein. Zubereitungen zur innerlichen Anwendung werden gegen Verstopfung, Husten, Kopfschmerzen, entzündliche Erkrankungen, rheumatisches Fieber, Allergien, Ulcera, Diabetes, Arthritis, Herzerkrankungen, HIV-Infektion und Krebs angeboten (2, 5).

Wirksamkeit und Studien zu Aloe

Anhand von publizierten Studien soll gezeigt werden, welche Indikationen für Aloe-vera-Gel medizinisch wissenschaftlich abgesichert sind.

Strahlengeschädigte Haut

In einer Studie wurde die Verminderung von Nebeneffekten (Schmerzen, Erythem) bei Bestrahlung der Haut durch die topische Anwendung von Aloe-vera-Gel im Vergleich zu einer hydrophilen Creme untersucht. Durch die Aloe-vera-Gel-Behandlung konnten die Hautirritationen durch die Bestrahlung nicht signifikant reduziert werden. Die hydrophile Creme allein war genauso wirksam (6).

In einer weiteren placebokontrollierten Doppelblindstudie wurde der Einsatz von Aloe-vera-Gel bei 194 Frauen, die Brust- oder Brustkorbbestrahlungen erhielten, untersucht. In der eingesetzten Dosierung konnten mit dem Gel keine protektiven Eigenschaften gegen die Bestrahlungsbedingte Dermatitis erzielt werden (7).

  • Vorbeugend bei perkutaner Strahlentherapie aufgetragen, ist Aloe-vera-Gel ohne Nutzen.

Dermatitis

In einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie mit 44 Erwachsenen wurde der Effekt von Aloe-vera-Gel auf den Zustand einer seborrhoischen Dermatitis untersucht. Eine Besserung trat bei durchschnittlich 60 Prozent der behandelten Patienten auf, während nur circa 20 Prozent der Kontrollgruppe einen Erfolg verzeichnen konnten (8).

  • Das Ergebnis dieser ersten Studie zeigt eine Wirksamkeit von Aloe-vera-Gel bei Patienten mit seborrhoischer Dermatitis.

Herpes genitalis

Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 180 Männern untersuchte die Wirksamkeit einer 0,5-prozentigen, hydrophilen Aloe-vera-Creme bei Patienten mit Herpes genitalis. Die behandelten Patienten hatten signifikant schnellere (4,9 gegenüber 12 Tagen) und höhere Heilungsraten (66,7 Prozent gegen 6,7 Prozent) (9).

  • Eine 0,5-prozentige hydrophile Aloe-vera-Creme ist bei Patienten mit Herpes genitalis wirksamer als Placebo.

Psoriasis

Die externe Anwendung von Aloe vera bei Psoriasis wird durch eine doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studie aus Pakistan mit 60 Patienten beschrieben: Eine hydrophile Creme mit 0,5-prozentigem Aloe-vera-Extrakt soll innerhalb eines Monats 83 Prozent der Behandelten von ihrer durchschnittlich seit 8,5 Jahren bestehenden Psoriasis dauerhaft kurieren, während in der Kontrollgruppe nur 6,6 Prozent eine Heilung erfuhren (10). Der Umstand, dass die Erkrankung auch nach zwölf Monaten bei keinem der Patienten wieder auftritt, lässt an der Zuverlässigkeit der Studie zweifeln.

  • Aloe vera könnte bei der Behandlung der Psoriasis von Vorteil sein. Valide Daten und weitere kontrollierte Studien sind jedoch nötig, um eine eindeutige Aussage machen zu können.

Neurodermitis und atopische Dermatitis

Die Anwendung von Aloe vera bei Neurodermitis beziehungsweise atopischer Dermatitis ist in der wissenschaftlichen Literatur nicht erwähnt.

Wundheilung

In einer randomisierten, offenen Studie wurde das Zeitintervall der Wundheilung mit einer Standard-Wundbehandlung mit und ohne Zusatz von Aloe-vera-Gel untersucht. So heilt eine Wunde ohne den Zusatz von Aloe vera in 53 (+/- 24) Tagen, während bei Zugabe von Aloe vera 83 (+/- 28) Tage vergingen (11). Der Zusatz von Aloe vera zur Standard-Wundversorgung scheint den Heilungsprozess nach dieser Untersuchung mit 40 Patienten sogar zu hemmen.

Bei einer anderen randomisierten, kontrollierten Studie an 30 Patienten mit einer Druck-Ulcera wirkt eine Aloe-vera-Gel-haltige Wundauflage nicht besser als eine in Kochsalzlösung getränkte Gaze (12).

In einer weiteren Studie wurde bei Akne-Patienten eine Gesichtshälfte mit einem Standard-Wundgel behandelt, die andere mit demselben Wundgel, das aber zusätzlich Aloe vera enthielt. Die Wundheilung erfolgte in der mit Aloe-vera-Gel behandelten Gesichtshälfte um durchschnittlich 72 Stunden schneller (13).

  • Der Effekt von Aloe-vera-Gel bei der Wundheilung ist nach diesen Studien als sehr widersprüchlich anzusehen. Die Daten sind letztlich nicht überzeugend.

Lipidsenkung

Im Rahmen einer nicht randomisierten, offenen Studie behandelte man 60 Patienten mit einer Hyperlipidämie, die nicht auf eine Diät angesprochen hatten, zwölf Wochen lang mit Aloe vera oder Placebo. Cholesterin, LDL und Triglyceride sind in dieser Zeit unter Aloe vera signifikant gesunken. Jedoch gibt die Studie die entsprechenden Werte für die Kontrollgruppe nicht an (14).

  • Eine Bestätigung für eine angeblich cholesterin- oder triglyceridsenkende Wirkung von Aloe vera konnte in der evidenz-basierten Literatur (Medline-Recherche ab 1990) nicht gefunden werden.

Diabetes

Einige experimentelle Studien an Tieren (Mäusen und Ratten) zeigten eine Reduktion des Glucosegehalts im Blut bei Gabe von Aloe (5). Eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ist nicht möglich und entsprechende Hinweise für direkte antidiabetische Effekte von Aloe-Extrakten am Menschen sind bisher in keiner Form belegt. Es sind noch weitere kontrollierte klinische Studien nötig, um eine eindeutige Aussage zur Wirkung von Aloe-vera-Gel bei Diabetes machen zu können (15).

Bewertung der Studien

  • gesicherte Indikationen

Die eindeutig wissenschaftlich abgesicherte Wirkung von Aloe vera ist der abführende Effekt der Anthrachinon-haltigen Zubereitung zur innerlichen Anwendung. Dafür hat Aloe auch die Zulassung und wird als Arzneimittel eingesetzt. Die Verwendung als Laxans lässt sich jedoch wegen des kanzerogenen und genotoxischen Potenzials bei länger dauernder Anwendung nicht mehr rechtfertigen. Entsprechende Alternativen sind in der Therapie der Obstipation verfügbar.

  • mögliche Indikationen

Die angeführten Studien zeigen, wenn überhaupt, nur eine Wirksamkeit von Aloe-vera-Gel bei Psoriasis, seborrhoischer Dermatits und Herpes genitalis.

  • ungesicherte Indikationen

Die übrigen Anwendungsgebiete (Wundheilung, strahlengeschädigte Haut, Hyperlipidämie, Diabetes) erscheinen nicht beziehungsweise nicht hinreichend belegt. Auch die Wirksamkeit als Hautpflegeprodukt ist nicht eindeutig bewiesen.

Aussagekräftige Untersuchungen zum Einsatz von Aloe vera bei Krebs, Aids, Multipler Sklerose und Alzheimer-Demenz konnten in den medizinisch-wissenschaftlichen Datenbanken Medline und Embase nicht gefunden werden. Diese beworbenen Indikationen werden zurzeit durch wissenschaftliche Studien nicht bestätigt.

Risiken

Unerwünschte Wirkungen bei der topischen Anwendung von Aloe-vera-Gel waren Brennen auf der Haut, allergische Dermatitis und Juckreiz (3). Die allergenen Inhaltsstoffe sind unbekannt. Diese Nebenwirkungen waren alle reversibel.

Trotz einer Vielzahl von diversen Studien ist die Frage nach den Hauptwirkstoffen und ihrer pharmakologischen Wirkungen immer noch ungeklärt (3, 16).

Die auf dem Markt befindlichen Aloe-vera-Gel-Präparate sind hinsichtlich der Qualität und Stoffgehalte sehr unterschiedlich. Ein befriedigender Vergleich der nach unterschiedlichen Verfahren hergestellten Produkte ist daher kaum möglich. Der Gehalt an Anthrachinonen sollte jedoch unbedingt angegeben sein, da bei einer Verunreinigung von Aloe-vera-Gel-Produkten mit Anthrachinonen bei einer Langzeitanwendung mit Nebenwirkungen zu rechnen ist.

 

Empfehlungen für die Praxis Aloe-Saft-Produkte werden als Arzneimittel eingestuft, da die arzneiliche, laxierende Wirkung im Vordergrund steht. Anthrachinonfreies Aloe-Gel ist als neuartiges Lebensmittel (Nahrungsergänzungsmittel) verkehrsfähig und bedarf keiner Zulassung als Arzneimittel (1). Damit soll sichergestellt werden, dass Aloe-vera-Gel nicht mit medizinischen Indikationen beworben wird.

Es sind weitere randomisierte, kontrollierte klinische Studien nötig, um eine Aussage darüber machen zu können, ob Aloe-vera-Gel wirksam und sicher ist. Da derzeit die klinische Wirksamkeit der peroralen und topischen Anwendung von Aloe-vera-Gel nicht schlüssig beantwortet werden kann (17), können keine Empfehlungen ausgesprochen werden.

 

Literatur

  1. Aloe-vera-Gel, AMK-Information, 25. April 2002, Pharmazeutische Zeitung 17 (2002) 6.
  2. Aloe Vera – Was Ist dran?, Arznei-Telegramm 6 (2002) 64 - 65.
  3. Hager’s Handbuch, Aloe-vera-Gel, HagerROM 2001, Springer Verlag, Heidelberg
  4. Monographie Komission E: Aloe
  5. Lulinski, B., Kapica, C., Some Notes on Aloe Vera. www.quackwatch.org/01QuackeryRelatedTopics/DSH/aloe.html
  6. Heggie, S., et al., A Phase III study on the efficacy of topical aloe vera gel on irradiated breast tissue. Cancer Nursing 25 (2002) 442 - 51.
  7. Williams, M. S., et al., Phase III double-blind evaluation of an aloe vera gel as a prophylactic agent for radiation-induced skin toxicity. International Journal of Radiation Oncology, Biology, Physics 36 (1996) 345 - 9.
  8. Vardy, D. A., et al., A double-blind, placebo-controlled trial of an Aloe vera (A. barbadensis) emulsion in the treatment of seborrheic dermatitis. Journal of Dermatological Treatment 10 (1999) 7 - 11.
  9. Syed, T. A., et al., Management of genital herpes in men with 0.5% Aloe vera extract in a hydrophilic cream: A placebo-controlled double-blind study. Journal of Dermatological Treatment 8 (1997) 99 - 102.
  10. Syed, T. A., et al., Management of psoriasis with Aloe vera extract in a hydrophilic cream: a placebo-controlled, double-blind study., Tropical Medicine & International Health 4 (1996) 505 - 9.
  11. Schmidt, J. M., Greenspoon J. S., Aloe vera dermal wound gel is associated with a delay in wound healing. Obstetrics & Gynecology 78 (1991) 115 - 7.
  12. Thomas, D. R., et al., Acemannan hydrogel dressing versus saline dressing for pressure ulcers. A randomized, controlled trial. Adv Wound Care. 1998 Oct. 11 (6) 273 - 6.
  13. Fulton, J. E., The stimulation of postdermabrasion wound healing with stabilized aloe vera gel-polyethylene oxide dressing. J Dermatol Surg Oncol. 1990 May, 16 (5) 460 - 7.
  14. Vogler, B. K., Ernst E., Aloe vera: a systematic review of its clinical effectiveness. British Journal of General Practice 49 (1999) 823 - 828. www.jr2.ox.ac.uk/bandolier/booth/alternat/AT125.html
  15. Kemper, K. J., Chiou, V., Aloe Vera. www.mcp.edu/herbal/aloe/aloe.pdf
  16. Reynolds, T., Dweck, A. C., Aloe vera leaf gel: a review update. Journal of Ethnopharmacology 68 (1999) 3 - 37.
  17. Ernst, E., Ganz wild auf Aloe vera. Alles nur Werbung oder was? MMW Fortschr Med. Feb 145 (2003) 10.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Wilhelm Brodschelm
Apotheke des Universitätsklinikums Würzburg
Josef-Schneider-Straße 2
97080 Würzburg
brodschelm_w@apotheke.uni-wuerzburg.de

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Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2004

 

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