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Omega-3-Fettsäuren in der Psychiatrie

von Christine Krumbholz, Antwerpen

Bisher wurden Omega-3-Fettsäuren vorwiegend zur Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Krankheiten eingesetzt. Jüngste Studien zeigen nun auch Anwendungsmöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen auf. Über aktuelle Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet berichteten Wissenschaftler Anfang November während eines Kongresses in Antwerpen.

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In den westlichen Industrienationen nehmen die meisten Menschen mit der Nahrung zu große Mengen an Omega-6-Fettsäuren auf, während sie mit Omega-3-Fettsäuren unterversorgt sind. Das Verhältnis der beiden Fettsäuren zueinander betrug früher etwa 2 bis 5 zu 1 und ist bis heute auf 10 bis 20 zu 1 gestiegen. Sowohl Omega-6-Fettsäuren (zum Beispiel Arachidonsäure) als auch Omega-3-Fettsäuren (zum Beispiel Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure) müssen mit der Nahrung aufgenommen werden, da das menschliche Enzymsystem sie nicht in ausreichenden Mengen synthetisiert. Zum großen Teil sind die hoch ungesättigten Fettsäuren als Bestandteile der Phospholipide in die Zellmembran eingebaut. Ihre Metaboliten, die so genannten Eicosanoide, dienen als Gewebshormone.

Die Wirkungen der unterschiedlichen Fettsäuren sind komplex und oft antagonistisch. Für den menschlichen Körper ist dabei nicht nur eine ausreichende Zufuhr, sondern vor allem auch ein gesundes Gleichgewicht der beiden Fettsäurefamilien wichtig.

Mit Störungen im Fettsäurehaushalt bei Kindern mit psychischen Erkrankungen beschäftigt sich die britische Wissenschaftlerin Dr. Alexandra J. Richardson vom University Laboratory of Physiology in Oxford. Sie untersucht, inwiefern Fettsäure- und Pospholipidhaushalt bei bestimmten psychiatrischen sowie neurologischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen eine Rolle spielen.

Einige grundlegende Fragen sind dabei bereits geklärt: Hoch ungesättigte Fettsäuren (HUFA) verbessern die Flexibilität der Membranen, was für die Signalübertragung zwischen den Zellen wichtig ist. Gesättigte Fette sowie Cholesterol vermindern diese Flexibilität. Für die Entwicklung des Gehirns sind die HUFAs besonders bedeutend. Die Arachidonsäure (AA) und die Docosahexaensäure (DHA) bilden zusammen etwa 20 Prozent der Trockenmasse des Gehirns und mehr als 30 Prozent der Retina. Beide Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für das Wachstum des Gehirns. DHA spielt eine besonders bedeutende Rolle bei der Entwicklung des Sehens. Die Eicosapentaensäure (EPA) und ihre Metaboliten sind als Konkurrenten der Arachidonsäure auch Dreh- und Angelpunkt des Systems aus Gewebshormonen wie Prostaglandinen, Leukotrienen und Thromboxanen.

Mangel mit Folgen

Ein Mangel an essenziellen Fettsäuren entsteht durch eine unzureichende Zufuhr durch die Nahrung, reduzierte Synthese durch das körpereigene Enzymsystem oder beschleunigten Abbau der Moleküle. Außerdem kann der Einbau in die Membranen gestört sein. Die Folgen können sein: Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, geringes Geburtsgewicht, verminderter Kopfumfang, Allergien und Autoimmunkrankheiten, Schwierigkeiten bei der motorischen Koordination, Schlaf-, Stimmungs- und Verhaltensstörungen sowie sensorische Probleme und Aufmerksamkeitsstörungen, erklärte Richardson.

Im Zentrum ihrer Untersuchungen stehen Entwicklungsstörungen bei Dyslexie und Dyspraxie (siehe Kasten) sowie das Spektrum der schizophrenen Erkrankungen. „In der Praxis kommt es sehr häufig zu Überschneidungen zwischen Dyslexie und Dyspraxie“, so Richardson. Auch eine Abgrenzung zur Hyperaktivität sei schwierig, besonders zu den Aufmerksamkeitsstörungen. Und obwohl das Spektrum schizophrener Erkrankungen gänzlich anderer Natur sei, scheine es auch hier Verbindungen zu Dyslexie und Dyspraxie zu geben. So werde klinisch diagnostizierte Schizophrenie auch ohne Gabe von Neuroleptika mit Bewegungsstörungen in Verbindung gebracht, und bei Erwachsenen mit schizotyper Persönlichkeitsstörung zeigten sich im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe Defizite bei motorischen Fähigkeiten.

 

Definitionen Dyslexie: Entwicklungsbedingte Dyslexie zeigt sich beim Lernen von Lesen und Schreiben. Die Betroffenen liegen diesbezüglich weit unter dem Niveau, das für ihr Alter, ihre Intelligenz und Bildung zu erwarten wäre. 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung sind von diesem neurologischen Syndrom betroffen. Es tritt gehäuft bei männlichen Patienten, die neben den Problemen mit der schriftlichen Sprache auch ein auffallend uneinheitliches Profil an kognitiven Fähigkeiten zeigen. Neben Orientierungsschwächen finden sich Gedächtnisstörungen, besonders im sprachlichen Kontext, sowie schlecht ausgebildete phonologische Fähigkeiten. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei alltäglichen Dingen wie Schuhe binden, Radfahren, Ballwerfen und Ähnlichem. Diese Probleme bleiben auch im Erwachsenenalter bestehen und erstrecken sich weit über den sprachlichen Bereich hinaus.

Dyspraxie: Menschen mit entwicklungsbedingter Dyspraxie haben spezifische Probleme bei der Planung, Ausführung und Koordination komplexer motorischer Abläufe. Auch im Hinblick auf Aufmerksamkeit, Organisation und visuelle Aufnahme und im mathematischen Bereich kommt es zu Störungen. Betroffen sind mindestens 5 Prozent der Schulkinder. Ebenso wie bei Dyslexie bleiben die Schwierigkeiten auch in Erwachsenenalter bestehen.

Schizotypie: Hierunter versteht man einen Persönlichkeitstyp, der Tendenzen hin zur Schizophrenie zeigt. Typisch sind schwache soziale und zwischenmenschliche Kontakte, eine verminderte Fähigkeit, enge Bindungen einzugehen, sowie Wahrnehmungsstörungen und exzentrisches Verhalten.

 

Die Hinweise mehren sich, dass ein Mangel oder Ungleichgewicht bestimmter hoch ungesättigter Fettsäuren der Omega-3- und Omega-6-Serien zu den genannten Entwicklungsstörungen und psychischen Erkrankungen beitragen. Neue Studien zeigen nun, dass sich mit Omega-3-Fettsäuren Schizophrenie, manisch-depressive Erkrankungen, Depressionen und auch die Aggressivität auffällig gewordener Minderjähriger positiv beeinflussen lassen, so Richardson.

Interessante Ergebnisse lieferte eine Studie mit 231 jugendlichen Straftätern, die entweder ein Placebo oder eine Kombination von Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren erhielten. In der Verumgruppe zeigte sich ein Rückgang disziplinarischer Vorfälle von durchschnittlich etwa 25 Prozent, während es in der Kontrollgruppe keine Veränderung gab.

Die Wirksamkeit der Omega-3-Fettsäuren belegten auch eine viermonatige placebokontrollierte Studie mit 30 manisch-depressiven Minderjährigen, eine sechsmonatige placebokontrollierte Studie mit 73 unter Dyslexie leidenden Kindern sowie eine Schulstudie mit 41 dyslexischen Kindern.

Die Gabe von HUFAs kann Richardson zufolge dann sinnvoll sein, wenn ein Kind

  • körperliche Zeichen von Fettsäuremangel zeigt, wie stumpfes Haar, leicht splitternde Fingernägel und trockene, rissige Haut,
  • an Aufmerksamkeitsstörung leidet,
  • emotional labil ist und zu Stimmungsschwankungen neigt,
  • unter Schlafproblemen leidet,
  • Probleme im visuellen Bereich hat,
  • zu Angst und sozialem Rückzug neigt.

Die optimale Dosierung variiert dabei zwischen verschiedenen Personen und möglicherweise bei einzelnen Menschen im Zeitverlauf. Für die Untersuchungen bei Dyslexie und Dyspraxie setzte Richardson 500 mg EPA pro Tag ein, wobei die benötigten Mengen bei anderen Erkrankungen eventuell auch bei einem Gramm pro Tag oder mehr liegen könnten. Besonders wegen ihrer teilweise antagonistischen Wirkungen sind auch die Art und Menge der anderen, durch Nahrung oder Nahrungsergänzung aufgenommenen Fettsäuren für das Ergebnis entscheidend.

Die Bedeutung der hoch ungesättigten Fettsäuren beschränkt sich allerdings nicht auf den pädiatrischen Bereich. Eine ganze Reihe von Studien beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Omega-3-Substitution auf Depressionen, manisch-depressive und andere psychische Erkrankungen, erklärte Professor Dr. Haim Belmaker von der Ben Gurion Universität, Israel. Da Omega-3-Fettsäuren nicht wie neu entwickelte Substanzen patentierbar seien, fehlten bislang die finanziellen Mittel für Studien wie sie die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA für patentierte Antidepressiva fordert. So seien die Anzahl der Studien und der jeweiligen Teilnehmer niedriger, und zudem wurden die Omega-3-Fettsäuren in den meisten Untersuchungen in Kombination mit Medikamenten eingesetzt.

Dass dennoch eine Reihe von Studien zur Verfügung steht, sei dem Einsatz engagierter Forscher zu verdanken, so Belmaker. Diese Untersuchungen erlaubten einen durchaus vernünftigen Überblick über den aktuellen Einsatz von Omega-3-Fettsäuren bei Depressionen.

Der überwiegende Teil der von Belmaker präsentierten Studien zu Depressionen, manisch-depressiven und anderen Erkrankungen belegte, dass die Gabe von Omega-3-Präparaten die Symptomatik deutlich verbessert. Dies war vor allem bei Depressionen der Fall. Trotz der ermutigenden Ergebnisse bleiben einige Fragen offen.

Auffällig ist zum Beispiel, dass hohe Dosen von Eicosapentaensäure, wenn sie nicht durch eine gewisse Menge an Docosahexaensäure ausbalanciert werden, weniger wirksam zu sein scheinen als geringere Mengen an EPA. In einer anderen Studie, bei der die Probanden ausschließlich DHA oder Placebo einnahmen, zeigte die Einnahme der Fettsäure keine Vorteile gegenüber Placebo. Was die Dosierung und das Verhältnis von EPA zu DHA angeht, sind also weitergehende Untersuchungen erforderlich.

Fischiger Nachgeschmack

Auch bezüglich der Nebenwirkungen, vor allem beim Langzeitgebrauch, sind noch weitere Studien nötig. In den genannten Untersuchungen waren die unerwünschten Wirkungen mild und im Allgemeinen nicht deutlich häufiger oder stärker als in den Placebogruppen. Leichte gastrointestinale Beschwerden oder ein fischiger Nachgeschmack sind möglicherweise auf zu hohe Dosierungen zurückzuführen. Ob Omega-3-Fettsäuren allerdings die Blutungszeit verlängern, muss noch weiter untersucht werden.

Insgesamt scheinen bei Verhaltens- und Lernstörungen Omega-3-Fettsäuren den Omega-6-Fettsäuren vorzuziehen zu sein, und hier insbesondere die EPA, so Richardson. Sie verbessert die tägliche Leistung des Gehirns, während die DHA eine strukturelle Rolle spielt und vor allem für Säuglinge wichtig ist, da deren Gehirn noch stark wächst.

Insgesamt gilt: Weniger tierisches Fett konsumieren, da es reich an Omega-6-Fettsäuren ist. Stattdessen mehr Obst und Gemüse und möglichst mehrmals pro Woche Tiefseefisch essen. Wer die erforderliche Menge Omega-3-Fettsäuren nicht durch Fischverzehr aufnehmen kann oder will, dem steht eine Vielzahl von Omega-3-Präparaten zur Verfügung. Hier ist auf die Qualität des Öls zu achten. Da es schnell oxidiert, sollte Vitamin E zugesetzt sein. Weiterhin ist zu bedenken, dass die Konzentration der Omega-3-Fettsäuren im Öl stark variiert. Sie schwankt bei den einzelnen Produkten zwischen 30 und 90 Prozent. Doch auch Omega-3-Präparate können einen großen Überschuss an Omega-6-Fettsäuren nur bedingt ausgleichen.

 

Quelle: 1. internationaler Kongress für hoch ungesättigte Fettsäuren (Highly Unsaturated Fatty Acids, HUFAS), mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Poly Unsaturated Fatty Acids, PUFAS) und EPA-DHA in der Psychiatrie.

 

Literatur bei der Autorin

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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2003

 

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