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Schwangerschaft: Streit um Vitamin D

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Schwangerschaft

Streit um Vitamin D


Von Christine Hutterer / Sollten Schwangere besser auf die Einnahme von Vitamin D verzichten? Eine Studie legt das nahe. Doch es gibt auch Hinweise, die positive Wirkungen von Vitamin D in der Schwangerschaft zeigen.

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Für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch gibt es verschiedenste Empfehlungen. Hierzu gehören die Einnahme von Folsäure, der Verzicht auf Alkohol und auf Rohmilchprodukte. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und des Instituts für Ernährungswissenschaften der Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg würden nach Ergebnissen ihrer Untersuchungen noch eine weitere Empfehlung hinzufügen: Schwangere Frauen sollten auf die übermäßige Einnahme von Vitamin D verzichten, um das Risiko für Nahrungsmittelallergien beim Kind gering zu halten.




Gesundes Vitamin-D-Tanken in der Sonne: Ein Zuviel an Vitamin könnte einer Studie zufolge das Risisko für Allergien beim Kind erhöhen.

Foto: Fotolia/Albert Schleich


Forscher um Dr. Kristin Weiße und Dr. Gunda Herberth vom UFZ untersuchten das Blut von 622 Schwangeren und das Nabelschnurblut der 629 Kinder der LINA-Studie (Lifestyle and environmental factors and their Influence on Newborns Allergy risk). Sie wiesen nach, dass die Höhe des Vitamin-D-Spiegels beim Neugeborenen mit dem der Mutter korreliert. Dies berichten die Wissenschaftler im Fachjournal »Allergy« (doi: 10.1111/all.12081). Außerdem sahen sie, dass Kinder mit höheren Vitamin-D-Spiegeln ein etwa doppelt so hohes Risiko für die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie in den ersten beiden Lebensjahren hatten. Auch die Messung des für Nahrungsmittelallergien spezifischen IgE-Antikörpers (fx5) zeigte, dass dessen Titer bei den Kindern erhöht war, deren Mütter höhere Vitamin-D-Spiegel aufwiesen. Mit dem Mischallergentest fx5 werden IgE-Antikörper gegen die Nahrungsmittelallergene Hühnereiweiß, Milcheiweiß, Fisch­eiweiß, Weizenmehl, Erdnuss und Sojabohne nachgewiesen.

 

Bereits frühere Studien wiesen auf einen derartigen Zusammenhang hin, zum Beispiel eine Untersuchung von Daten aus England zwischen 1880 und 1980. Professor Dr. Matthias Wjst zeigte 2009 in »Allergy, Asthma & Clinical Immunology«, dass seit der Einführung von mehr Vitamin D in der Nahrung – zuerst über die Einnahme von Lebertran und heute über Tabletten – zwar die Rachitishäufigkeit stark zurück­gegangen ist, dafür aber die Allergie­rate bei Kindern von annähernd null auf heute mehr als 30 Prozent gestiegen ist (doi: 10.1186/1710-1492-5-8). Ob dafür ausschließlich das Vitamin D verantwortlich ist, kann aber nicht mit Sicherheit festgestellt werden.

 

Unterdrückte Immunzellen

 

Die UFZ-Forscher fanden auch eine mögliche Erklärung für den Zusammenhang zwischen hohen Vitamin-D-Spiegeln und Allergierisiko. Sie untersuchten die Anzahl der regulatorischen T-Zellen im Nabelschnurblut. Diese Zellen, auch Tregs genannt, können eine Überreak­tion des Immunsystems auf Allergene verhindern und auf diese Weise vor Allergien schützen. Bereits in einer früheren, in »Allergy« veröffentlichten Analyse von Proben aus der LINA-Studie fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Anzahl an Tregs im Nabelschnurblut und dem Risiko für Nahrungsmittelallergien später im Leben (doi: 10.1111/j.1398-9995.2011.02767.x). In der aktuellen Untersuchung zeigte sich: Kinder mit hohen Vitamin-D-Spiegeln im Nabelschnurblut wiesen eine geringe Anzahl an regulatorischen T-Zellen auf und ein höheres Allergierisiko. »Ein Zuviel an Vitamin D könnte möglicherweise die Entwicklung von regulatorischen T-Zellen unterdrücken und dadurch das Allergierisiko erhöhen«, sagte Weiße gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Aufgrund dieser Ergebnisse folgern die Wissenschaftler, dass Schwangere mit der Supplementation von Vitamin D vorsichtig sein sollten. Doch es gibt auch andere Meinungen zu dem Thema. Weiße betont: »Die Ergebnisse sind noch mit Vorsicht zu betrachten, da das Thema derzeit sehr widersprüchlich diskutiert wird. Es gibt immer wieder Ergebnisse, die in die andere Richtung weisen«.




Über den Sinn einer Supplementation von Vitamin D in der Schwangerschaft wird noch gestritten.

Foto: Fotolia/Les Cunliffe


So existieren auch Studien, in denen ein hoher Vitamin-D-Spiegel vor Allergien zu schützen scheint. Eine Studie aus Japan von Forschern um Yoshihiro Miyake von der Fukuoka-Universität zeigte, dass eine vermehrte Aufnahme von Vitamin D in der Schwangerschaft das Risiko für asthmatische Erkrankungen und Ekzeme um etwa die Hälfte verringert. Entsprechende Daten stellten die Forscher 2010 im »European Respiratory Journal« (doi: 10.1183/09031936.00100 609) vor. Eine australische Untersuchung von Elysa Hollams an Kindern zwischen sechs und 14 Jahren fand heraus, dass eine niedrige Versorgung mit Vitamin D vermehrt zu Atopie und Asthma führt (doi: 10.1183/09031936.0002 9011). Und eine weitere australische Untersuchung zeigte kürzlich, dass Schwangere, die bei der Entbindung höhere Vitamin-D-Spiegel aufwiesen, seltener an schwangerschaftsassoziierten Erkrankungen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck oder bakteriellen Scheidenentzündungen litten und seltener eine Frühgeburt hatten. Dies berichteten Forscher um Robyn Lucas im »British Medical Journal« (doi: 10.1136/bmj.f1675).

 

Unsichere Datenlage

 

Da es trotz verschiedener Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Nahrungsmittelallergien beim Kleinkind auch gegenteilige Aussagen gibt, sollte keine Panik entstehen. Die positive Wirkung von Vitamin D für die Knochengesundheit und als Rachitisvorsorge ist seit langer Zeit bewiesen. Daher sollte Babys im ersten Lebensjahr die Vitamin-D-Substitution nicht vorenthalten werden. Dazu kommt, dass in den Fachgesellschaften weltweit noch immer Uneinigkeit herrscht, welcher Vitamin-D-Spiegel als zu hoch, normal oder zu niedrig zu bewerten ist, beziehungsweise wann von einer Über- oder Unterdosierung ausgegangen werden muss. In der vorliegenden Leipziger Studie hatten nur sieben Frauen während der Schwangerschaft Vitamin-D-Präparate eingenommen. Etwa 50 Prozent der Schwangeren und etwa 50 Prozent der Kinder hatten Vitamin-D-Spiegel, die über dem von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und dem international als optimal empfohlenen Wert von 30 Nanogramm pro Milliliter lagen, aber nicht extrem erhöht waren. Apotheker sollten sich bewusst sein, dass in einigen Multivitamin- und Multimineralstoffprodukten für Schwangere auch Vitamin D enthalten ist.

 

Welche Bedeutung die Ergebnisse langfristig für die Kinder haben werden, bleibt noch abzuwarten. Denn einige Nahrungsmittelallergien bei Kleinkindern »verwachsen« sich auch wieder und haben daher häufig keine dauerhafte Bedeutung. Außerdem wird die Entstehung von Nahrungsmittelallergien bei Weitem nicht allein vom Vitamin-D-Spiegel beeinflusst: Viele andere Faktoren, wie die Genausstattung, spielen eine Rolle. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2013

 

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