Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

Schwangerschaft: Folsäure ist nicht gleich Folat

MEDIZIN

 
Schwangerschaft

Folsäure ist nicht gleich Folat


Von Maria Pues / Dass ausreichend hohe Folatspiegel der Mutter das Risiko des Ungeborenen für Fehlbildungen wie Neuralrohrdefekte mindern, weiß man. Wie sie das tun, ist nicht bekannt. Aber man weiß, ab wann sie es tun. Und dass Folsäure selbst gar nicht wirkt.

ANZEIGE


Folsäure kommt in der Natur nicht vor. Sie ist ein reines Laborprodukt. Professor Dr. Klaus Pietrzik, Bonn, fasste es während eines Symposiums auf dem Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf knapp zusammen: »Letztlich ist für den Organismus nicht Folsäure entscheidend, da sie keine Vitaminfunktion besitzt und in die vitaminwirksamen Folatverbindungen überführt werden muss.« Doch nicht jeder Organismus kann das.

 

Gestörte Resorption

 

In der Nahrung finden sich vor allem Polyglutamate der Folate. Besonders viel davon enthalten Innereien, deren Verzehr Schwangeren hierzulande jedoch nicht empfohlen wird. Grüne Blattgemüse, Brokkoli und Blumenkohl eignen sich für sie besser. Damit der Körper die komplexen Folatverbindungen verwerten kann, muss er sie zunächst spalten. Die Hydrolyse erfolgt im Gastrointestinaltrakt durch Konjugasen, die sich in den Sekreten aus Bauchspeicheldrüse und Leber sowie in der Bürstensaummembran bestimmter Dünndarmabschnitte finden. Dabei entstehen Monoglutamate, die über einen Transporter absorbiert werden müssen. Sie gelangen dabei nicht unverändert ins Blut. Ein großer Teil (rund 80 Prozent) wird zu 5-Methyl-Tetra­hydrofolat (5-Methyl-THF) reduziert – normalerweise. Die Bioverfügbarkeit von Nahrungsfolaten beträgt rund 50 Prozent, die von synthetischer Folsäure rund 90 Prozent.




Foto: Fotolia/Eichinger


Inzwischen weiß man, dass nicht alle Menschen ausreichende Mengen des reduzierenden Enzyms bilden. Dies erklärt, warum manche Menschen trotz ausreichender Zufuhr von Folsäure zu geringe Folatblutspiegel haben. Ihnen können Arzneimittel und Nahrungs­ergän­zungsmittel helfen, die nicht Folsäure, sondern deren reduzierte Form enthalten. Aus dem Blut gelangt 5-Methyl-THF über einen Rezeptor in die Zielzellen. Was der Organismus nicht unmittelbar benötigt, speichert er. Hauptspeicherorgan ist die Leber.

 

Nicht nur eine fehlende Enzymausstattung kann die Ursache dafür sein, dass Folatblutspiegel zu niedrig bleiben. Bei manchen Menschen erfolgt bereits die Resorption aus dem Darm nur unzureichend. Darmerkrankungen wie Zöliakie oder Sprue können dafür verantwortlich sein, aber auch manche Arzneistoffe. Als Beispiele sind hier orale Kontrazeptiva, Phenytoin und Sulfasalazin zu nennen.

 

Absprache mit dem Arzt

 

Daneben kann die Folatfunktion durch verschiedene Arzneistoffe gehemmt werden, zum Beispiel durch Methotrexat, Trimethoprim, Triamteren oder Pentamidin, aber auch durch Alkohol. Nehmen Patientinnen mit Kinderwunsch diese Arzneistoffe ein, sollten eine Folatgabe und die Wahl der Dosierung nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen, um die Gefahr von Wechselwirkungen mit der Dauertherapie, beispielsweise bei Antikonvulsiva oder Folsäureantagonisten, zu vermindern. Bei sorgfältiger Planung und Aufklärung steht heute auch Patientinnen mit Epilepsie oder rheumatoider Arthritis dem Wunsch nach eigenen Kindern wenig entgegen.

 

Einnahme früh beginnen

 

Folate sind an der Übertragung kleiner Kohlenstoffeinheiten, sogenannter C1-Einheiten, beteiligt. Diese spielen in vielen Prozessen der Zellteilung und Zelldifferenzierung eine Rolle. Besonders wichtig sind sie in der Schwangerschaft für eine gesunde Entwicklung des Ungeborenen, und das bereits von Beginn an. Fehlt Folat, kann es zur Ausbildung von Neuralrohrdefekten kommen. Mit schwerwiegenden Folgen: Bei etwa der Hälfte der betroffenen Neugeborenen kommt es zu einem »offenen Rücken«, einer Spina bifida. In rund 40 Prozent der Fälle liegt eine Anenzephalie vor. Das bedeutet, dass Teile des Großhirns und die Neurohypophyse, das Zwischenhirn sowie das Schädeldach ganz oder teilweise fehlen. Fehl- oder Totgeburten sind häufig die Folge, ebenso schwerste Behinderungen wie Querschnittslähmung oder Wasserkopf. Dabei kommen Neuralrohrdefekte gar nicht so selten vor: Rund 1 bis 1,5 von 1000 Neugeborenen sind betroffen, frühzeitige Aborte nicht mitgerechnet.


Tabelle: Wie viel Folat in welchen Nahrungsmitteln steckt

Lebensmittel Gehalt an Folsäureäquivalenten in µg 
Huhn, Leber 391 
Rind, Leber 226 
Meeresalge 180 
Rind, Niere 177 
Schwein, Leber 141 
Hühnerei, Eigelb 130 
Erdnuss 126 
Petersilie 116 
Sonnenblumenkerne 100 
Fenchel 100 

Das Neuralrohr des Ungeborenen schließt sich bereits zwischen dem 22. und 28. Tag der Schwangerschaft, zu einem Zeitpunkt also, an dem viele Frauen noch gar nicht bemerkt haben, dass sie schwanger sind. Hinzu kommt, dass rund die Hälfte der Schwangerschaften überhaupt ungeplant ist. Außerdem besteht in der Schwangerschaft zusätzlich zum möglichen Defizit ein erhöhter Folat-Bedarf. Täglich 400 µg Folat-Äquivalente empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Erwachsenen. Werdenden Müttern und Stillenden rät sie zu 600 µg pro Tag. Im Ausland setzt man Getreideprodukten Folsäure zu, um diese Zufuhrmengen zu erreichen. Das ist hierzulande verboten. Folsäure findet sich bei uns aber, meist zusammen mit Iodid, zum Beispiel als Zusatz in Speisesalz.

 

Nahrung reicht oft nicht

 

Welche Lebensmittel wie viel Folat enthalten, zeigt die Tabelle. Allerdings werden beim Kochen 60 bis 90 Prozent der Folate zerstört. Den Bedarf allein über die Nahrung zu decken, fällt daher auch Ernährungsbewussten häufig schwer. Eine weitere Möglichkeit besteht in der – möglichst frühzeitigen – Anwendung von Arzneimitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln, die Folsäure oder Folat enthalten. Wer eine Schwangerschaft plant, sollte spätestens vier Wochen vor der Empfängnis mit der ergänzenden Einnahme begonnen haben, so die allgemeine Empfehlung – was zugegebenermaßen in der Praxis mangels Planbarkeit nicht immer leicht zu bewerkstelligen ist.




Getreideprodukten Folsäure beizumengen, ist hierzulande verboten. Sie findet sich aber neben Iodid als Zusatz in Speisesalz.

Foto: Fotolia/Hera


Eine frühzeitigere und damit längerfristige Einnahme ist jedoch unproblematisch. Der Körper benötigt das »Schwanger­schafts­vitamin« auch, wenn er nicht schwanger ist, zum Beispiel für die ausreichende Bildung funktionsfähiger Erythrozyten. Zudem hätten Studien gezeigt, dass entleerte Depots mit einer zusätzlichen Gabe von täglich 400 µg Folsäureäquivalenten nicht innerhalb von vier Wochen aufgefüllt werden können, berichtete Pietrzik: »Erst nach zwei bis drei Monaten sind ausreichende Spiegel erreicht.« Um die Depots innerhalb von vier Wochen aufzufüllen, benötige man daher täglich 800 µg.

 

Ausreichende Folatspiegel brauchen Mutter und Ungeborenes jedoch nicht nur in den ersten Wochen der Schwanger­schaft, sondern über die gesamten neun Monate. Eine ausreichende Folatversorgung vermindert neben dem Risiko für Neuralrohrdefekte die Gefahr von Plazentaablösungen, Fehl- und Frühgeburten sowie das Risiko eines zu niedrigen Geburtsgewichts. Interessanterweise haben Studien gezeigt, dass Neugeborene auch dann ausreichend hohe Spiegel haben, wenn die der Mütter niedrig waren. Über einen ausgeklügelten Mechanismus scheint der mütterliche Körper – zu seinen eigenen Lasten – die Versorgung des Babys sicherzustellen.

 

Nicht nur für Schwangere

 

Darüber hinaus raten Experten jungen Müttern auch in der Stillzeit zu einer ergänzenden Einnahme, da nun der Säugling unter anderem für sein Wachstum ebenfalls ausreichende Folatspiegel benötigt. Eine aktuelle norwegische Studie gibt weitere Hinweise darauf, dass die frühe Gabe von Folsäure oder Folaten den Kindern auch später in ihrer Entwicklung hilft (doi: 10.1001/jama.2011.1433). Mütter machten in einem Fragebogen, der ihnen zugeschickt wurde, als ihre Kinder drei Jahre alt waren, Angaben zur Sprachentwicklung ihrer Kinder. Dabei zeigte sich, dass Kinder der Mütter, die bereits früh Folate ergänzt hatten, schneller sprechen gelernt hatten.

 

Zwar belegt die Untersuchung nicht, dass eine Folatgabe auch vor einer verzögerten Sprachentwicklung schützt. Sie gibt jedoch erste Hinweise, die weitere Studien gerechtfertigt erscheinen lassen. / 


Zur Übersicht Medizin...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2011

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU