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Masern: Die unterschätzte Kinderkrankheit

MEDIZIN

 
Masern

Die unterschätzte Kinderkrankheit

Von Christina Hohmann

 

Masern werden hierzulande für so harmlos gehalten, dass viele Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Doch Komplikationen und Todesfälle treten relativ häufig auf. Weltweit sterben jährlich etwa 500.000 Menschen an der Virusinfektion.

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Die hochansteckende Viruserkrankung sorgte im ersten Halbjahr 2006 für einige Schlagzeilen: Bei einem großen Masernausbruch in Nordrhein-Westfalen erkrankten fast 1600 Menschen, darunter viele Säuglinge und Personen über 20 Jahre. Insgesamt ist die Zahl der Masernerkrankungen in den vergangenen Jahren in Deutschland wieder deutlich angestiegen. Während 2004 laut Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) 121 Erkrankungen gemeldet wurden, lag die Zahl 2005 bereits bei 778. Dabei waren in den Jahrzehnten zuvor die Erkrankungsraten dank der konsequenten Impfung von Kleinkindern stark zurückgegangen. Doch von dem erklärten Ziel, einer Eliminierung des Erregers bis 2010, ist Deutschland noch weit entfernt.

 

Andere Länder stehen besser da. In den USA und Finnland zum Beispiel ist der Erreger bereits ausgerottet. In Entwicklungsländern, vor allem in Afrika und Südostasien, ist die Erkrankungshäufigkeit und Mortalität dagegen immer noch sehr hoch. Weltweit erkranken jährlich etwa 30 Millionen Menschen an Masern. Die Krankheit stellt, obwohl es bereits seit 40 Jahren eine effektive und günstige Impfung gibt, noch immer eine der häufigsten Todesursachen dar. Im Jahr 2004 starben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 454.000 Menschen, hauptsächlich Kinder, an den Folgen der vermeintlich harmlosen Virusinfektion.

 

Erreger der Masern ist das humanpathogene Masernvirus, das zur Gattung Morbillivirus aus der Familie Paramyxoviridae gehört. Das RNA-Virus ist genetisch sehr stabil. Bislang ist nur ein einziger Serotyp bekannt. Dadurch und durch die Tatsache, dass der infizierte Mensch das einzige Reservoir des Erregers ist, kann er theoretisch ausgerottet werden.

 

Das Masernvirus wird durch direkten Kontakt mit Sekreten aus Nase oder Rachen sowie durch Tröpfcheninfektion, zum Beispiel beim Husten, Niesen oder Sprechen, übertragen. Dabei genügt schon ein kurzer Kontakt mit Infizierten über den Abstand von wenigen Metern, um sich anzustecken. In der Luft bleibt das Virus etwa zwei Stunden aktiv. Es ist hoch ansteckend und hat einen Kontagionsindex von fast 100 Prozent. Das bedeutet, der Erreger überträgt sich auf praktisch alle Kontaktpersonen von Infizierten. Auch der Manifestationsindex liegt bei 99 Prozent: von 100 Infizierten entwickeln 99 klinische Symptome.

 

In den Körper gelangt der Erreger über die Schleimhäute der Atemwege oder die Bindehaut des Auges. Nach einer Inkubationszeit von acht bis zehn Tagen beginnen die ersten Symptome, zwölf Tage nach Exposition tritt der charakteristische Hautausschlag auf.

 

Zweigipfliger Verlauf

 

Eine Masernerkrankung weist typischerweise zwei Krankheitsphasen auf. Dem durch grippeähnliche Symptome gekennzeichneten Prodromalstadium folgt das Exanthemstadium mit den typischen Hauterscheinungen. Das Frühstadium beginnt mit allgemeinen Symptomen wie Husten, Schnupfen, Fieber um 39°C, Übelkeit, Kopf- und Halsschmerzen. Außerdem können Patienten eine Bindehautentzündung und Lichtscheu entwickeln. Masernkranke sind häufig sehr abgeschlagen und haben ein leicht aufgedunsenes Gesicht. Charakteristisch sind die Veränderungen der Wangenschleimhaut. Die weißen, kalkspritzartigen, festsitzenden Beläge werden als Koplik-Flecken bezeichnet.

 

Nach etwa drei Tagen beginnt das Exanthemstadium mit einem zweiten Fieberanstieg. Der charakteristische Hautausschlag tritt zuerst hinter den Ohren auf und breitet sich dann über Gesicht und Hals aus. Innerhalb von 24 Stunden gelangt er über den Rumpf, die Arme bis hin zu den Beinen. Die Flecke sind anfangs hellrot, werden dann dunkler, sind leicht erhaben und neigen dazu zusammenzufließen (konfluieren). Der Ausschlag ist die Folge einer virusbedingten Schädigung der Blutgefäße, die dadurch durchlässiger werden. Die Patienten fühlen sich schwer krank, sind häufig apathisch, appetitlos und haben hohes Fieber. Nach etwa vier Tagen bilden sich die Symptome zurück. Der Hautauschlag verschwindet wieder in derselben Reihenfolge, wie er aufgetreten ist. Bei unkomplizierten Krankheitsverläufen schließt sich eine Erholungsphase von etwa zwei Wochen an. Eine Erkrankung hinterlässt eine lebenslange Immunität.

 

Gelegentlich treten Sonderformen der Virusinfektion auf. Die so genannten mitigierten Masern, eine abgeschwächte Form, entwickeln Personen, die nicht genügend Antikörper gegen den Erreger besitzen. Hierzu gehören Säuglinge ab sieben Monaten, bei denen der Nestschutz nachlässt, sowie Personen, die eine passive Immunisierung erhalten haben oder trotz Impfung keine ausreichende Immunität aufweisen. Die Symptome sind abgeschwächt und die Erkrankungsdauer ist verkürzt.

 

Auch bei Immunsupprimierten können die Masern atypisch verlaufen. So fehlt zum Beispiel das charakteristische Exanthem (»weiße Masern«) und die Symptome fallen allgemein schwächer aus. Dennoch haben diese Patienten ein erhöhtes Risiko für schwere Organkomplikationen wie Pneumonie oder Enzephalitis.

 

Schwere Komplikationen

 

Eine Masernerkrankung führt zu einer vorübergehenden Immunschwäche von etwa sechs bis acht Wochen. Als Folge können sich zusätzlich bakterielle Erreger einnisten. Häufig ist das Zahnfleisch (Stomatitis ulcerosa) betroffen. Am Auge kann sich eine Keratitis oder am Ohr eine Mittelohrentzündung entwickeln. Diese bakteriellen Superinfektionen können je nach Erreger mit Antibiotika behandelt werden.

 

In Entwicklungsländern ist die Schwächung des Immunsystems von besonderer Bedeutung. Bei unterernährten Personen, die bereits mit einem anderen Erreger (HIV, Malariaplasmodien, Tuberkulosebakterien) infiziert sind, können sich die Krankheiten verschlechtern und zum Tod führen.

 

Von den bakteriellen Superinfektionen sind die durch das Masernvirus verursachten Komplikationen zu unterscheiden. Diese treten bei Kindern unter fünf Jahren und bei Erwachsenen über 20 Jahren vermehrt auf. Durch das Virus kommt es häufig zu einer Bronchitis oder Pneumonie, die in ärmeren Ländern für etwa ein Viertel der masernbedingten Todesfälle verantwortlich ist. Eine besonders gefürchtete Komplikation ist die akute postinfektiöse Enzephalitis, die laut RKI bei etwa 0,1 Prozent der Patienten auftritt. Die Betroffenen entwickeln etwa vier bis sieben Tage nach Einsetzen des Exanthems starke Kopfschmerzen, Fieber sowie Krämpfe, Bewusstseinsstörungen und zum Teil epileptische Anfälle. Die Letalität liegt bei etwa 10 bis 20 Prozent. Fast jeder Dritte trägt bleibende Schäden wie Lähmungen oder geistige Behinderungen davon.

 

Eine sehr seltene Spätkomplikation ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die laut RKI mit einer Häufigkeit von 7 bis 11 Fällen pro 100.000 Erkrankungen auftritt. Diese generalisierte Degeneration des Nervensystems beginnt erst fünf bis zehn Jahre nach der überstandenen Maserninfektion. Die langsam progrediente Erkrankung ähnelt in ihrem Verlauf der Creutzfeld-Jacob-Erkrankung. Sie beginnt mit psychischen und intellektuellen Veränderungen und führt über neurologische Störungen bis hin zum Verlust der Hirnfunktionen. Die Komplikation endet immer tödlich.

 

Insgesamt kommt auf 10.000 bis 20.000 Masernerkrankungen ein Todesfall. In Deutschland sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jedes Jahr ein bis zwei Personen an Masernkomplikationen.

 

Schneller Antikörpertest

 

Anhand des typischen klinischen Bildes waren Masernerkrankungen früher gut zu diagnostizieren. Nach Einführung der Schutzimpfung ist das Krankheitsbild aber selten geworden, sodass die Labordiagnostik zunehmend an Bedeutung gewinnt. Am schnellsten und sichersten ist der serologische Nachweis der IgM-Antikörper. Diese erscheinen in der Regel mit Auftreten des Exanthems. Der Erreger beziehungsweise seine RNA kann auch direkt mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) nachgewiesen werden. Die Virusanzucht ist deutlich aufwendiger und daher nur in Einzelfällen gerechtfertigt.

 

In Deutschland ist seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes 2001 der Krankheitsverdacht, die Masernerkrankung und der Tod meldepflichtig. Erkrankte Personen dürfen in Gemeinschaftseinrichtungen weder tätig sein, noch sich dort aufhalten. Um eine Weiterverbreitung des Erregers zu verhindern, dürfen erkrankte Kinder erst nach Abklingen der Symptome wieder den Kindergarten oder die Schule besuchen. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt fünf Tage vor Auftreten des Exanthems und dauert bis vier Tag nach Auftreten des Exanthems an. Bei ungeimpften Kontaktpersonen von Infizierten lässt sich der Ausbruch der Erkrankung durch eine rechtzeitige postexpositionelle Impfung verhindern. Abwehrgeschwächte Kontaktpersonen und chronisch kranke Kinder können nach Exposition auch eine passive Immunisierung in Form von spezifischem humanem Immunglobulin erhalten.

 

Eine spezifische Therapie für Masern gibt es wie bei den meisten Viruserkrankungen nicht. Patienten sollten Bettruhe halten und gegen die Symptome fiebersenkende Medikamente oder Hustenmittel einnehmen. Bakterielle Superinfektionen lassen sich mit Antibiotika behandeln. Alle Kinder in Entwicklungsländern, die an Masern erkranken, sollten den Empfehlungen der WHO zufolge Vitamin A erhalten. Dieses reduziert nicht nur das Risiko für Augenschäden und Erblindungen, sondern auch die Mortalität um etwa 50 Prozent.

 

Impfangst ist unbegründet

 

Zum Schutz vor Masern ist eine effektive Impfung vorhanden. Der Lebendimpfstoff wird mithilfe von infizierten Hühnerfibroblasten gewonnen. Er ist als Monovakzine erhältlich. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt aber einen Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR). Seit kurzem ist auch eine tetravalente MMRV-Vakzine auf dem Markt, die zusätzlich gegen Windpocken schützt. Die Erstimpfung sollte laut STIKO zwischen dem vollendetem 11. und 14. Monat erfolgen. Dann sind die mütterlichen Antikörper, die die Impfviren eliminieren könnten, verschwunden. Über 90 Prozent der Geimpften weisen nach der ersten Dosis einen ausreichenden Impfschutz auf. Die empfohlene Zweitimpfung sollte im Alter von 15 bis 23 Monaten erfolgen, kann aber bereits vier Wochen nach der ersten gegeben werden. Sie soll Kindern, die bei der ersten Dosis keine Impfimmunität entwickelt haben, eine zweite Chance geben. Es handelt sich daher nicht um eine Auffrischimpfung.

 

Um das Masernvirus zu eliminieren sind Durchimpfungsraten von über 95 Prozent nötig. Die Raten lagen bei den Schuleingangsuntersuchungen 2004 für die Erstimpfung bei 93,5 und die Zweitimpfung bei 65,7 Prozent, meldet das RKI. Viele Eltern lassen ihre Kinder trotz der schweren Komplikationen, die eine Masernerkrankung mit sich bringen kann, nicht impfen. Meist sind Sorgen vor Nebenwirkungen der Grund. Viele Ängste hat eine Veröffentlichung im Fachjournal »The Lancet« von 1998 geschürt, die eine Verbindung zwischen der MMR-Vakzine und Autismus herstellte. Doch diese These ist mittlerweile wissenschaftlich fundiert widerlegt worden (siehe PZ 29/06). Auch andere Behauptungen, dass die Impfung zu Morbus Crohn oder Allergien führen könnte, sind nicht bewiesen.

 

Da es sich bei der Vakzine um einen Lebendimpfstoff handelt, können in seltenen Fällen (zwischen 3 und 5 Prozent der Geimpften) milde Symptome wie Fieber und Hautausschlag entstehen. Diese so genannten Impfmasern sind nicht ansteckend. Lokale Reaktionen wie Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle können wie bei anderen Impfungen auch vorkommen. Diese sind aber verglichen mit der Schwere der Erkrankung und den zum Teil lebensbedrohlichen Komplikationen als harmlos zu betrachten.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2006

 

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