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STIKO

Zweite Impfdosis nicht aufschieben – und nicht mischen

Die Ständige Impfkommission hat am Freitag ihre Empfehlung zur Covid-19-Impfung aktualisiert. Darin empfiehlt sie, das in der Fachinformation vorgegebene Impfintervall einzuhalten. Der maximale Abstand zwischen den beiden Dosen sollte 42 Tage sein. Zudem sollen verschiedene Impfstoffe nicht kombiniert werden. Ausführliche Informationen rund um die Impfung für Apotheker und Ärzte gab es am Samstag von Bundesgesundheitsminister, den RKI- und PEI-Präsidenten sowie dem STIKO-Vorsitzende
Daniela Hüttemann
09.01.2021  17:14 Uhr

Heiß wurde diese Woche diskutiert, ob man den Abstand zwischen erster und zweiter Dosis der Covid-19-Schutzimpfung hinauszögern kann, um mehr Menschen eine erste Impfung und damit zumindest einen partiellen Schutz zu ermöglichen. Während dies in Großbritannien praktiziert wird und neuerdings sogar in Ausnahmefällen die Zweitdosis mit einem anderen Präparat erfolgen darf als bei der Erstdosis, hatten sich diese Woche die Europäische Arzneimittelagentur EMA, die US-Arzneimittelbehörde FDA sowie die Weltgesundheitsorganisation WHOgegen eine Verzögerung ausgesprochen.

Am Freitag äußerte sich nun die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) dazu, nachdem das Bundesgesundheitsministerium (BMG) um eine entsprechende Einschätzung gebeten hatte. Sie veröffentlichte eine erste Aktualisierung ihrer Covid-19-Impfempfehlungen im »Epidemiologischen Bulletin«. Auch hier ist die Empfehlung klar, wie der STIKO-Vorsitzende Professor Dr. Thomas Mertens am Samstag bei einer digitalen Informationsveranstaltung zur Covid-19-Impfung, die sich speziell an Apotheker und Ärzte richtete, betonte. Veranstalter war das BMG unter dem Motto »Zusammen gegen Corona«.

Mertens hält die Entscheidung der britischen Behörden für ein verzögertes Impfintervall für voreilig. »Wir wissen noch nicht zuverlässig, wie gut und wie lange die erste Dosis allein vor einer Covid-19-Erkrankung schützt«, so der Arzt, zumal wenn es sich um Personen mit schwacher Immunreaktion handele. Auch bestehe die theoretische Gefahr, dass sich bei ungenügender Schutzwirkung beim Virus Mutationen bilden, die es gegen die Impfung schützen.

Gemäß Zulassungsdokumentation für den Covid-19-Impfstoff Tozinameran (Comirnaty® von Biontech und Pfizer, BNT162b2) ist ein Mindestabstand von 21 Tagen vorgesehen, für die »Covid-19 Vaccine Moderna« (mRNA-1273) beträgt dieses Intervall 28 Tage. »Die zweite Impfdosis sollte nach maximal 42 Tagen erfolgen«, betonte Mertens. »Eine weitere Verschiebung halten wir derzeit nicht für verantwortbar.«

»Dem schließen wir uns an«, bekräftigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er verteidigte das bisherige Vorgehen, dass ein Teil der bislang verfügbaren Impfdosen für die Zweitimpfung der bereits Erstgeimpften vorrätig gehalten und nicht an weitere Personen verimpft wird. Erst wenn weitere Lieferungen nachkommen, könnten weitere Personen geimpft werden. Seit dem Impfstart am 27. Dezember bis heute seien mehr als 500.000 Personen geimpft worden.

Impfung für alle vielleicht schon bis zum Sommer

Spahn rechnet damit, dass alle Bewohner von Pflegeheimen bis Mitte Februar und alle anderen der ersten Priorisierungskategorie bis Ende März zumindest einmal geimpft sein werden. Bis Ende des Quartals sollen 12 Millionen Impfdosen allein von Biontech und Moderna zur Verfügung stehen. Zur Gruppe mit höchster Priorität, zu der alle Pflegeheimbewohner und deren Personal, alle Über-80-Jährigen sowie  Personal mit besonders hohem Infektionsrisiko (Intensivstationen, Notaufnahmen und Rettungsdiensten) gehören rund 8 Millionen Menschen.

Sollten weitere Hersteller wie Astra-Zeneca (die EU-Zulassung wird bis Ende Januar erwartet), Janssen und Curevac ebenfalls Zulassungen erhalten und Biontech die Produktion durch das zusätzlich Werk in Marburg steigern können, könnten die nachfolgende Gruppe schneller dran kommen. Weitere Zulassungen vorausgesetzt, könnte allen Impfwilligen bis zum Sommer eine Impfung angeboten werden. Bleibt es bei Biontech/Pfizer und Moderna, sei dies bis Ende des Jahres zu schaffen.

Allein von Biontech/Pfizer und Moderna seien bislang 140 Millionen Dosen bestellt, die über das Jahr ausgeliefert werden. Das reicht für 70 Millionen Bürger, da Kinder zunächst nicht geimpft werden sollen, also ungefähr für die gesamte erwachsene Bevölkerung. Dabei sind die 140 Millionen Dosen noch danach berechnet, dass aus einer Comirnaty-Ampulle fünf Impfdosen entnommen werden können. Am Freitag hatte die EMA jedoch grünes Licht gegeben, dass eine sechste Dosis entnommen und verimpft werden kann, wenn geeignete Spritzen und Kanülen verwendet werden. Damit werden 20 Prozent mehr Dosen als geplant vom Biontech/Pfizer-Impfstoff zur Verfügung stehen.

Verschiedene Impfstoffe nicht kombinieren

Zwar sieht die STIKO die beiden Impfstoffe von Biontech und Moderna in Bezug auf Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit als vergleichbar an, doch betont sie, dass die Zweitdosis nur mit dem gleichen Präparat wie bei der Erstdosis erfolgen soll. »Im Moment sollten auf keinen Fall zwei verschiedene Impfstoffe kombiniert werden«, verdeutlichte Mertens. »Dazu haben wir noch überhaupt keine Daten.«

In Großbritannien seien Studien geplant, die ein solches Mixen untersuchen, ergänzte Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Dies sei aber nicht trivial. Zwar gibt es Beispiele, bei denen verschiedene Impfstoffe erfolgreich kombiniert werden, wie bei der Ebola-Impfung. »Doch nicht jede Kombination wird zum gewünschten Erfolg führen«, so Cichutek und mahnte ebenfalls, sich nur innerhalb der Zulassung bezüglich des Impfintervalls zu bewegen und nicht zu kombinieren, bevor nicht entsprechende Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit vorliegen.

Mit einer ersten Schutzwirkung sei wie bei der Grippeimpfung etwa 14 Tage nach der ersten Dosis zu rechnen. Die in den Zulassungsstudien ermittelte mehr als 90-prozentige Schutzwirkung vor einer Covid-19-Erkrankung sei jedoch nur mit einer zweiten Dosis zu erreichen.

Nebenwirkungen wahrscheinlich, aber vorübergehend und moderat

Cichutek brachte auch noch einen weiteren Vergleich zu den Influenza-Vakzinen: Die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 seien reaktogener als die Grippeschutzimpfung, dass heißt, es ist mit mehr oder stärkeren Nebenwirkungen wie leichtem Fieber, Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen, Muskel- und Kopfschmerzen zu rechnen. Cichutek betonte jedoch, dass diese trotzdem noch als moderat einzustufen seien und innerhalb von ein bis drei Tagen nachlassen. Er sprach von den »üblichen Nebenwirkungen« bei einer Impfung, die »akzeptabel« seien.

Er versicherte, dass alle Nebenwirkungen, auch seltene, über die üblichen Meldesysteme sowie die eigens angebotene Smartphone-App SafeVac 2.0 turnusmäßig erfasst, beurteilt und veröffentlicht werden. Fachkreise wie Apotheker und Ärzte sollen Verdachtsfälle wie üblich über die Website des PEI melden und dabei eher auf ungewöhnliche unerwünschte Wirkungen fokussieren, also diejenigen, die noch nicht in den Fachinformationen aufgeführt sind oder schwerere unerwünschte Ereignisse. Geimpfte sollen sich die App auf ihr Smartphone laden. Sie können dort auch all ihre subjektiven Erfahrungen wie Fieber und Schmerzen eingeben. Zudem frage die App nach gewisser Zeit ab, ob sich die Geimpften trotzdem mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Bislang ist nämlich nicht bekannt, ob die Impfung auch vor einer asymptomatischen Infektion schützt. 

Weitere Auffrischung nach einem Jahr nötig?

Unklar sei auch noch, ob eventuell nach gewisser Zeit wie etwa einem Jahr eine dritte Impfdosis erforderlich sein könnte. »Auch das wird untersucht«, sagte Professor Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts. »Da müssen wir einfach noch abwarten.« »Darum kaufen wir aber bereits mehr Dosen, um mittelfristig vorzusorgen, falls eine Nachimpfung nötig sein sollte«, ergänzte Minister Spahn.

Spahn, Wieler, Cichutek und Mertens appellierten eindringlich an alle Apotheker und Ärzte, sich die Fachinformationen der Impfstoffe durchzulesen und auch weitere Informationen auf den Websiten von RKI und PEI zu nutzen. Auf die meisten Fragen ließen sich dort Antworten finden. »Hier haben Sie eine Holpflicht«, meinte Wieler. Dies sei nicht nur für diejenigen wichtig, die die Impfstoffe zubereiten und verimpfen, sondern für alle Heilberufler. Von ihnen wird erwartet, dass sie mithelfen, die Bevölkerung auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Faktenlage aufklären. Dazu rief Spahn auch explizit die Mitarbeiter in öffentlichen Apotheken auf.

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