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Lieferengpässe

Zweite Biontech-Impfdosis besser vorrätig halten

Noch vor einer Woche wurde diskutiert, die Zweitdosen des Covid-19-Impfstoffs Comirnaty® nicht zurückzuhalten, denn es komme genug Nachschub. Doch am Freitag meldete Pfizer Lieferprobleme. Das weitere Vorgehen ist nun Ländersache.
PZ
dpa
18.01.2021  14:06 Uhr

In ihrer ursprünglichen Empfehlung zur Covid-19-Impfung hatte die Ständige Impfkommission im Dezember noch empfohlen, Impfstoff für die zweite Dosis für die Personen zurückzulegen, die bereits einmal geimpft wurden. Der Abschluss der Impfung habe Priorität vor dem Beginn der Impfung neuer Personen, die noch gar keine Impfung erhalten haben. In ihrer Aktualisierung vom 8. Januar wurde dieser Hinweis jedoch gestrichen. Es liege in der Verantwortung der Bundesländer bei anderer Vorgehensweise, gegebenenfalls passend Nachschub zu besorgen, hatte der STIKO-Vorsitzende vorige Woche bei einem Pressebriefing des Science Media Center gesagt. Dabei gilt, dass das Präparat bei der zweiten Impfdosis nicht gewechselt werden soll.

Am Freitag hatte nun Pfizer angekündigt, aufgrund von Umbauarbeiten in seinem Impfstoffwerk im belgischen Puurs nicht alle für Januar und Februar geplanten Lieferungen an Deutschland dem Zeitplan gemäß ausliefern zu können. Die für Deutschland am Montag vorgesehene wöchentliche Lieferung solle jedoch noch wie geplant erfolgen. Daraufhin haben viele Bundesländer angekündigt, weiterhin die Zweitdosen für die bereits einmal Geimpften zurückzustellen. Die Zweitimpfung soll nach den Empfehlungen der STIKO beim Biontech-Impfstoff Comirnaty® frühestens nach 21 Tagen und vor dem 42. Tag (also maximal sechs Wochen) nach der Erstimpfung verabreicht werden. Die erste Impfung dieser Vakzine gewährt nach Herstellerangaben etwa zwölf Tage nach der ersten Dosis einen gewissen Schutz. Allerdings ist noch unklar, wie lange dieser ohne die zweite Dosis anhält.

Baden-Württemberg und Bayern

Angesichts der Lieferschwierigkeiten sieht sich das baden-württembergische Gesundheitsministerium in seinem viel kritisierten Impfmanagement bestätigt. Das Land hält im Gegensatz zu anderen Ländern die Hälfte der Impfdosen zurück, um die zweite Impfung auch bei Lieferschwierigkeiten der Hersteller garantieren zu können.

Bayern sieht die geplanten Zweitimpfungen nicht in Gefahr, hat seine Impfstrategie aber nun geändert. Der Freistaat verfüge aktuell über eine Reserve von rund 100.000 Corona-Impfstoffdosen, teilte ein Ministeriumssprecher in München am Freitag mit. Zudem werde der Freistaat am 18. Januar mit weiteren rund 107.000 Impfdosen planmäßig beliefert. «Dadurch kann die Zweitimpfung bei allen bislang im Freistaat geimpften Menschen durchgeführt und ein ordnungsgemäßer Schutz gewährleistet werden.» Über die Fortsetzung der Erstimpfungen könne allerdings erst «nach weiteren Informationen des Bundes über die zuverlässige Belieferung der Länder entschieden werden», betonte der Ministeriumssprecher.

«Zentral ist, dass der Bund und die EU-Kommission als Vertragspartner für eine verlässliche Gewährleistung der Impfstoffversorgung und eine schnellstmögliche Kompensation möglicher Lieferausfälle eintreten.» Das bayerische Gesundheitsministerium werde jedenfalls dafür sorgen, dass im Freistaat auch künftig jede Zweitimpfung gewährleistet werde und fordere den Bund auf, «für Planbarkeit in den vertraglich zugesicherten Impfstofflieferungen zu sorgen». Angesichts der neuen Unklarheiten bleibt der Freistaat nach Angaben aus dem Ministerium nun zunächst doch dabei, bei jeder Erstimpfung die Dosis für die nötige zweite Impfung zurückzulegen.

Berlin und Brandenburg

Berlinerinnen und Berliner sollen weiterhin wählen können, welchen Impfstoff sie bevorzugen. Die Wahlfreiheit ergebe sich einfach aus dem Impfmanagement in der Stadt, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Montag im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. «Was spricht dagegen, wenn man weiß, in diesem Impfzentrum gibt es Impfstoff XY, dass man sich danach dann auch richten kann?», fragte die Senatorin. «Ich werde kein Geheimnis daraus machen, in welchem Impfzentrum gerade welcher Impfstoff geimpft wird.» Daraus ergebe sich von selbst, dass sich die Menschen, die geimpft werden möchten, mit dem Impfzentrum auch für einen bestimmten Impfstoff entschieden.

Derzeit kommt im Impfzentrum in Berlin-Treptow und in dem auf dem Messegelände der Impfstoff von Biontech und Pfizer, im Impfzentrum im Stadtteil Wedding dagegen der des US-Herstellers Moderna zum Einsatz. Eine andere Situation ergebe sich, wenn auch in den Arztpraxen geimpft werde. Das ist allerdings erst für eine spätere Impfphase vorgesehen.

Brandenburg will die Corona-Impfungen in den Impfzentren und Krankenhäusern wegen der Lieferverzögerung des Impfstoffs von Biontech und Pfizer vorübergehend herunterfahren. «Wir wissen heute nicht, wie viele Impfstoffdosen Brandenburg in den nächsten Wochen tatsächlich erhalten wird», sagte Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. «Deshalb müssen wir die Impfgeschwindigkeit in den Krankenhäusern und in den Impfzentren vorübergehend deutlich drosseln.» Sie betonte: «In Pflegeheimen wird weiter geimpft.» Alle, die eine erste Corona-Impfung hätten, sollten außerdem auch die zweite bekommen.

Hamburg, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern

Die Hamburger Impfkampagne gegen das Coronavirus kommt langsamer voran als geplant. Es könnten vorerst keine weiteren Impftermine vergeben werden, teilte die Gesundheitsbehörde am Freitag mit. «Nach Ankündigungen der Impfstoff-Lieferanten, dass mit Lieferverzögerungen zu rechnen sei, besteht dafür kein Spielraum», sagte Behördensprecher Martin Helfrich. Die Belieferungssituation sei weiter angespannt und die Verlässlichkeit zugesagter Impfstofflieferungen bleibe problematisch. Hamburg will zuerst bei den bereits einmal geimpften die Impfserie abschließen.

In Hessen laufen die Vorbereitungen für die Öffnung der ersten sechs von 28 regionalen Impfzentren für Patienten am Dienstag (19. Januar). Zunächst sollen Menschen in der höchsten Priorisierungsgruppe den Schutz vor einer Infektion erhalten. Das sind überwiegend Männer und Frauen im Alter von über 80. In Alten- und Pflegeheimen sowie auf Covid-Intensivstationen wird bereits seit Ende Dezember geimpft. Am Freitag waren alle der zunächst 60.000 Corona-Impftermine in den Zentren vergeben. Weitere Termine sollen freigegeben werden, wenn weitere Impfstofflieferungen eintreffen. Wann das sein wird, ist noch unklar. Die Zweitimpfung erfolgt im selben Impfzentrum wie die Erstimpfung, in der Regel etwa drei Wochen später. Termine für die Zweitimpfung werden bei der Anmeldung gleich mitvereinbart.

Mecklenburg-Vorpommern sieht sich in seinem Vorgehen bestätigt. Laut Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) sind die Zweitimpfungen gesichert. «Bei uns ist aktuell eine vollständige Impfung möglich», sagte Glawe am Freitag. Mecklenburg-Vorpommern hat nach Angabendes Ministeriums die Hälfte des bisher gelieferten Impfstoffs für die Zweitimpfung vier Wochen nach der ersten Spritze zurückgelegt.

Niedersachsen, Bremen und NRW

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) verwies darauf, dass bereits die ursprünglich für Niedersachsen angekündigten rund 60.000 Impfdosen pro Woche nicht ausreichen, um alle impfberechtigten Personen mit der höchsten Priorität in Niedersachsen zügig zu impfen. Nun könne es noch länger dauern. Die Lieferung über rund 68.000 Impfdosen, die für den 19. Januar erwartet wird, sei nicht betroffen und soll wie geplant eintreffen. «Es wird aber erwartet, dass die Folgelieferungen in den nächsten Wochen kleiner ausfallen werden», so die Ministerin. Für das Bundesland Bremen gilt dasselbe, wie der Sprecher des Gesundheitsressorts, Lukas Fuhrmann, sagte.

Auch Nordrhein-Westfalen legt aus jeder Impfstoff-Lieferung von Biontech die Hälfte zurück. «Um eine hohe

Wahrscheinlichkeit der Immunisierung von geimpften Personen gewährleisten zu können, ist eine Sicherstellung der Verabreichung einer zweiten Impfdosis essenziell», sagte ein Sprecher des NRW-Gesundheitsministeriums am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Aus diesem Grund verfolge NRW die Strategie, 50 Prozent für die zweite Dosis einzubehalten. Dieses Vorgehen stütze sich auch auf Aussagen des Bundesgesundheitsministeriums und von Biontech.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz begann an diesem Sonntag mit den zweiten Corona-Schutzimpfungen und plant diese künftig mit einem Abstand von 28 Tagen (vier Wochen) statt 21 Tagen. «Nach der Coronavirus-Impfverordnung geht der Anspruch auf die Zweitimpfung dem Anspruch auf die Erstimpfung vor», sagte die Sprecherin des Gesundheitsministeriums, Stefanie Schneider, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) stellte am Montag klar, das alle Bürgerinnen und Bürger in dem Bundesland, die bereits eine Erstimpfung hatten, auch ihre Zweitimpfung mit dem Biontech-Impfstoff an dem ihnen bereitszugeteilten Impftermin erhalten könnten. Alle zugesagten und vereinbarten Zweitimpfungen könnten trotz der geringeren Lieferungen des Bundes verabreicht werden.

Bätzing-Lichtenthäler verlangte von der Bundesregierung eine verbindliche Auskunft über das Ausmaß der verringerten Lieferungen des Corona-Impfstoffs von Biontech und Pfizer. «Es kann nicht sein, dass die Länder nach einer ersten Information am vergangenen Freitag noch immer keine genauen Zahlen über die Größenordnung der verringerten Impfstofflieferungen der nächsten Wochen haben», sagte sie. Dies erschwere eine vorausschauende Planung.

Sachsen und Sachsen-Anhalt

Sachsen garantiert trotz des Lieferengpasses beim Corona-Impfstoff auch die Wiederholungsimpfung. Das gilt für Menschen, die seit dem 27. Dezember bereits geimpft wurden, sowie für jene, die schon einen Termin für die nächsten Tage haben. «Wir haben klug und vorsichtig geplant und können allen die zweite Impfung garantieren, die in den kommenden Tagen dran sind», sagte  Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) am Freitagabend. Sachsen sei vom Lieferengpass des Impfstoffherstellers Pfizer/Biontech nicht so stark betroffen, weil man stets die Hälfte der zur Verfügung stehenden Dosen für die zweite Impfung zurückgehalten habe.

«Die für Dienstag, 19. Januar, angekündigte Lieferung von 19.500 Dosen für Sachsen-Anhalt ist laut Bundesgesundheitsministerium vollständig zugesichert», erklärte das Sozialministerium in Magdeburg am Freitag. «Wie groß die Einschränkungen in den Folgewochen konkret sein werden, ist noch nicht bekannt», sagte Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne.

Thüringen und Schleswig-Holstein

In Thüringen sollen die Corona-Impfungen trotz bekannt gewordener Impfstoff-Lieferprobleme vorerst wie geplant fortgesetzt werden. Die für Montag erwartete nächste Lieferung von rund 19 500 Impfdosen solle wie geplant eintreffen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Erfurt am Freitag. In Thüringen wird derzeit die Hälfte der gelieferten Vorräte für die Zweitimpfung zurückgestellt, um gegen Lieferausfälle gewappnet zu sein. Landesgesundheitsministerin  Heike Werner (Linke) sieht sich in diesem vorsichtigen Kurs bestätigt.

Derzeit liegen dem schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium keine Informationen zum weiteren Lieferzeitplan und Lieferumfang, teilte das Ministerium am Montag mit. Daher werden morgen anders als ursprünglich geplant keine neuen Erstimpfungstermine vergeben. «Bereits in den vergangenen Wochen gebuchte Termine in den Impfzentren für Erst- oder Zweitimpfung bleiben davon unberührt und finden wie gebucht statt. Gleiches gilt für Impfungen in Krankenhäusern und in Altenpflegeeinrichtungen», hieß es vom Ministerium.

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