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Adipositas und Covid-19

Zwei Pandemien prallen aufeinander

Adipositas ist ein wichtiger Risikofaktor bei Covid-19: Sie erhöht nicht nur das Risiko für einen schweren Verlauf, sondern auch dafür, sich mit SARS-CoV-2  zu infizieren. Zudem setzt starkes Übergewicht offenbar die Wirksamkeit von Impfstoffen herab.
Christina Hohmann-Jeddi
02.12.2020  11:00 Uhr

»Derzeit treffen zwei Pandemien aufeinander«, berichtete Professor Dr. Jakob Linseisen vom Universitären Zentrum für Gesundheitswissenschaften am Klinikum Augsburg (UNIKA-T) bei einer Online-Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) am 20. November. Die derzeitige Situation mit den hohen Inzidenzen für Coronavirus-Infektionen treffe auf die schon bestehende Adipositas-Pandemie – mit gravierenden Folgen.

Schon früh war bekannt, dass starkes Übergewicht das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöht. Das hatte sich gleich in mehreren großen Beobachtungsstudien gezeigt. Inzwischen ist die Risikoerhöhung genauer analysiert. Linseisen, Präsident der DGE, stellte hierzu eine Metaanalyse vor, die im August im Journal »Obesity Reviews« erschien. Demnach haben Adipöse ein um 113 Prozent erhöhtes Risiko für eine Hospitalisierung bei einer Covid-19-Erkrankung, ein um 74 Prozent erhöhtes Risiko, auf die Intensivstation verlegt zu werden, und ein um 48 Prozent erhöhtes Risiko zu sterben. Relativ unbekannt bis jetzt ist allerdings, dass Übergewicht auch das Risiko erhöht, sich überhaupt mit dem Erreger zu infizieren. Das ist der Metaanalyse zufolge um 46 Prozent gesteigert.

Beobachtungsstudien stellen Zusammenhänge fest. »Die Frage ist, ob diese Zusammenhänge kausal sind«, so Linseisen. Wahrscheinlich sei dies, wenn es einen plausiblen biologischen Mechanismus gebe. Auch hierzu gibt es schon eine Reihe von Untersuchungen. So könnte Adipositas das Risiko eines schweren Verlaufs durch eine Reihe von Mechanismen erhöhen. Eine Übersicht hierzu veröffentlichte ein Team um Dr. Fabian Sanchis-Gomar von der Universität Valencia, Spanien, im Mai im Journal »Mayo Clinical Proceedings«.

Übergewicht führt nicht nur zu einer Immundysbalance, sondern beeinträchtigt auch die Lungenfunktion und die Sauerstoffsättigung des Blutes und kann zu Nierenschäden führen. Zudem beeinflusst Adipositas die meisten Hauptrisikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Glucose-Stoffwechselstörungen und Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Hyperlipidämie und damit einhergehende negative Effekte auf das kardiovaskuläre System.

Von besonderer Bedeutung ist hier die Hyperkoagulabilität und die Neigung zu thromboembolischen Ereignissen bei Adipösen, da diese eine zentrale Rolle in der Pathogenese von Covid-19 spielen. Zudem befeuert der erhöhte Fettgewebsanteil, der endokrin aktiv ist, bei Übergewichtigen eine chronische Inflammation. Diese kann sich im Fall einer SARS-CoV-2-Infektion ebenfalls ungünstig auswirken, da nicht das Virus selbst, sondern eine verstärkte Immunreaktion auf den Erreger die meisten Schäden bei einer Covid-19-Erkrankung anrichtet.

Mehr ACE2-Rezeptoren im Fett- als im Lungengewebe

Wenig beachtet wurde bislang, dass die Dichte an ACE2-Rezeptoren, die das SARS-Coronavirus-2 zum Eintritt in die Wirtszelle nutzt, im Fettgewebe höher ist als im Lungengewebe. Es ist somit anfällig für eine Infektion, könnte als Virusreservoir dienen und über die Verstärkung der systemischen Inflammation zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufs beitragen, postulierte Linseisen.

Letztlich ließe sich eine Kausalität zwischen Adipositas und dem Outcome von Covid-19 durch randomisierte klinische Interventionsstudien beweisen, die bei dieser Fragestellung aber nicht durchgeführt werden können. Linseisen initiierte daher mit seiner Arbeitsgruppe eine Studie, in der mithilfe einer als Mendelsche Randomisierung bezeichneten Biostatistik-Methode eine Kausalität geprüft wurde. In zwei Populationen analysierte das Team den Zusammenhang zwischen den Faktoren BMI, Taillenumfang sowie Fettverteilung und dem Covid-19-Outcome unter Verwendung bestimmter genetischer Variationen (SNP).

Der Untersuchung zufolge steigen die Infektionsrate und die Hospitalisierungswahrscheinlichkeit mit zunehmendem BMI, berichtete der DGE-Präsident. Die Körperfettverteilung spiele dagegen keine wichtige Rolle. »Die Ergebnisse sprechen stark dafür, dass es eine kausale Verbindung zwischen BMI und der Krankheitsschwere bei Covid-19 gibt.«

Wie wirkt sich Übergewicht auf die Corona-Impfung aus?

Demnach gehören Adipöse zu den Risikogruppen, sagte Linseisen. In einer aktuellen Stellungnahme zur Definition von Risikogruppen für die Abgabe von FFP2-Masken bestätigt der G-BA genau dies. Der Publikation zufolge haben Personen mit einem BMI über 30 kg/m2 ein »deutlich erhöhtes Risiko«, ab einem BMI von 35 ein »mäßig erhöhtes Risiko«.

Demnach sollten Adipöse auch bei kommenden Impfungen gegen das SARS-Coronavirus-2 priorisiert berücksichtigt werden. Doch es habe sich gezeigt, dass bei Übergewicht die Impfwirksamkeit eventuell herabgesetzt sein könnte – aufgrund der Immunstörung, berichtete der Mediziner. Für Impfungen gegen Hepatitis B und Tollwut ist das bei Menschen gezeigt worden, für Influenza-Impfstoffe in verschiedenen Studien mit adipösen Mäusen. Eine Untersuchung zeigte auch, dass bei adipösen Kindern die Antikörpertiter nach einer Tetanusimpfung niedriger ausfallen als bei schlanken Kindern.  Für Covid-19-Impfstoffe gibt es noch keine entsprechenden Daten.

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