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Tagraxofusp

Zungenbrecher bei seltener Krebsart

Seit Kurzem ist mit Tagraxofusp ein neues Krebsmedikament in Deutschland verfügbar. Der Arzneistoff mit dem schwierigen Namen wird bei der seltenen, aggressiven Blutkrebsart BPDCN eingesetzt.
Annette Rößler
30.06.2021  07:00 Uhr

Zumindest die zweite Hälfte des zungenbrecherischen Namens von Tagraxofusp lässt sich mit seiner Wirkweise erklären: Es handelt sich um ein Fusionsprotein (-fusp) aus humanem Interleukin (IL)-3 und einem verkürzten Diphtherietoxin (DT). Tagraxofusp (Elzonris® 1 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Stemline Therapeutics) bindet anstelle des natürlichen Liganden IL-3 an den CD123-Rezeptor. Nach der Aufnahme in die Zielzelle wird das DT freigesetzt, bindet irreversibel an den für die Proteinbiosynthese essenziellen Elongationsfaktor 2 und verursacht so den programmierten Zelltod Apoptose.

Eingesetzt wird der neue Arzneistoff als Monotherapie zur Erstlinienbehandlung von erwachsenen Patienten mit blastischer plasmazytoider dendritischer Zellneoplasie (BPDCN). Bei dieser seltenen Blutkrebsart sind bestimmte Zellen des unspezifischen Immunsystems, die plasmazytoiden dendritischen Zellen, entartet. Sie überexprimieren bestimmte Oberflächenmerkmale, nämlich CD4, CD56 und eben CD123. Betroffen sind überwiegend Männer (drei Viertel der Patienten) zwischen 60 und 70 Jahren. Die Erkrankung äußert sich meist zuerst mit einzelnen oder multiplen Hautläsionen (Knötchen, Papeln, »blaue Flecken«) und Blutbildveränderung. Auf eine Chemotherapie sprechen Patienten mit BPDCN meist schnell nicht mehr an und die Erkrankung schreitet rasch fort, sodass die Prognose schlecht ist.

Tagraxofusp wird mit 12 µg pro kg Körpergewicht einmal täglich an den Tagen 1 bis 5 eines 21-tägigen Zyklus gegeben. Die intravenöse Anwendung erfolgt mithilfe einer Spritzenpumpe für Infusionen über 15 Minuten nach einer Prämedikation bestehend aus einem H1- und einem H2-Antagonisten, einem Corticosteroid und Paracetamol. Um die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten, muss er mindestens für den ersten Zyklus stationär aufgenommen und nach der letzten Infusion mindestens 24 Stunden lang überwacht werden. Folgende Zyklen können auch ambulant gegeben werden, allerdings nur, wenn das Behandlungszentrum für die Intensivüberwachung von Patienten ausgestattet ist.

Mögliche Nebenwirkung: Kapillarlecksyndrom

Diese Vorsichtsmaßnahmen sind notwendig, weil Tagraxofusp sehr häufig ein Kapillarlecksyndrom (CLS) auslösen kann. In den Zulassungsstudien waren 18 Prozent der Patienten von dieser potenziell tödlichen Komplikation betroffen, bei der Blutplasma und Plasmaproteine infolge einer pathologischen Durchlässigkeit der Kapillargefäße ins Gewebe übertreten. In den allermeisten Fällen trat ein CLS während des ersten Behandlungszyklus mit Tagraxofusp auf. Kommt es zu dieser Nebenwirkung, muss die Behandlung auf jeden Fall unterbrochen werden. Sie kann aber, wenn sich der Zustand des Patienten stabilisiert hat, fortgesetzt werden.

Weitere sehr häufige Nebenwirkungen sind Hypoalbuminämie, Transaminasenanstiege, Thrombozytopenie, Übelkeit, Fatigue und Fieber. Häufig sind unter anderem schwere Überempfindlichkeitsreaktionen, Zytokinsturm und Tumorlysesyndrom.

Die klinische Wirksamkeit und die Sicherheit von Tagraxofusp wurden in einer randomisierten, offenen, mehrstufigen Studie mit 65 zuvor unbehandelten BPDCN-Patienten untersucht. Der primäre Endpunkt war die Kombination aus den Raten der kompletten Remission (CR), also einer vollständigen Rückbildung der Erkrankung, und der klinischen kompletten Remission (cCR), worunter eine CR mit residualer, nicht auf eine aktive Krankheit hinweisender Hautanomalie verstanden wurde. Laut Fachinfo wurde dieser Endpunkt bei 56,9 Prozent der Patienten erreicht.

Bei der Handhabung von Elzonris ist zu beachten, dass das Präparat im gefrorenen Zustand bei -20 bis -5 °C und im Umkarton zu lagern und zu transportieren ist. Nach dem Auftauen darf es nicht wieder eingefroren werden. Vor der Anwendung muss das Konzentrat mit isotonischer Kochsalzlösung verdünnt und in eine Spritze aufgezogen werden. Über eine Y-Kopplung wird zudem eine zweite Spritze mit isotonischer Kochsalzlösung angeschlossen, die zum Spülen des Infusionsbestecks dient.

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