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Astra-Zeneca-Impfstoff

Zulassung ohne Einschränkungen

Hatte sie eine andere Wahl? Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) empfiehlt, den Covid-19-Impfstoff von Astra-Zeneca in der EU ab 18 Jahren bedingt zuzulassen – ohne Altersgrenze nach oben. Bedenken bezüglich der Wirksamkeit bleiben.
Annette Rößler
29.01.2021  16:30 Uhr

Nachdem zwischen der EU und dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astra-Zeneca schon seit Tagen erbittert über die Lieferung angeblich zugesagter Dosen des Covid-19-Impfstoffs AZD1222 gestritten wird, hat die EMA heute nun erst einmal die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Vakzine überhaupt verimpft werden kann. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA entschied, der EU-Kommission die bedingte Zulassung des Vektorimpfstoffs zu empfehlen. Dass diese der Empfehlung folgt, gilt als Formsache.

Die Vakzine soll laut EMA eine bedingte Zulassung für Menschen ab 18 Jahren erhalten. Die EMA sieht keine obere Altersgrenze vor. Zwar seien die meisten Teilnehmer der Zulassungsstudien zwischen 18 und 55 Jahre alt gewesen und es gebe noch nicht genügend Daten, um bei Über-55-Jährigen die Wirksamkeit abzuschätzen. »Eine Schutzwirkung wird jedoch erwartet, da in dieser Altersgruppe eine Immunantwort gesehen wird«, heißt es vonseiten der EMA. Auch die Erfahrung mit anderen Impfstoffen lege dies nahe. Da es verlässliche Daten zur Sicherheit gebe, hätten die wissenschaftlichen Experten der EMA entschieden, dass der Impfstoff bei älteren Menschen eingesetzt werden könne. Weitere Ergebnisse aus laufenden Studien mit mehr älteren Teilnehmern würden erwartet.

Überraschende Entscheidung

Diese Entscheidung der EMA ist eine Überraschung, denn die Daten, die Astra-Zeneca als Beleg für Wirksamkeit und Unbedenklichkeit seiner Vakzine vorlegen konnte, waren deutlich weniger überzeugend als die der Konkurrenten Biontech/Pfizer und Moderna. Deren mRNA-Impfstoffe Comirnaty® und »Covid-19 Vaccine Moderna« sind ebenfalls ohne obere Altersgrenze bedingt zugelassen und werden bereits im großen Stil verimpft. Verglichen mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff, der in der nun zugelassenen Dosierung laut EMA in Studien lediglich eine Schutzwirkung von 59,5 Prozent vor symptomatischem Covid-19 erreichte, ist deren Wirksamkeit mit deutlich über 90 Prozent viel besser.

Eingereicht hatte Hersteller Astra-Zeneca die Daten von vier Studien in Großbritannien, Brasilien und Südafrika mit insgesamt 24.000 Teilnehmern. Diese konnten zur Beurteilung der Sicherheit herangezogen werden. Da in zwei dieser Studien jeweils nur weniger als sechs Covid-19-Fälle auftraten, wurden diese jedoch von der EMA zur Beurteilung der Wirksamkeit ausgeschlossen. Die Wirksamkeit von 59,5 Prozent errechnete sich somit auf Basis von nur zwei Studien, nämlich der britischen COV002- und der brasilianischen COV003-Studie. Darin kam es in der Gruppe der mit dem Verum Geimpften bei 64 von 5258 Teilnehmern zu einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung und in der Placebogruppe bei 154 von 5210.

Der Vektorimpfstoff von Astra-Zeneca wird in zwei Dosen als intramuskuläre Injektion verabreicht. In den Studien war die Spanne, die zwischen den beiden Impfungen lag, teilweise sehr unterschiedlich. Die EMA empfiehlt nun, dass zwischen der ersten und der zweiten Dosis vier bis maximal zwölf Wochen liegen sollen.

Abweichende Empfehlung der STIKO

In Deutschland wird die Astra-Zeneca-Vakzine allerdings vielleicht gar nicht bei älteren Menschen zum Einsatz kommen. Denn noch vor der Entscheidung der EMA war gestern der Entwurf einer neuen Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) bekannt geworden, dem zufolge Menschen ab 65 Jahren diesen Impfstoff nicht erhalten sollen. Die STIKO begründet das damit, dass zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren keine ausreichenden Daten vorlägen.

Die momentan noch lückenhafte Datenlage bei älteren Impflingen ist jedoch nicht das einzige Problem dieses Impfstoffs. Wie PZ-Senior-Editor Professor Dr. Theo Dingermann kürzlich bei einer Online-Fortbildung für Apotheker ausführte, waren die Zulassungsstudien schlampig gemacht und aus den so generierten Daten wurden dann auch noch unzulässige Schlüsse gezogen. Dingermann meldete nicht nur bezüglich der Wirksamkeit Zweifel an, sondern äußerte auch Sicherheitsbedenken. Er sei skeptisch, ob der EMA die Daten unter Nicht-Pandemiebedingungen für eine Zulassung reichen würden.

Da die Beurteilung der EMA nun doch positiv ausfiel, steht der Verdacht im Raum, dass die Gutachter in ihrer Entscheidung nicht völlig frei waren. Der Druck muss enorm gewesen sein – schließlich sind die Impfstoff-Dosen von Astra-Zeneca schon fest als Teil der nationalen Impfkampagnen eingeplant. EMA-Chefin Emer Cooke versicherte heute bei einer Pressekonferenz, dass die Zulassungsempfehlung eine unabhängige wissenschaftliche Entscheidung gewesen sei.

Offene Fragen

Auf einige der Fragen, die Journalisten anschließend stellten, konnten die EMA-Experten jedoch nicht zufriedenstellend antworten. So wurde etwa nach dem Dosisregime Halbe-Dosis-Volle-Dosis gefragt, das bei einem Teil der Studienteilnehmer unbeabsichtigt zum Einsatz gekommen war und überraschenderweise eine deutlich höhere Wirksamkeit gezeigt hatte. Dieses Regime sei während des gesamten Bewertungsverfahrens sehr intensiv diskutiert worden, sagte Bruno Sepodes, der dem Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA angehört. Letztlich habe man sich aber dazu entschlossen, die betreffenden Patienten aus der Auswertung auszuschließen, da es zu viele Störgrößen gegeben habe. Dennoch: Der Hinweis auf eine bessere Wirkung war da. Warum wurde der Hersteller nicht gebeten, dem in einer weiteren Studie nachzugehen?

Auch die fehlende obere Altersgrenze wurde in der Fragerunde mehrfach thematisiert und die EMA-Fachleute auch mit der STIKO-Empfehlung konfrontiert. Es sei richtig, dass die Wirksamkeit in höheren Altersgruppen anhand der Studien noch nicht ausreichend belegt sei, so Sepodes hierzu. Zu erwarten sei aber zumindest »irgendeine Wirksamkeit«. Nationalen Institutionen, denen das nicht reiche, stehe es frei, andere Alternativen zu bevorzugen – so diese denn vorhanden seien. »Ob wir nun eine Altersgrenze ziehen oder nicht, wir wären in jedem Fall kritisiert worden«, sagte Sepodes. Auf Basis der Immunologie und der Erfahrung mit anderen Impfstoffen habe man sich schließlich gegen die Altersobergrenze entschieden.

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