Pharmazeutische Zeitung online
AOK-Arzneimittelexperte

»Wir werden am 1. Juli kein E-Rezept haben«

Eigentlich ist die Gesetzeslage klar: Zum 1. Juli dieses Jahres müssen die technischen Voraussetzungen für die flächendeckende Anwendung des E-Rezepts stehen, ab Januar 2022 sollen dann alle Arzneimittel-Verordnungen digital abgewickelt werden. Bei einer Diskussion zur E-Rezept-Einführung äußerten sich mehrere Experten am heutigen Dienstag allerdings skeptisch. Es gebe noch sehr viele offene Baustellen.
Benjamin Rohrer
23.03.2021  16:25 Uhr

Der Bundestag hat die Gematik mit dem Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) damit beauftragt, bis zum 30. Juni dieses Jahres die technische Infrastruktur für das E-Rezept aufzubauen. Dazu gehören unter anderem der zentrale Rezept-Server (Fachdienst), der derzeit von IBM Deutschland unter mithilfe der Zur Rose-Tochter E-Health-Tec entwickelt wird, sowie die staatliche E-Rezept-App, die von der Gematik selbst entwickelt wird. Ist dieses System entwickelt, soll schon sechs Monate später die E-Rezept-Pflicht kommen. Ärzte verordnen dann nur noch über den E-Rezept-Server. Die Patienten bringen ihre Verordnungen entweder über die Handy-Apps in die Apotheke oder über Papierausdrucke der QR-Codes, mit denen die Apotheken auf die Verordnungen zugreifen können.

So lautet zumindest der Plan. Dass aber schon ab dem 1. Juli dieses Jahres Verordnungen in ganz Deutschland über die neue Infrastruktur abgewickelt werden können, zweifeln einige Experten stark an. Beim heutigen »E-Rezept-Summit«, der unter anderem vom Apotheken-Dienstleister scanacs sowie dem Wissenschaftlichen Institut für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung (WIG2) ausgerichtet wird, wurde klar, dass es auf technischer Ebene noch viele ungelöste Fragen gibt.

AOK-Experte Maywald: Problembereiche TI-Anbindung und HBA

Insbesondere Ulf Maywald, Arzneimittelexperte der AOK Plus und selbst Apotheker, wies in seinem Vortrag auf die Probleme hin. Unter anderem erinnerte er daran, dass für ein flächendeckendes E-Rezept auch möglichst alle Praxen und Apotheken an die Telematik-Infrastruktur angebunden sein müssen. Laut Maywald haben sich bislang allerdings rund 80 Prozent der Praxen und etwa 60 Prozent der Apotheken an die TI angeschlossen – obwohl die gesetzlichen Anbindungsfristen schon längst abgelaufen sind. Maywald zufolge ist aber insbesondere die Ausstattung der Heilberufler mit den elektronischen Heilberufsausweisen (HBA) ein Problem. Zur Erinnerung: Ärzte und Apotheker benötigen HBAs, um sich in der TI als Heilberufler zu identifizieren. Laut Maywald haben derzeit aber nur zwischen 15 und 20 Prozent der Mediziner einen HBA, bei Apothekern liege die Zahl sogar noch darunter.

Eine weitere große Hürde für das E-Rezept könnte die sogenannte NFC-Technologie werden. Denn bislang ist geplant, dass nur Versicherte mit einer NFC-fähigen elektronischen Gesundheitskarte (EGK) die E-Rezept-App der Gematik nutzen können. Konkret ermöglicht es dieser Typ von EGK, dass die Versicherten sich mittels ihrer Karte in der App identifizieren. Nur wenn eine solche Identifizierung vorliegt, können die Versicherten die App nutzen. Um diese Technologie freizuschalten, benötigen die Versicherten zudem einen PIN, den sie von ihrer Krankenkasse bekommen. Viele Kassen verschicken die PINs allerdings nicht per Post – aus Datenschutzgründen. Die PZ hatte bereits darüber berichtet, dass dieses komplexe Freischalt-Verfahren die breite Nutzung des bereits verfügbaren E-Medikationsplan verhindert. Maywald erklärte, dass sich die Gematik nun nach alternativen Identifizierungsmethoden umschauen sollte.

Kompliziertes Verfahren für Ärzte

Der AOK-Experte wies auch darauf hin, dass es noch ausstehende Vertragsanpassungen gebe. Auch Gematik-Experte Hannes Neumann hatte in einem Vortrag vorher erklärt, dass das Bundesgesundheitsministerium bis zum Sommer auch noch per Verordnung die Schnittstellen zwischen der Gematik-App und den Apps anderer Anbieter vorgeben muss. Denn: Das PDSG sieht vor, dass Patienten ihre E-Rezepte aus der Gematik-App hinaus in andere Apps übertragen können. Maywald hinterfragte zudem, ob die von der Gematik beauftragte IBM Deutschland fristgerecht bis Mitte des Jahres zur Verfügung stellen werde. Eine weitere riesige Baustelle seien die Ärzte-Signaturen. Laut Maywald gibt es nach wie vor kein Verfahren, das es den Ärzten unkompliziert ermöglicht, die E-Verordnungen leicht zu unterschreiben. Vielmehr könne es so kommen, dass sich die Mediziner für jede Verordnung neu einloggen müssten. Ohnehin hätten die Krankenkassen aufgrund seiner jetzigen Konzeption nur ein »mittelbares« Interesse am E-Rezept, so Maywald. Die Kassen hätten sich gewünscht, dass es keine staatliche App-Lösung als Erstanbieter gibt, sondern mehrere Versicherten-Apps möglich sind.

Die »Zeitschiene bis zum 1. Juli« sei deshalb nicht zu halten, sagte Maywald. »Wir werden am 1. Juli kein E-Rezept haben«, so der Kassenexperte. Hinzu komme, dass viele Versorgungsbereiche ohnehin nicht an die erste Stufe des E-Rezepts angebunden seien. Hier nannte der AOK-Experte die Klinikapotheken. Dadurch dass andere Leistungserbringer erst viel später an die TI angebunden werden, würden beispielsweise Blutzuckerteststreifen, Verbandstoffe oder auch Sprechstundenbedarf weiterhin nur schriftlich verordnet werden können.

Apotheker Ralf König: Erschreckend, wie viel noch unklar ist

Auch Apotheker Ralf König, der das BMG derzeit aus dem »Health Innovation Hub« berät, erinnerte an einige offene Fragen bei der E-Rezept-Einführung. König geht zwar davon aus, dass schon in diesem Jahr bis zu 10 Prozent der Verordnungen digital abgewickelt werden können. Allerdings sei es »erschreckend, wie viel noch ungeklärt ist«, sagte König. Der Apotheker beschrieb die sogenannten »Mischverordnungen«, also Rezepte, auf denen mehrere verschiedene Produkte verordnet werden. Auch der große Markt der nicht verordnungsfähigen, aber erstattungsfähigen Produkte, wie etwa den Verbandstoffen oder der enteralen Ernährung, sei noch nicht geklärt.

Mehr von Avoxa