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Covid-19-Wirkstoffforschung

»Wir kreisen den Feind jetzt ein«

Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zu SARS-CoV-2 und ein besseres Verständnis des klinischen Krankheitsbildes von Covid-19 beflügeln die Wirkstoffforschung. Über den aktuellen Stand informierte Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz beim Webcast von Pharma4u und PZ.
Kerstin A. Gräfe
08.05.2020
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Einer der Hoffnungsträger gegen die Covid-19-Erkrankung ist Remdesivir. Diesem hatte die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA am 1. Mai eine Notfallgenehmigung erteilt. Das Virostatikum darf in den Vereinigen Staaten künftig bei Erwachsenen und Kindern zur intravenösen Behandlung von vermutetem oder laborbestätigtem Covid-19 eingesetzt werden, wenn diese wegen einer schweren Erkrankung stationär behandelt werden müssen. »Es handelt sich dabei nicht um eine Zulassung im klassischen Sinn nach ausführlicher klinischer Prüfung der Phase I, II und III«, stellte Schubert-Zsilavecz klar. Vielmehr sei diese Ausnahmegenehmigung unter dem Druck der Covid-19-Krise zustande gekommen. Sie basiere auf den bislang vorliegenden Daten zweier globaler Phase-III-Studien, der ACTT-Studie und einer vom Hersteller Gilead durchgeführten Studie.

In Europa sei man noch nicht so weit wie die Amerikaner. Aber auch hier gehe man einer Zulassung von Remdesivir mit Riesenschritten entgegen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA habe ein sogenanntes Rolling Review gestartet. »Bei dieser Art von Zulassung werden die Daten, die im Rahmen klinischer Studien erhoben werden, on the fly gesammelt«, so der Pharmazeutische Chemiker. Das heißt, es werden ständig Daten erhoben, bewertet und gesammelt, um auf einer rationalen Basis auch für Europa eine mögliche Zulassung für Remdesivir auszusprechen. Normalerweise müssten bei einem Zulassungsantrag bereits zum Zeitpunkt der Antragstellung alle Daten gesammelt vorliegen und ab dann dauere es gut ein Jahr bis zur Zulassung. Bei einem Rolling Review begutachteten die Rapporteure des jeweiligen Fachausschusses dagegen alle neuen Daten, sobald sie verfügbar sind, erklärte der Referent. Fakt sei aber, dass der Wirkstoff ohnehin schon in einer Reihe von klinischen Studien getestet wird – aber eben noch keine offizielle Zulassung habe.

Des Weiteren gab Schubert-Zsilavecz ein Update zu den Interleukin-6-Antagonisten Tocilizumab und Sarilumab. Beide Antikörper werden derzeit off label bei Covid-19-Patienten gegen den sogenannten Zytokin-Sturm eingesetzt. Darunter versteht man eine überschießende Immunreaktion des Immunsystems, bei der eine Reihe von Zytokinen eine Rolle spielt. »Gerade am Ende einer schwerwiegenden Erkrankung – oftmals vor dem Tod - scheint das Immunsystem außer Rand und Band zu geraten«, sagte Schubert-Zsilavecz. Er erinnerte daran, dass man dieses Phänomen bereits aus der CAR-T-Zelltherapie in der Onkologie kenne und man in diesem Zusammenhang verstanden habe, dass man die Patienten mit Interleukin-6-Antagonisten davor schützen kann. »Ich halte den Einsatz dieser beiden Antikörper bei Covid-19-Patienten für extrem vernünftig«, so der Referent.

Wie Remdesivir das virale Zielprotein hemmt

Die Grundlagenforschung spielt eine große Rolle in der Entwicklung eines potenten Wirkstoffs gegen Covid-19. Man bekomme immer bessere Kenntnisse von den Targets der SARS-CoV-2-Viren. Wie ist das Spike-Protein aufgebaut? Wie funktioniert das Andocken an die Wirtszelle? Wie funktioniert eine mögliche Intervention?

Erst vor wenigen Tagen wurde eine Analyse im renommierten Fachjournal »Science« publiziert, die zeigt, wie die aktive Form von Remdesivir als Triphosphat mit dem Target, der viruseigenen Polymerase, interagiert. Diese Erkenntnisse seien eine wichtige Grundlage für das Verständnis möglicherweise verbesserter Inhibitoren. »Wir kreisen unseren Feind jetzt ein«, so Schubert-Zsilvecz. Noch sei man nicht in der Lage, die neuen Erkenntnisse auf die Schnelle in klinische Daten zu übersetzen. »Aber das wird kommen«, ist sich Schubert-Zsilavecz sicher.

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