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Genomanalysen

Wie verändert sich das neue Coronavirus?

Das Pandemievirus ist wohl zwischen Oktober und Dezember 2019 entstanden und hat sich schon früher als bislang gedacht weltweit verbreitet. Genomanalysen zeigen, dass es sich an seinen neuen Wirt, den Mensch, anzupassen scheint.
Christina Hohmann-Jeddi
08.05.2020
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Es ist erst wenige Monate auf der Welt und zählt schon zu den am besten analysierten Erregern: das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2. Auf der Website der Global Initiative on Sharing All Influenza Data (GISAID) wurden bereits mehr als 16.000 Genome verschiedener Proben von Forschern weltweit hochgeladen und stehen Wissenschaftlern für Studien zur Verfügung. Täglich kommen neue hinzu. Diese Daten, vor allem die Unterschiede zwischen den Genomen (Diversität), können Forscher nutzen, um die Evolution und die Entstehung des Virus zu untersuchen, aber auch um zu verstehen, inwiefern es sich an den Menschen adaptiert. Die Analyse der Mutationen lässt auch wichtige Rückschlüsse für die Entwicklung von Arznei- und Impfstoffen zu.

Forscher um Dr. Lucy van Dorp vom University College London analysierten jetzt anhand von knapp 7700 Virusgenomen von Covid-19-Patienten weltweit das Auftreten von genomischer Diversität über die Zeit. Sie identifizierten dabei etwa 200 Mutationen, die mehrfach aufgetreten sind, berichten die Forscher im Fachjournal »Infection, Genetics and Evolution«. Ihre Analyse bestätigt die Ergebnisse von anderen Arbeitsgruppen, denen zufolge alle SARS-CoV-2-Genome auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen, der Ende 2019 auftrat. Demnach sprang der Erreger etwa zwischen dem 6. Oktober und 11. Dezember 2019 von einem Tier auf den Menschen über – und die Pandemie begann.

Alles ist überall

Es zeigte sich, dass ein großer Teil der weltweit beobachteten genetischen Diversität in allen stark betroffenen Ländern zu finden ist. Das bedeutet, dass sich das Virus schon zu einem frühen Zeitpunkt weltweit stark verbreitet haben muss. Den Forschern zufolge gab es in den meisten Ländern nicht einen Indexpatienten (Patient Zero), sondern mehrere Einträge des Virus in die Population.

Mutationen entstehen, wenn sich ein Virus vermehrt. Hierbei kopiert es nämlich sein Genom viele tausend Mal. Dem dafür verantwortlichen Enzym, der RNA-abhängigen RNA-Polymerase (RdRp), können dabei Fehler unterlaufen, was zu kleinen genetischen Unterschieden führt. Allerdings verfügt SARS-CoV-2 über einen Korrekturmechanismus, der die Fehlerrate im Vergleich zu anderen RNA-Viren deutlich senkt. Dadurch mutiert das Coronavirus etwa dreimal langsamer als Influenzaviren, die ebenfalls zu den RNA-Viren gehören.

»Alle Viren mutieren«, wird Seniorautor Professor Dr. Francois Balloux in einer Pressemitteilung der Universität zitiert. »Mutationen an sich sind keine schlimme Sache.« Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass sich das Virus schneller oder langsamer verändere als erwartet.

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