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Ratschläge von Rechtsanwalt Bellinger

Wie sollen sich AvP-Apotheker jetzt verhalten?

Viele Apotheken warten auf ihr Geld, weil beim Rechenzentrum AvP derzeit offenbar etwas schiefläuft. Inzwischen hat ein Sonderbeauftragter einen Insolvenzantrag gestellt. Wie sich die Apotheker jetzt am besten verhalten, erläutert Rechtsanwalt und Steuerberater Bernhard Bellinger gegenüber der PZ.
Jennifer Evans
16.09.2020  14:00 Uhr

Im Augenblick haben die etwa 3000 Apotheken, die AvP-Kunden sind, das Problem, dass Abschlagszahlungen ausbleiben. Was genau dahintersteckt, ist noch nicht ganz klar. Allerdings hat ein Sonderbeauftragter der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) am gestrigen Dienstag einen Insolvenzantrag gestellt, wie die Pharmazeutische Zeitung berichtete.

Wie die Apotheken in dieser Situation nun am besten vorgehen, erläutert Rechtsanwalt und Steuerberater Bernhard Bellinger aus Düsseldorf. Seinen Angaben zufolge scheint es grob um Beträge in Höhe von 120.000 Euro je durchschnittliche Apotheke zu gehen. Vereinzelt lägen sie allerdings deutlich höher, »je nach Größenklasse bis zu 800.000 Euro und mehr«. Die ApoBank habe sich in der aktuellen Situation zwar sehr kooperativ gezeigt und Kreditlinien eingeräumt, damit die Apotheken den Großhandel bedienen könnten. Aber das ist Bellinger zufolge nur sinnvoll gewesen, solange es noch keinen Insolvenzantrag gab. 

Bellinger schlägt betroffenen Apothekern nun ein Modell vor, um »die liquide Operabilität offen zu halten«. Neben dem Apotheker sollten eine Bank, ein Rechenzentrum und der Großhändler (Hauptlieferant) mit ins Boot geholt werden. Denn alle drei hätten als klassische Marktpartner einer Apotheke »ein homogenes Interesse daran, dass der Zahlungsausfall bei AvP bei einer Apotheke das operative Geschäft nicht behindert«. Innerhalb dieser Konstruktion sollte dann eine Vereinbarung getroffen werden, die Folgendes beinhaltet: »Der Mandant belegt über die Abrechnung von AvP den bislang nicht gezahlten Betrag. Dieser Betrag wird auf die drei oben genannten Partner wie folgt verteilt: Die Bank gewährt einen Kredit über einen Drittel des Betrags. Der Zinssatz beträgt 1,5 Prozent p.a. Der Kredit ist tilgungsfrei, aber jederzeit voll tilgbar und zunächst befristet auf einen Korridor von zwölf Monaten«, so Bellinger. Für die ApoBank müsste dies eine willkommene Gelegenheit sein, sich als führende Ständebank zu rehabilitieren und etablieren, meint er.

Vorteil für Rechenzentrum und Großhandel

»Das Rechenzentrum gibt eine Vorauskasse in Höhe von einem Drittel des bei AvP bislang ausgefallenen Betrags«, erläutert er weiter. Das dürfte einem Rechenzentrum seiner Ansicht nach nicht wehtun, weil es im Bedarfsfall einen Betrag bis zur Höhe einer vollen Monatsgutschrift als Vorauskasse gibt. »Für die Ratierlichkeit der Rückzahlung werden 48 Monate vereinbart.« Im Gegenzug habe natürlich das Rechenzentrum diesen Kunden als Neukunden. Den Zinssatz für die Vorauskasse vereinbare das Rechtenzentrum mit dem Apotheker direkt.

»Der Großhandel setzt in Höhe von ein Drittel des bei AvP ausgefallenen Betrags seine Rechnung aus und bringt diesen gestundeten Betrag in eine Ratierlichkeit von ebenfalls 48 Monaten. Das kann der Großhandel ohne Bankenlizenz«, so der Rechtsanwalt. Der Vorteil für den Großhandel bestehe darin, dass er die Vorauskasse und den von der ApoBank kreditierten Betrag bekomme, also mit seiner offenen Rechnung nur noch mit rund einem Drittel im Obligo sei. Den Zinssatz für den gestundeten Betrag vereinbare der Großhandel dann mit dem Apotheker direkt.

Stornierung für das III. Quartal

Bellinger rät den Apothekern weiter, die Vorauszahlung auf die Einkommensteuer für das III. Quartal sofort und dann auch für das IV. Quartal zu stornieren. Dem Finanzamt solle er dann mitteilen, dass die Vorauszahlungen der ersten beiden Quartale mit »an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit höher waren als die zu erwartende Steuer für 2020«. Der Rechtsanwalt weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass dies aber nur zulässig sei, wenn das Wirtschaftsjahr dem Kalenderjahr entspreche. Andernfalls wäre die Gewinnauswirkung erst im Jahr 2021. »Die dadurch freigesetzte Liquidität könnte der Apotheker nutzen, um die Verbindlichkeit bei einem der drei Marktpartner zu reduzieren oder als Kriegskasse für die Raten zu verwenden«, empfiehlt er.

Ein weiterer Tipp von Bellinger: »Alle Zahlungen aus der Insolvenzmasse von AvP werden ausschließlich über das Konto, das bei der Bank zur Abwicklung dieser Absprachen als Sonderkonto angelegt ist, abgewickelt.«  Allein diese Kontonummer nenne man dem Insolvenzverwalter als ausschließliches Zielkonto. Eingehende Zahlungen auf diesem Konto verteile die Bank quotierlich, also ein Drittel an das Rechenzentrum zur teilweisen Ablösung der Vorkasse, ein Drittel an den Großhandel zur Reduzierung des gestundeten Betrags und ein Drittel bleibt bei der Bank zur Reduzierung des Sonderkredits.

Risiko überschaubar, klagen ist nicht sinnvoll

Bellinger hält das Risiko für die drei beteiligten Marktpartner in diesem Szenario für überschaubar. »Durch den direkten Zahlungsfluss von Bank und Rechenzentrum an den Großhandel ist für diese Beteiligten sichergestellt, dass das Geld operativ richtig verwendet wird, die liquide Operabilität der Apotheke also tatsächlich gefördert wird«, sagt er. Mit einer Klage gegen das Rechenzentrum vorzugehen, sei vor dem Hintergrund des Insolvenzverfahrens nicht sinnvoll.  

Grundsätzlich ist Bellinger zuversichtlich, dass die Apotheker irgendwann an ihr Geld kommen. Seiner Einschätzung nach ist vermutlich kein Geld im großen Stil veruntreut worden. Er geht davon aus, dass der Insolvenzverwalter sich erst in rund vier Wochen bei den Apotheken melden wird. Und das Insolvenzverfahren werde sich voraussichtlich noch ein halbes bis ein dreiviertel Jahr lang hinziehen. 

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