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Angina-pectoris-Therapie

Wer soll was bekommen?

Kein Angina-pectoris-Medikament verlängert das Leben und keines ist dem anderen wirklich überlegen. Wenn Betroffene personalisiert behandelt werden, lässt sich aber ihre Lebensqualität deutlich verbessern. Ein Kompass zur Entscheidungshilfe ist veröffentlicht.
Sven Siebenand
19.07.2021  06:55 Uhr

Mehr als fünf Millionen Menschen leiden in Deutschland an der koronaren Herzkrankheit (KHK). Durch die Verengung der Herzkranzgefäße kommt es zu Durchblutungsstörungen, der Herzmuskel wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Folge: Brustenge und brennende Schmerzen, vor allem bei Belastung – Angina Pectoris.

In »Nature Reviews Cardiology« haben Forscher Therapien bei Angina Pectoris unter die Lupe genommen. Darin betonen sie, dass Medikamente Beschwerden lindern können, sofern sie auf die Komorbiditäten und das hämodynamische Profil bei den Betroffenen zugeschnitten sind. Mit dem von den Forschern erstellten Kompass wollen sie Ärzten und Ärztinnen eine Entscheidungshilfe für die Therapie an die Hand geben.

Klassische Medikamente gegen den Brustschmerz sind Betablocker, Calciumantagonisten und Nitrate. Sie verringern den Sauerstoffverbrauch des Herzens, erweitern die Gefäße und verbessern so die Durchblutung des Herzmuskels. Zur neuen Medikamentengeneration gehören Wirkstoffe wie Ranolazin und Ivabradin. Während Ivabradin die Herzfrequenz verlangsamt, greift Ranolazin in den Stoffwechsel des Herzens ein. Kein Medikament ist deutlich besser als das andere. »Es sei denn, man nimmt die Auslöser der Erkrankung und die Pathophysiologie bei jedem einzelnen Patienten als Entscheidungsgrundlage für die Behandlung«, so einer der Studienautoren, Professor Dr. Christoph Maack vom Universitätsklinikum Würzburg ,in einer Pressemitteilung.

Wichtige Parameter des Kompasses sind Blutdruck und Herzfrequenz. Hier sind nicht nur die hohen Werte relevant, sondern auch normale oder niedrige. Die Kombination sei entscheidend, so Maack. Ist der Blutdruck höher als 140/80 mmHg, und liegt die Herzfrequenz über 70 Schlägen pro Minute, werden zum Beispiel Betablocker und Nitrate empfohlen, bei reduzierter Herzleistung kann neben Betablockern auch Ivabradin gegeben werden, bei erhaltenem Auswurf sind Calciumantagonisten ratsam. Bei niedrigem Puls und Blutdruck bietet sich die Einnahme von Ranolazin an.

Empfehlungen bei Diabetes

Auch für die Gruppe der Menschen mit KHK und Diabetes gibt es Empfehlungen: Das Herz verstoffwechselt 70 bis 80 Prozent Fettsäuren und 10 bis 20 Prozent Kohlenhydrate. Bei der Metabolisierung der Glucose benötigen die Mitochondrien weniger Sauerstoff für die Energiegewinnung als bei der Verarbeitung von Fettsäuren. Ranolazin blockiert den Fettsäure-Metabolismus. Das Herz ist flexibel und schaltet automatisch auf Glucose um. Der Wirkstoff reduziert darüber hinaus den Natriumeinstrom in den Zellen, was wiederum günstig in den Calciumhaushalt eingreift. Durch die Reduzierung der Calcium-Werte entspannen sich wiederum die Herzmuskelzellen, die Durchblutung bessert sich. Bei Diabetes ist die Gabe von Ranolazin auch günstig, weil durch die verbesserte Aufnahme von Zucker in die Zellen auch die Blutzuckerspiegel abnehmen.

Ob das Aufdehnen eines verengten Herzkranzgefäßes mittels Katheter und die Implantation eines Stents ratsam sind, sollte den Autoren zufolge ebenfalls individuell entschieden werden. »Bei der KHK in stabiler Situation bringt die Katheter-Behandlung zwar meist eine Verbesserung der Symptome, verlängert aber auch nicht das Überleben«, so Maack. Somit könnte ein personalisierter Medikamentenplan oft eine sinnvolle Alternative zum Katheter sein. Medikamente könnten dem Muskel helfen, mit der Engstelle umzugehen. »Ein bisschen Stress kann dem Herzen auch guttun«, beschreibt Maack die sogenannte Präkonditionierung. »Das Herz aktiviert molekulare Selbst-Schutzmechanismen und optimiert seinen Stoffwechsel, sodass es resistenter gegen den Sauerstoffmangel wird.«

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