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Pandemie

Wenn Solidarität an ihre Grenzen stößt

Die pandemische Ausbreitung des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 wird über kurz oder lang zu Arzneimittelknappheit führen. Jetzt ist Solidarität gefragt – auch und gerade unter Heilberuflern. Ein Kommentar von PZ-Chefredakteur Theo Dingermann.
Theo Dingermann
12.03.2020
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Am 11. März 2020 gegen 17:30 Uhr erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Covid-19 zur Pandemie. Damit ist SARS-CoV-2 offiziell ein pandemisches Virus und Covid-19 ein Krankheitsausbruch, der nicht mehr örtlich beschränkt ist, sondern der sich unkontrolliert über Kontinente hinweg ausbreitet.

»4291 Menschen sind bereits gestorben. Tausende weitere kämpfen in Kliniken um ihr Leben«, schreibt die WHO. Diese Zahlen werden in den kommenden Tagen und Wochen steigen. Obwohl das Virus bei gesunden Menschen überwiegend vergleichsweise milde Symptome verursacht, kann in den betroffenen Staaten die hohe Zahl von Erkrankten in einem begrenzten Zeitraum zu einer katastrophalen Überlastung des Gesundheitssystems führen, warnt die WHO.

Spätestens jetzt sollten wir beginnen, uns ernsthaft mit den Problemen einer Priorisierung im Gesundheitssystem zu beschäftigen. Denn in einer Katastrophensituation kann man unglücklicherweise nicht mehr jedem helfen. Eine gruselige Vorstellung gewiss, die aber schneller Realität werden könnte, als uns lieb ist.

Zurecht sind wir stolz auf unserer solidarisch aufgestelltes Gesundheitssystem. Die Idee eines solchen Systems besteht darin, jedem angemessen zu helfen, der wegen seines Gesundheitszustands Hilfe braucht. In unserer Gesellschaft sind Alternativen kaum denkbar, obwohl es sich hier prinzipiell keineswegs um eine Selbstverständlichkeit handelt. Da braucht man nur in Richtung USA zu blicken.

Das Solidarsystem stößt aber in einer Katastrophensituation zwangsläufig an seine Grenzen. Berichte italienischer Ärzte, die verzweifelt versuchen, schwer Kranken zu helfen, sind bereits zu lesen. So schildert auf »Spiegel Online« die Ärztin Francesca Mangiatordi: »Wir wissen gar nicht, wie wir die Schichten besetzen sollen. Das Personal rennt von Patient zu Patient. Wir sind nicht in der Lage, allen gerecht zu werden.« Das ist das Szenario, vor dem Virologen und Epidemiologen seit Wochen warnen: der Kollaps einer geregelten Versorgung von Patienten.

Lieferengpässe: Grund für Priorisierung

Wäre das nicht schon schlimm genug, sehen wir uns mit einem weiteren Problem konfrontiert, das möglicherweise auch Anlass für eine Priorisierung sein könnte: die Nichtverfügbarkeit lebenswichtiger Medikamente. Auch hier könnte die Corona-Pandemie ihren Anteil haben, jedoch anders als vielleicht spontan vermutet. Lebensbedrohliche Versorgungsengpässe – sollten sie denn so drastisch ausfallen, dass an eine Priorisierung gedacht werden muss – scheinen wohl nicht so sehr von der Corona-Epidemie in China verursacht zu werden, sondern von der katastrophalen Situation in Italien. Gerade dort werden lebenswichtige Medikamente produziert. »Italien liegt in der Pharmaproduktion vor Deutschland«, titelte die »Neue Zürcher Zeitung« zum Beispiel am 15. August 2019. So scheint die Gefahr lebensbedrohlicher Lieferengpässe weniger aus Asien als vielmehr aus dem Süden Europas heraufzuziehen.

Sollte der Ernstfall eintreten, muss auch hierzulande priorisiert werden. Obwohl dann zunächst die Ärzte gefragt sind, da es sich bei den nicht in ausreichenden Mengen verfügbaren Medikamenten praktisch ausnahmslos um rezeptpflichtige Medikamente handeln wird, liegt es nahe, dass zur Bewältigung eines solchen Problems auch die Apotheken in Deutschland in die Pflicht genommen werden. Wie? Darüber wird momentan intensiv beraten.

Ein Szenario darf dann zumindest gewiss nicht eintreten: Der Mangel darf nicht dadurch noch weiter eskaliert werden, dass einzelne Apotheken beginnen, sich unangebracht zu bevorraten. Das wäre eine Sünde wider die Solidarität, die trotz allem auch in Zeiten ihren Platz haben muss, in denen Priorisierung erforderlich ist.

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